Norderstedt
Kreis Segeberg

Klimawandel bedroht die Wälder im Norden

Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, steht im Segeberger Forst – dort mussten 200 Fichten gefällt werden.

Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, steht im Segeberger Forst – dort mussten 200 Fichten gefällt werden.

Foto: Christopher Herbst

Borkenkäfer, Dürre, Wetterextreme: Bäume sind dem Klimawandel zunehmend schutzlos ausgeliefert. Fachleute sind alarmiert.

Dass von einem 1,6 bis 5,5 Millimeter kleinen Insekt wie dem Borkenkäfer eine existenzielle Gefahr ausgehen kann, ist im ersten Moment schwer vorstellbar. Und würde es sich bloß um ein Einzelexemplar handeln, wäre die Bedrohung auch zu vernachlässigen. Doch was ist, wenn ein Muttertier bis zu 100.000 Nachkommen hat, wenn in einem Baum 30.000-facher Nachwuchs aufwächst, wenn der Prozess vom Ei bis zur Puppe nur sechs Wochen dauert und pro Jahr bis zu vier Generationen aufeinander folgen? Für einen Wald kommt das im schlimmsten Fall einem apokalyptischen Szenario gleich. „Wir haben das Potenzial für eine Jahrhundertkatastrophe“, sagt Tim Scherer.

Er ist Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (SHLF) und muss die schlechten Nachrichten überbringen. Das geschieht direkt an der Front im Kampf um die Zukunft des Waldes. Tief im majestätischen Segeberger Forst, 15 Autominuten außerhalb der Siedlung Glashütte, wo Scherer auch privat wohnt. Einige Hundert Meter abseits eines Wirtschaftsweges bricht das Dickicht auf. Nur noch Baumstümpfe zeugen von dem, was hier einmal war. In der Abteilung „2064“ – der 2000 Hektar große Forst ist in Sektoren unterteilt – sind auf 0,5 Hektar in diesem Frühjahr bereits 200 Fichten, jeweils um die 70 Jahre alt, gefällt worden. Die Bäume waren derartig geschwächt, dass sie massiv befallen wurden von Borkenkäfern, genauer gesagt der Unterart der Buchdrucker. Die braune Verfärbung, ausgehend von den Kronen, ist hierfür ein Indikator. Regelmäßig gehen die Forstwirte durch den Bestand, untersuchen die Stämme mit einem Fernglas nach charakteristischen Merkmalen für die Schädlinge, markieren diese dann mit Farbe – und rücken später mit Motorsägen an.

Der Wald sei im „Burnout“, so Scherer. „Durch den Klimawandel, durch Wetterextreme. 2017 sind wir fast abgesoffen. Anfang 2018 waren wir von starken Stürmen geplagt. Dann ging es über zur großen Wärme, der Dürre, das kann selbst der stabilste Wald nicht ab.“ Die Wasserressourcen waren im vergangenen Jahr schon im April verbraucht. „Der fehlende Niederschlag wirkt heute noch nach.“

Für den Borkenkäfer sind die Bedingungen hervorragend. „Er befällt geschwächte Bäume“, sagt Jens-Birger Bosse, der bei den SHLF verantwortlich ist für Waldschutz und biologische Produktion. „Die Vermehrung der Käfer ist fast explosionsartig. Wenn sie im Gange ist, dann ist es fast unmöglich, darauf zu reagieren.“ Die Tiere orientieren sich am Geruch. Eine schwache Fichte sondert Alpha-Pinene ab, die Käfer untereinander Pheromone. Wären die Bäume gesund, hätten sie ein Schutzharz entwickelt – das ist nicht passiert. Noch würden sich die Schäden in Schleswig-Holstein laut SHLF „in Grenzen halten“. Doch im waldärmsten Bundesland fallen Verluste umso mehr ins Gewicht. „Jede kleine Fläche, die abstirbt, tut uns weh“, sagt Tim Scherer. Regional denkt er sowieso nicht mehr. „Wälder sind Teil der Lösung, um CO2 zu reduzieren.“ Global, wohlgemerkt.

