Norderstedt
Kreis Segeberg

Verkaufspartys im Wohnzimmer liegen wieder im Trend

Dessous-Beraterin Nadine Boehmfeld (2.v.r.) mit Gastgeberin Feli (l.) und den Gästen Mandy, Diana und Franzi (v.l.) beim Fachsimpeln.

Dessous-Beraterin Nadine Boehmfeld (2.v.r.) mit Gastgeberin Feli (l.) und den Gästen Mandy, Diana und Franzi (v.l.) beim Fachsimpeln.

Foto: Bianca Bödeker

Mit Sekt, Snacks und guter Stimmung: Das gesellige Shoppen ist gefragt – auch im Kreis Segeberg. Bianca Bödeker war für das Abendblatt dabei.

Kreis Segeberg.  Ob Kosmetik oder Katzenfutter, Tupper oder Thermomix, Dessous oder Dekoration: geselliges Shoppen im Wohnzimmer wird immer beliebter. Rund zehn Prozent der Bundesbürger besuchen regelmäßig eine Verkaufsparty. Sie konsumieren zwischen Sessel und Sofa jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von mehr als 17 Milliarden Euro. Das ergeben Studien der Universität Mannheim, die der 1967 in Frankfurt am Main gegründete Bundesverband Direktvertrieb Deutschland (BDD) seit 2012 jährlich in Auftrag gibt.

Sind die Produkte auch unterschiedlich, das Konzept bleibt immer gleich: Berater stellen auf Partys, in Heimvorführungen oder beim Vertreterbesuch in vertrauter Atmosphäre ihre Produkte vor, die sofort aus- bzw. anprobiert und gekauft werden können. Rund 885.000 Vertriebspartner sind für Direktvertriebsunternehmen in Deutschland aktiv. Bis 2022 sollen es mehr als eine Million sein.

Nadine Boehmfeld ist eine von ihnen. Statt den Blutdruck ihrer Patienten zu messen, misst die gelernte Arzthelferin nun die Körbchengrößen ihrer Kundinnen. 2017 kreierte die 39-Jährige ihr eigenes Label LauraB Dessous, unter dem sie Marken-Wäsche vertreibt. Und dazu von Hamburg aus drei- bis viermal pro Woche mit Koffer und Kleiderstange von Haus zu Haus reist.

An diesem Nachmittag hat Gastgeberin Feli (42) zur Dessous-Party nach Kayhude geladen. Der Wohnzimmertisch in ihrem Einfamilienhaus ist gedeckt. Ihr Mann hat Sekt und Snacks spendiert und sich mit dem siebenjährigen Sohn Richtung Kletterspielplatz verzogen. Der erste Sektkorken knallt. Felis Schwester Franzi (40) schenkt ein. Stößchen! Beschwingt lauscht die Damenrunde nun den Worten der Beraterin. Da geht’s um die neue Kollektion, um schlichte Bügel- oder schicke Bandeau-BHs, um edle Seide und verführerische Spitze, um Passform und Problemzonen. Gastgeberin Feli zeigt sich entzückt von dem apricotfarbigen Complet und nimmt noch ein Schlückchen Sekt, während Nadine Boehmfeld den Zauberslip präsentiert, der aus einem 08/15 Hinterteil einen knackigen Apfelpo modelliert.

Pro Sekunde werden drei Produkte direkt veräußert

Der traditionelle Absatzweg Direktvertrieb hat sich laut BDD, ihm gehören rund 50 Unternehmen an, im Handel längst als eigenständige Betriebsform ausgeprägt und in vielen Geschäftsfeldern etabliert. Das prozentuale Umsatzwachstum der Direktvertriebsunternehmen war im vergangenen Jahrzehnt viermal höher als im stationären Handel. Pro Sekunde werden allein in Deutschland drei Produkte direkt veräußert. Verkaufspartys und Heimvorführungen bleiben dabei die beliebtesten Vertriebswege (54 Prozent), gefolgt vom klassischen Vertreterbesuch. Das Geschäft ist da stark, wo es sich um innovative und erklärungsbedürftige Produkte handelt. „Die Ergebnisse belegen, dass nicht nur die Produkte der Direktvertriebsunternehmen äußerst attraktiv sind“, sagt Studienautor Florian Kraus, Professor für Vertrieb und Dienstleistungsmarketing der Universität Mannheim. Die Kunden schätzen auch die individuelle und persönliche Beratung, die der Direktvertrieb als einzige Vertriebsform in dieser Weise bietet.

