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Norderstedts Schulen starten ins digitale Lernen

Sie arbeiten am Lessing-Gymnasium digital: Schulleiter Carsten Apsel, Randi Passoth aus dem Sekretariat und die Lehrkräfte Dorian Kannenberg, Yasmin Stroh-Kelleh, Verena Meisel und David Hoffmann (von links).

Sie arbeiten am Lessing-Gymnasium digital: Schulleiter Carsten Apsel, Randi Passoth aus dem Sekretariat und die Lehrkräfte Dorian Kannenberg, Yasmin Stroh-Kelleh, Verena Meisel und David Hoffmann (von links).

Foto: Michael Schick

Am Lessing-Gymnasium gehen die Lehrer voran. Die Stadt stellt eine Koordinatorin ein. Unklar ist, wie viel Geld aus dem Digital-Pakt kommt.

Norderstedt.  Nicht verharren und theoretisieren, sondern machen und ausprobieren. Nach diesem Motto ist das Lessing-Gymnasium in die digitale Lernwelt gestartet. Die Norderstedter Schule hat sich mit Hilfe einer externen Fachfirma und der Netzwerk-AG ein schulweites Wlan geschaffen und die 60 Lehrer mit Tablets ausgestattet, wobei auch Notebooks zum Einsatz kommen. „Ziel ist, dass zunächst die Pädagogen Erfahrungen sammeln. Allerdings gibt es auch drei Schüler im Jahrgang 9, die das Lernen mit Tablets testen“, sagt Schulleiter Carsten Apsel. Und es gibt Tabletkoffer mit 32 Endgeräten, die im Unterricht eingesetzt werden.

Das Kollegium ist in die Offensive gegangen, wollte nicht auf den Digital-Pakt warten – fünf Milliarden Euro, verteilt auf fünf Jahre, will der Bund den Ländern für das digitale Lernen zur Verfügung stellen. 170 Millionen Euro dürften nach Schleswig-Holstein fließen, hat das Bildungsministerium errechnet. Bei 820 öffentlichen Schulen würde das rein rechnerisch gut 200.000 Euro pro Schule bedeuten. Allerdings hat Bildungsministerin Karin Prien (CDU) schon darauf hingewiesen, dass das Geld nicht nach dem Gießkannenprinzip weitergegeben wird. Sollen Grundschulen so viel bekommen wie weiterführende, kleine so viel wie große, gut ausgestattete so viel wie Schulen, bei denen noch der Overhead-Projektor im Einsatz ist? Antworten auf diese Fragen sollen in die Förderrichtlinien einfließen, die gerade erarbeitet wird.

Wir können nicht mehr warten“, sagt auch Heike Schlesselmann, die das Coppernicus-Gymnasium leitet. Die Eltern hätten nach Beschluss im Schulelternbeirat einen Klassensatz Tablets gekauft, mit dem jetzt eine siebte Klasse Erfahrungen sammelt. Wann ist der Einsatz digitaler Lernhelfer sinnvoll? Wie Kollege Apsel setzt auch Schlesselmann auf learning by doing. Es gebe technikaffine Lehrkräfte, die Kollegen intern schulten und Unterrichtsmaterial für den digitalen Einsatz zusammenstellten.

Dennoch ist der technologisierte Unterricht für Apsel nicht das Allheilmittel: „Analoges Vermitteln wird weiterhin stattfinden, vor allem in der Unterstufe.“ Die Kinder und Jugendlichen müssten erst vernünftig schreiben können, ehe sie ihren Gedanken auf dem Display Ausdruck verleihen. Und nicht jede Lehrkraft sei willens und in der Lage, von einem Tag auf den anderen jahrelange Gewohnheiten über Bord zu schmeißen. Deswegen haben die Pädagogen am Lessing-Gymnasium das Analog-Digital-Kreuz erfunden – Arbeitsblätter werden gescannt, und sofort können die Schüler arbeiten.

Aufbruch heißt es auch im Rathaus, sichtbares Zeichen ist Tanja Jeschke. Die Diplom-Psychologin und Betriebswirtin, die auch als Koordinatorin für E-Learning und Datenschutzbeauftragte gearbeitet hat, koordiniert die digitalen Aktivitäten der Norderstedter Schulen. Da hat die Datensicherheit hohe Priorität. „Wir brauchen unabhängig vom stadtweiten Wlan ein separates und sicheres Netz für die Schulen“, sagt Jeschkes Chef Norbert Weißenfels.

Zugriff nur mit persönlichem Nutzernamen und Kennwort

Die Lernplattform wird am IT-Bereich im Rathaus angedockt, zentral verwaltet und betreut. Zugriff haben alle Schulen, Lehrer und Schüler über einen persönlichen Nutzernamen und ein Passwort, die Kennung geht mit, wenn die Schüler von der Grundschule in die weiterführende Schule wechseln. Auf dieser Plattform können die Schüler und Lehrer Dateien ablegen und, in geschützten Klassengruppen, mit den Lehrern kommunizieren. „Neue Lernsoftware können wir zentral aufspielen“, sagt Tanja Jeschke.

