Norderstedt
Langenhorn

Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus

Margot Löhr sammelte zehn Jahre lang Informationen über Paul und Bertha Oppens. Nun erinnern Stolpersteine an das Paar, das 1942 deportiert wurde.

Margot Löhr sammelte zehn Jahre lang Informationen über Paul und Bertha Oppens. Nun erinnern Stolpersteine an das Paar, das 1942 deportiert wurde.

Foto: Bianca Bödeker

Margot Löhr ist Mitarbeitern der Initiative Stolpersteine und recherchiert Schicksale von Menschen, die vom NS-Regime ermordet wurden.

Langenhorn.  Sie sind zehn mal zehn Zentimeter groß, aus Beton gegossen und mit einer Messingtafel überzogen. Mehr als 5500 dieser Stolpersteine liegen in Hamburg auf öffentlichen Gehwegen. Fußgänger sollen im Geiste darüber stolpern, für einen Moment innehalten und die Eingravierung lesen: Unter der Überschrift „Hier wohnte...” weisen die Steine vor ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Bürger auf deren Deportation in der Zeit des Nationalsozialismus hin.

Am Ochsenzoll 62 liegen zwei Stolpersteine – bündig im Gehweg eingelassen – ganz dicht nebeneinander. Hier wohnten Dr. Paul Oppens, evangelisch-getaufter Notar jüdischer Abstammung, und seine Frau Bertha. Sie wurden am 24. März 1943 von Langenhorn nach Theresienstadt deportiert und am 12. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet.

Margot Löhr hat sich hingekniet. Vorsichtig putzt sie die beiden Gedenksteine, bis sie glänzen. Aus ihrem Garten in Fuhlsbüttel hat die 69-jährige Diplom-Psychologin zarte Märzbecher und rote Kamelien mitgebracht. Ihre ganz persönliche Geste gegen das Vergessen. Margot Löhr ist ehrenamtliche Mitarbeiterin der Initiative Stolpersteine Hamburg und eine von etwa 100 Biografieforscherinnen und Biografieforschern, die nicht nur in Hamburg Lebenswege von Menschen recherchieren und öffentlich machen, die unter dem NS-Regime verfolgt und deportiert wurden.

Ihre Geschichte über die Familie Oppens wurde kürzlich als Gastbeitrag in dem aktuellen Buch „Orte, Unorte und ein Sechstausender“ der Biografiegruppe St. Jürgen-Zachäus veröffentlicht. Mehr als zehn Jahre hat Margot Löhr an der Aufarbeitung des Schicksals der Familie Oppens gearbeitet, Informationen gesammelt und aus vielen Mosaiksteinchen ihr Leben rekonstruiert. Als Quellen dienten ihr unter anderem Adressbücher und Deportationslisten aus der Kartei der Jüdischen Gemeinde. Unterstützung fand Margot Löhr im Hamburger Staatsarchiv. Bei ihren Nachforschungen stieß sie auf einen Jugendfreund, der sich um den Nachlass der Familie kümmerte. Die Tochter des Nachlassverwalters lebt heute in Eppendorf und kannte das Ehepaar Oppens. Die 96-Jährige übergab Margot Löhr Dokumente und Fotos der Familie.

Zu forschen begann Margot Löhr im Jahr 2001, nachdem sie zugesagt hatte, eine Gedenkwand für Deportierte in der Fuhlsbüttler St. Lukas-Kirche mitzugestalten. Dafür musste sie herausfinden, wo im Stadtteil Juden, politisch Verfolgte und andere wohnten, die ins Visier des NS-Regimes geraten waren. Margot Löhr stieß auf das Mendelson-Israel-Stift, eine Einrichtung, die vor 1933 Bedürftigen ein Dach über dem Kopf bot und während der NS-Zeit zum Judenhaus umfunktioniert wurde. Von dort aus, das ergaben ihre Nachforschungen, wurden 34 Juden deportiert, sechs Bewohnerinnen nahmen sich zuvor das Leben. Margot Löhr wollte mehr wissen und machte sich an die Aufarbeitung der Schicksale.

Margot Löhr arbeitet regelmäßig mit Schulklassen

Rund 100 Biografien jüdischer Bürger hat Margot Löhr, die vor allem in den Stadtteilen Fuhlsbüttel, Ohlsdorf, Klein Borstel und Langenhorn recherchiert, bis heute fertiggestellt. Allein in Langenhorn mahnen 83 Stolpersteine gegen das Vergessen. Im Oktober 2017 wurden auf dem Gelände der Asklepios-Klinik-Ochsenzoll 23 Stolpersteine enthüllt für Kinder, die in der „Kinderfachabteilung“ der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn dem NS-Tötungsprogramm zum Opfer fielen.

Im Juni 2018 wurden an der Essener Straße in Langenhorn 49 Stolpersteine verlegt – für Kinder von Zwangsarbeiterinnen, die im Lager Tannenkoppel durch Vernachlässigung und Unterernährung ums Leben kamen. Derzeit beendet Margot Löhr mehr als 250 Biografien von Säuglingen und Kleinkindern, die in Hamburger Zwangsarbeitslagern und Kliniken umkamen. Das Buch soll in diesem Jahr erscheinen und wird, wie alle Stolperstein-Biografien, bei der Landeszentrale für politische Bildung am Dammtorwall erhältlich sein.

Kinder für das Projekt Stolpersteine zu gewinnen, ist der Mutter dreier erwachsener Söhne ein großes Anliegen. Mit Schulklassen sucht sie regelmäßig Stolpersteine auf, um diese gemeinsam zu putzen und von den Schicksalen der Menschen zu erzählen. „Dabei lege ich meinen Schwerpunkt auf Ausgrenzung“, sagt sie. Auch in Schulen sei das Thema aktuell. „Ausgrenzung findet immer statt, vielfach auch an Schulen. Deshalb ist das Thema stets aktuell für mich.“ Denn: „Unsere Vergangenheit hat gezeigt: Mit Ausgrenzung beginnt Schlimmes. Es ist wichtig, dass Kinder sich Gedanken machen: ‚Wie stehe ich zu meinem Nächsten? Wie gehen wir miteinander um?’ Dabei betone ich immer: ‚Die Juden haben nichts getan. Sie waren unschuldig.’ Wir haben eine Aufgabe, das nicht vergessen zu machen und die Geschichte weiterzutragen.“

Das Buch