Schwache Bäume haben keine Chance gegen Borkenkäfer

Ortswechsel. In Henstedt-Ulzburg stapfen Anne Neufert und Petra Walz aus dem Fachbereich für Grünplanung und Umwelt durch eine Fläche an der Olzeborchschule. Rund um Ostern wurden hier 45 Fichten gefällt. Auch dafür ist der Borkenkäfer verantwortlich. Neben dem Buchdrucker war hier auch der Kupferstecher am Werk. „Die Käfer kommen von Natur aus vor, sie sind dafür da, schwache Bäume absterben zu lassen“, so Petra Walz. Doch in einer Fichtenmonokultur ist kein natürliches Gleichgewicht vorhanden. „Ökologisch gesehen, sind Laubwälder besser. Auch für die Tierwelt. Fichten werden immer mehr verschwinden.“

24 Prozent des Baumbestandes in Schleswig-Holstein sind Fichten. Besser wären etwa zehn Prozent. Aber es hat historische Gründe, warum in der norddeutschen Tiefebene so viele dieser Kieferngewächse stehen, die eigentlich eher für Höhen um die 500 Meter geschaffen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Reparationen an die Siegermächte auch in Holz geleistet. Parallel benötigte die junge Bundesrepublik den Rohstoff für den Wiederaufbau und zum Heizen. Und weil Fichten nun einmal vergleichsweise schnell wachsen, wurden sie im Sinne einer effektiven Forstwirtschaft überall gepflanzt.

Heute wissen es die Kommunen besser. So ersetzte Henstedt-Ulzburg vor einigen Jahren ein ebenso durch Borkenkäfer abgestorbenes Waldstück am Südrand der Großgemeinde mit Buchen, die sich positiv entwickeln. „Es ist wegen des Klimawandels schwierig, die richtigen Bäume zu finden. Je wärmer es wird, desto mehr müssen wir uns auf südeuropäische Vegetation einlassen“, erklärt Anne Neufert. Auch die Nachbarstadt Norderstedt musste im vergangenen Winter an drei Standorten (Pilzhagen, Syltkuhlen, Lemsahler Weg) 142 Fichten fällen. Um den fatalen Prozess Trockenheit – Käferbefall – Baumsterben zu stoppen, werden die Schleswig-Holsteinischen Landesforsten im Segeberger Forst eine Maßnahme durchführen, die einem Tabubruch gleichkommt.

„Wir sind aus Überzeugung 15 Jahre immer ohne Chemie ausgekommen. In diesem Jahr werden wir erstmals mit einem Insektizid arbeiten“, kündigt Tim Scherer an. „Es ist eine Möglichkeit, den Wald zu retten.“ Trinet-P heißt der Stoff, ein Pflanzenschutzmittel. Dieses wird auf einem Netz verteilt, das auf einer Art Tripod gespannt ist. „Der Käfer wird angelockt, landet, fliegt dann wieder los und stürzt irgendwann ab. Die verendeten Käder verteilen sich in der Umgebung.“

Revierförster Matthias Sandrock und seine Forstwirte müssen die vielversprechendsten Punkte für diese Fallen finden. „Es wird genau geguckt, wo wir das System aufstellen können. Es werden nicht mehr als 30 sein.“ So müssen Käfer in der Umgebung zwar vorkommen, aber keine Fichten, deren Gerüche ansonsten zu dominant wären. Auch die Thermodynamik muss stimmen, dazu sollten es Standorte mit stärkerer Sonnenbestrahlung sein. Weil Trinet-P stark nachgefragt ist, stehen die Landesforsten auf einer Warteliste. Dabei wird die Zeit knapp – sobald sich die Temperaturen konstant im zweistelligen Bereich befinden, beenden die Borkenkäfer ihre Winterruhe. Dann müssen die Fallen platziert sein.

Mischwälder könnten mit Hitze besser zurechtkommen

Tim Scherer klingt nicht optimistisch. „Ich befürchte, dass der Klimawandel nicht von heute auf morgen gestoppt werden kann.“ Er appelliert an die Politik. „Wir brauchen eine Förderung für die Waldaufforstung.“ Gerade Besitzer von Privatwäldern hätten Probleme mit der Finanzierung.

Doch was ist, wenn die Käfer gewinnen, wenn der Sommer 2019 trocken und heiß wird? „Das Borkenkäferproblem ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir haben zu wenig Wasser im Wald. Wir werden die Esche fast ganz verlieren. Wir wissen nicht, wie die Buche auf die Trockenheit der letzten Jahre reagiert oder wie der Ahorn in Gefahr ist.“

Das Ziel ist ein systematischer Waldumbau. „Dabei gilt: Vielfalt streut Risiko. Bei unterschiedlichen Baumarten ist die Wahrscheinlichkeit einfach größer, dass einige von ihnen mit sich verändernden Bedingungen wie extremer Hitze und Trockenheit besser zurechtkommen.“ Trotzdem sei dies eine „Jahrhundertaufgabe“.

Wir haben das Potenzial für eine Jahrhundertkatastrophe