Norderstedt
Landgericht

Im Kaufrausch mit fremder Kreditkarte – Prozess

Die meisten der etwa 34 Millionen Kreditkarten in Deutschland stammen von den Marktführern Visa und Mastercard.

Die meisten der etwa 34 Millionen Kreditkarten in Deutschland stammen von den Marktführern Visa und Mastercard.

Foto: picture alliance / Lex van Liesh

Die 28-jährige ging mit der vergessenen Kreditkarte eines Kunden shoppen und gab 1500 Euro im Alstertal-Einkaufszentrum aus.

Norderstedt.  Stell’ Dir vor, Du findest die Kreditkarte eines Fremden, dessen Unterschrift leicht zu fälschen ist – und du verfällst in einen Kaufrausch. Statt das fremde Zahlungsmittel umgehend seinem Besitzer, dem Geldinstitut oder der Polizei zukommen zu lassen, ging die 28-jährige Kassiererin einer Tankstelle in Norderstedt damit ausgiebig shoppen.

Am Dienstag fand die Shoppingtour vor dem Kieler Landgericht ihr bitteres Ende: die nicht vorbestrafte Frau wurde wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu 5400 Euro Geldstrafe verurteilt. Sie kann die Strafe in 180 Tagessätzen á 30 Euro abstottern.

Die Norderstedterin nutzte die Vergesslichkeit eines Kunden aus

Doch für die 28-Jährige ist der Schaden nicht nur finanziell. Sie sitzt vor dem Scherbenhaufen ihrer beruflichen Karriere.

Den vielleicht größten Fehler ihres jungen Lebens beging die Frau im März 2017. Da jobbte sie in einer Norderstedter Tankstelle. Ein offenbar vergesslicher Kunde hatte die Tankrechnung mit seiner Visa Card beglichen und danach auf dem Tresen an der Kasse liegengelassen. Ein Mitarbeiter der Nachtschicht nahm sie an sich und legte sie zunächst beiseite. Als die Angeklagte am nächsten Morgen bei Dienstbeginn die fremde Visa Card auf der Fensterbank entdeckte, griff sie zu. Noch am selben Abend fuhr sie mit zwei Freunden ins Alstertal Einkaufszentrum (AEZ) in Hamburg und verfiel in einen wahren Kaufrausch. Drei Paar Schuhe im Wert von 400 Euro kaufte sie mit der Karte ein, hochwertige Kleidung des Labels Marco Polo für 539 Euro, Schickes von Tommy Hilfiger für 596 Euro.

Sie geriet in einen Kaufrausch und verprasste 1500 Euro

Innerhalb weniger Stunden verprasste die Norderstedterin ein Mehrfaches ihres damaligen Monatseinkommens. Beim Bezahlen zeichnete sie die Belege mit der gefälschten Unterschrift des geschädigten Karteninhabers handschriftlich ab. In drei von zwölf Läden verweigerte die Kreditkarte den Bezahlvorgang. Sobald die Karte streikte, trat sie vom Kauf zurück. Die Belastung des fremden Kontos addierte sich auf rund 1500 Euro. Das Geldinstitut kam für den Schaden auf.

Für ihren Betrug hatte die 28-Jährige bereits in der Tankstelle für wasserdichte Beweise gesorgt. Vor dem Trip durchs Hamburger Einkaufszentrum hatte die Angeklagte die gefundene Visa Card beim Kauf von Zigaretten getestet – am eigenen Arbeitsplatz, vor laufender Überwachungskamera. Mit einem Blick ins Überwachungsvideo hatte ihre Chefin den Sekunden genau dokumentierten Computerbetrug erkannt. „Das warst nicht du!“, sagte ihr später die Pächterin der Tankstelle. „Du warst total hektisch, bist hin und hergerannt.“ Die Angeklagte erlebte ihre Spontantat „wie einen Film“, wie sie vor Gericht sagte. Eine Kurzschlussreaktion, sie erlag der Konsum-Versuchung und der vermeintlichen Aussicht, nicht erwischt zu werden. Dass sie auffliegen musste, war der Angeklagten nicht klar. Oder sie hatte es verdrängt.

Der Freund der 28-Jährigen hatte sie auf die schlechte Idee gebracht

„Was hat sie denn da geritten?“, will die Vorsitzende der Berufungskammer wissen. Die bis dahin unbescholtene Angeklagte erklärte, ihr damaliger Freund habe sie am Telefon ermuntert, die Karte einzusetzen. Hat sich die junge Frau also durch schlechten Umgang die beruflich aussichtsreiche Zukunft verstellt? Die aus Tadschikistan stammende Angeklagte schaffte in Schleswig-Holstein das Abitur, studierte zehn Semester Physik. Ihre Ausbildung zur Speditionskauffrau finanzierte sie durch den Nebenjob in der Tankstelle.

In erster Instanz verurteilte sie das Amtsgericht Norderstedt noch zu 10 000 Euro Geldstrafe (200 Tagessätze á 50 Euro). Das war im Juli 2018. Doch inzwischen verlor sie wegen des Vorfalls auch noch ihren neuen Job bei einer internationalen Spedition. Weil die Kauffrau in die Flugfracht-Abteilung am Airport aufsteigen sollte, war eine Sicherheitsüberprüfung fällig. Dadurch erfuhr auch der neue Arbeitgeber von ihrem Ausrutscher. Es folgte die Kündigung. Die junge Frau ist jetzt arbeitslos.

Deshalb milderte die Kieler Berufungskammer die Geldstrafe und gewährte monatliche Abzahlung in 100-Euro-Raten. Die Angeklagte und ihr Verteidiger hatten auf eine Verwarnung mit Strafvorbehalt gehofft. Schließlich liege die Sache bereits zwei Jahre zurück. Dann wäre die Vorstrafe der Arbeitssuchenden nicht im Führungszeugnis aufgetaucht. Doch für eine milde „Geldstrafe auf Bewährung“ sahen weder die Staatsanwältin noch die Berufungskammer einen Raum.