Die Zugangspunkte für den Unterricht mit dem drahtlosen Netz werden die Mitarbeiter von wilhelm.tel installieren. Der Norderstedter Kommunikationsanbieter, bundesweit Vorreiter beim schnellen und kabellosen Datentransfer, musste sich der europaweiten Ausschreibung stellen.

Um alle Schulen mit Wlan auszustatten, wird, so Weißenfels, ein niedriger einstelliger Millionenbetrag nötig sein. Die zwölf Grundschulen sollen noch in diesem Jahr digital unterrichten, jede Schule soll zwei Koffer mit je 16 Tablets und einem integrierten Zugangspunkt bekommen. Dafür stehen rund 300.000 Euro im Haushalt. „Bring Your Own Device“ (BoD) soll es in den weiterführenden Schulen heißen, die Schüler sollen ihre eigenen Endgeräte mitbringen. Einig sind sich alle, dass Handys ausscheiden, schon, weil das Display zu klein ist. Offen ist, so die IT-Spezialsten im Rathaus, ob die Schule bzw. die Eltern die Geräte anschaffen oder die Stadt in die Bresche springt, möglicherweise auch durch Zuschüsse. „Das ist eine politische Entscheidung“, sagt Weißenfels.

„In jedem Fall müssen Vorgaben gemacht werden“, ergänzt Jeschke, um zu verhindern, dass der eine Schüler mit dem Top-Tablet lernt, der andere sich aber mit einem Billigprodukt begnügen muss. „Das würde ungleiche Lernvoraussetzungen schaffen und Diskriminierung fördern“, sagt Rainer Bülck, Leiter der Gemeinschaftsschule Harksheide, der BoD ablehnt . Werden die Geräte zentral angeschafft, könnten auch Schäden und Haftungsfragen leichter geregelt werden.

Robuste und einfache Lösungen sind nötig

„Wichtig sind einfache und robuste Lösungen“, sagt Weißenfels. Wer wie ein Lehrer aus dem Oberallgäu sieben Minuten braucht, um den Rechner hochzufahren, hat schlechte Karten bei Schülern, die schon mit drei Jahren übers Handy-Display wischen. Den Support will Koordinatorin Jeschke leisten, eine zweite Stelle soll hinzukommen, langfristig das Team auf fünf bis sechs Mitarbeiter wachsen. Die Lehrer sollen eingebunden werden, um flexibel zu sein. „Es gibt genug technikaffine Pädagogen, so dass wir nicht jedes Mal ausrücken müssen, wenn neue Software aufgespielt werden soll“, sagt Weißenfels.

Auch der Kreis Segeberg widmet sich der digitalen Bildung, weniger als Schulträger, denn von den mehr als 80 Schulen fallen nur fünf in dessen Zuständigkeit: die Beruflichen Bildungszentren in Bad Segeberg und Norderstedt und drei Förderzentren. Dennoch will Bildungsmanager Moritz Lorenzen erfassen, wie digital jede Schule im Kreis ist.

Von guter Ausstattung bis zur Arbeit mit dem CD-Player

„Es zeichnet sich ein sehr heterogenes Bild ab. Von technisch gut ausgestatteten Schulen bis hin zu Schulen an denen der CD-Player das modernste technische Gerät im Unterricht ist“, sagt Lorenzen. Er sieht seine Aufgabe vor allem darin, die Schulen zu vernetzen, Fortbildungen für Lehrkräfte und Wissenstransfer zu organisieren. Nahezu jeder private Haushalt, in dem die Jugendlichen heute leben, sei mit Wlan und diversen technischen Geräten weit besser ausgestattet als der überwiegende Teil der Schulen. „Es ist Zeit, dass auch der schulische Raum seinen non-digitalen Winterschlaf beendet“, fordert Lorenzen.

Dazu gehöre, den Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln, was im Lehrplan auch vorgesehen sei. „320 Zeichen in 15 Sekunden zu tippen und diese Nachricht möglichst vielen Menschen digital zugänglich zu machen, stellt noch keine intellektuelle Kernkompetenz dar. Ein passendes Youtube-Video dazu ebenso wenig. Wortschatz, Grammatik und inhaltliche Substanz in den Aussagen schon eher“, sagt Lorenzen. Auch im 21. Jahrhundert seien das Beherrschen des schulischen Bildungskanons und das Schreiben mit der Hand elementar wichtig. Digitaler Unterricht erweitere im besten Fall das Lernen durch einen vielfältigeren Methodenbaukasten. Nur: Die Lehrkräfte müssten auch in die Lage versetzt werden, ihn anwenden zu können. Daher müsse die Fortbildung deutlich ausgebaut werden.

„Ein Teil der Lehrkräfte ist sehr engagiert dabei, ein größerer Teil noch skeptisch, ein nicht zu unterschätzender Teil sieht mehr Gefahren als Nutzen in der Digitalisierung“, sagt der Bildungsmanager des Kreises. Schulungen und Praxis könnten vielen die Skepsis nehmen. Sobald der individuelle Nutzwert deutlich werde, weil das Unterrichten einfacher und zeitsparender wird, werde das die Mehrheit der Pädagogen vom Sinn der Digitalisierung überzeugen.