Während in Kayhude die Dessous-begeisterte Damenriege zum Anprobieren ins Ankleidezimmer Richtung Wandspiegel marschiert und sich mittlerweile gegenseitig berät, wird in Sabine Rusts Norderstedter Wohnzimmer geputzt. Die 66-Jährige managt die Direktion Nord des Direktvertriebs Prowin nomis mit rund 150 VertriebspartnerInnen, die wie sie alle auf Provisionsbasis arbeiten. Heute macht Sabine Rust zu Hause selbst eine Party. Eine Fußbodenparty mit Pflegetüchern, Reinigungskonzentraten und -geräten.

Doch bevor es losgeht, erhalten die Gäste - drei Damen und ein Herr - erst mal ein Handpeeling samt anschließender Pflege aus der eigenen Wellness-Serie, die neben Tiernahrung zu den beiden weiteren Prowin Produktserien gehört. Angenehm eingestimmt, nehmen die Gäste nun um den kulinarisch eingedeckten Couchtisch Platz. Auch hier wird erst mal ein Gläschen Sekt gereicht. Und dann erscheint er: Mister Flexible. „Mit dem kann jede Frau machen, was sie will“, sagt Sabine Rust, lacht und präsentiert ein Reinigungsgerät mit Aluminium-Wischplatte in Trapezform, über ein Doppel-Scharniergelenk mit Aufnehmer und dreiteiligem Stiel verbunden. Garantiert rückenschonendes Arbeiten! Mit unterschiedlichen Putztüchern und den eigens hergestellten Reinigungsmitteln lässt sich der hilfreiche Hausfreund auch in anderen Bereichen wie Fenster oder Terrasse einsetzen.

Branche wächst nicht trotz, sondern wegen des Internets

Aus ihrer 25-jährigen Erfahrung im Direktvertrieb weiß die Mutter zweier Söhne: „Wer erfolgreich sein will, muss authentisch sein, Leidenschaft für die Marke und die Produkte mitbringen und dies im Kundengespräch auch ausstrahlen.“ Und wenn zufriedene Kunden den anderen Gästen auch noch von ihren positiven Erfahrungen mit den Produkten erzählen, klappe das auch mit dem erfolgreichen Verkaufen. Gast Thomas (59) ist so ein zufriedener Kunde, der an diesem Nachmittag gern von seinen Erfahrungen mit Prowin win-i erzählt - ein Raumreinigungssystem mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in einem Produkt vereint.

Interessant: Bereits mehr als 40 Prozent der Direktvertriebe betreiben inzwischen Webshops als zweiten Absatzkanal. Etwa ein Fünftel hat sogar eigene Läden. Die Branche wachse laut BDD nicht trotz, sondern gerade wegen des Internets. Durch die sozialen Medien sei es einfacher geworden, mit Kunden und Vertriebspartnern in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Facebook ist dabei der wichtigste Kontaktkanal mit 53 Prozent vor Xing (27 Prozent) und Instagram (23 Prozent). Gut zu wissen: Wer gar zu überschwänglich ein Produkt bestellt hat, auf das er nach erneutem Blick ins Portemonnaie verzichten möchte, kann die Bestellung laut Verbraucherzentrale binnen 14 Tagen ab Vertragsschluss bzw. ab Erhalt der Waren widerrufen. Über dieses Recht müssen Käufer bei Vertragsabschluss informiert werden.

In Kayhude neigt sich die Party dem Ende zu. Sekt und Snacks sind verzehrt, die Bestellzettel ausgefüllt. Dessous Beraterin Nadine Boehmfeld freut sich über 700 Euro Umsatz, Gastgeberin Feli über einen 25 Euro Gutschein und vergünstigte Wäsche aus dem Sortiment. Auch Beraterin Sabine Rust in Norderstedt ist mit dem Verkauf zufrieden. Und das eingangs verabreichte Handpeeling zeigt auch nach drei Stunden noch seine Wirkung: Kundin Randi (43) hat heute nicht nur gekauft, sondern gleich noch eine Party mit Prowin-Wellnessprodukten gebucht.