Norderstedt
Tangstedt

„Rader Wühlmäuse“ kämpfen um ihre Kindertagesstätte

Die Eltern schätzen die familiäre Atmosphäre in Rade und werfen der Gemeinde Versäumnisse in der Ortsentwicklung vor.

Die Eltern schätzen die familiäre Atmosphäre in Rade und werfen der Gemeinde Versäumnisse in der Ortsentwicklung vor.

Foto: Christopher Herbst

Mehrheit in der Politik ist gegen Erhalt der Elementargruppe. In Wilstedt protestieren Eltern gegen Zwangsversetzung einer Erzieherin.

Tangstedt.  Die Prognose könnte nicht düsterer sein: „Ich habe die Erzieherinnen und die Eltern darauf vorbereitet, dass die Gemeinde Tangstedt die Kita schließen wird“, sagt Bürgermeister Jürgen Lamp (CDU). Eine höchst ungewöhnliche Aussage in Zeiten knapper Betreuungsplätze. Doch die Zeit der „Rader Wühlmäuse“, jener Elementargruppe im östlichen Ortsteil, ist nach Meinung der Politik und der Itzstedter Verwaltung abgelaufen. Am 31. Juli 2019 würde der Betrieb eingestellt – wenn morgen der Zentralausschuss (19.30 Uhr, Rathaus) und am 27. März die Gemeindevertretung entsprechende Beschlüsse fassen.

Warum? Lamp: „Ein Grund ist die Auslastung“. Zum 1. August geht das Amt von acht Kindern aus, für den 1. August 2020 nur von drei. Und das bei maximal 20 Plätzen und zwei Fachkräften. „Das rechtfertigt eine Gruppe nicht.“ Zudem habe ihm der Kreis signalisiert: Sollte der Betrieb in Rade, das formal zur Kita Himmelszelt gehört, bloß ruhen, bis die Nachfrage wieder ausreichend ist, würde es keine erneute Genehmigung geben. „In den Kitas im Ortsteil Tangstedt haben wir Kapazitäten. Die Überlegung ist, dass die Gruppe komplett mit Kindern und Erziehern rübergeht.“

Eltern schlagen längere Öffnungszeit vor

In Rade akzeptieren die betroffenen Familien die Argumente der Gemeinde nicht. „Wir stehen alle geschlossen gegen die Schließung und für den Standorterhalt. Wir hatten Hoffnung. Es wurde investiert, ein neuer Abenteuerspielplatz ist entstanden“, sagt Kathalin Bans, stellvertretende Vorsitzende des Elternbeirats. Die Eltern sagen: Es werden kaum Kinder angemeldet, weil Rade keine Langzeitperspektive bekommt von der Politik. Es fehlen also die Fürsprecher. „Es gibt hier genug Familien. Das Problem: Es fehlt mindestens eine Stunde Öffnungszeit.“ Derzeit sind die „Wühlmäuse“ von 8 bis 14 Uhr geöffnet. Bans sagt, sie wisse von drei Familien, die bei anderen Zeiten die Gruppe bevorzugen würden. Auch ihre eigene Tochter fühle sich in Rade wohler als in Tangstedt. Es gebe weitere Punkte, die für einen Erhalt sprächen: die Nähe zum Wald, der kurze Fahrweg und die Verbundenheit zu Rade, Wiemerskamp und Ehlersberg, die familiäre Atmosphäre, die Aufnahmeoption von Kindern, die erst zweieinhalb Jahre alt sind.

Das Dilemma: Die neue Kita Junges Gemüse samt Anbau ist nicht ausgelastet, hat genauso wie die andere Einrichtung im Ortsteil Tangstedt (Himmelszelt) und die Wilstedter Kita Kunterbunt eine prognostizierte zweistellige Vakanz im Elementarbereich für 2019/2020. Eine mögliche Folge: Die Förderung (150.000 Euro) für eine bisher nicht aktive Krippengruppe könnte verloren gehen. Mit den Rader Kindern, so die Hoffnung, könnte das verhindert werden. Eine Umwandlung von einer Krippe in eine Elementar- oder gemischte Gruppe würde die Subvention nicht gefährden.

Die Lage wäre wohl weniger prekär, wäre die Politik in den letzten Jahren bei der Entwicklungen neuer Wohngebiete vorangekommen. Doch das „Kuhteich“-Projekt beginnt von vorne, die Kaufverhandlungen mit einer Erbengemeinschaft über eine Fläche an der Lindenallee sind sehr zäh. Die erhofften jungen Familien aus dem Hamburger Raum sind also nur bedingt in Sicht. Kathalin Bans ärgert, dass nun die „Rader Wühlmäuse“ darunter leiden sollen. „Warum wurde so viel Geld investiert, wenn die Kinder nicht da sind? Und warum wird ein bestehender Standort geschlossen, wenn falsch investiert wurde?“ Ob die Ersparnis wirklich nennenswert wäre, ist offen. Die Personalkosten würden nicht wegfallen, dazu muss das Gebäude weiterhin unterhalten werden. Die Sanierung des Sanitärbereichs (20.000 Euro) könnte dafür gestrichen werden.

Parallel brodelt es auch in der Kita Kunterbunt. Von dort wurde eine Erzieherin nach über 20 Jahren von Wilstedt nach Tangstedt versetzt. Jürgen Lamp hält sich bedeckt. „Nach gründlicher Abwägung aller Interessen und aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes“ könne er die Gründe nicht mitteilen. „Ich habe Verständnis für den teilweise geäußerten Unmut, dies mag aus unterschiedlichen Wissensständen resultieren.“ Die Situation sei aber schwieriger, als die Eltern vermuten würden.

Erzieherin wurde nach über 20 Jahren zwangsversetzt

Fünf verschiedene Leitungen in den letzten vier Jahren hat es gegeben. „Der Kita Kunterbunt fehlte es bislang an einer kompetenten Leitung, die es nicht nur schafft, die bestehende Truppe durch eine Vorbildfunktion mitzureißen, sondern auch neue und sinnvolle Konzepte vorzuschlagen“, sagt Oliver Schlüter, Vater zweier Kinder in der „Grünen Gruppe“, wo die versetzte Erzieherin tätig war. „Wir hätten uns gewünscht, in der aktuellen Situation nicht die fähigste und verantwortungsbewussteste Betreuerin mit 20 Jahren Erfahrung in derselben Kita zu versetzen, sondern sich die Mühe zu machen, das gesamte Team zu betrachten und gemäß den Regeln der Unschuldsvermutung zu handeln.“

Ein weiterer Vater, Michael Ehrenfort, schrieb sogar an Landrat Henning Görtz, der intervenieren möge. „Unseren Kindern wird völlig grundlos ihre Erzieherin weggenommen. Hierbei geht es weniger um die Rechtmäßigkeit der Entscheidung, sondern viel mehr um Verhältnismäßigkeit und das Wohl unserer Kinder.“ Auch er spricht von „permanenter Unruhe“ durch Fluktuation.

Jürgen Lamp entgegnet, er stehe zu seiner Entscheidung. Derzeit laufe die Ausschreibung für eine neue Leitung sowie eine stellvertretende Leitung. Er bittet darum, die kommissarische Leiterin zu unterstützen. „Dies dient auch im Sinne der Qualitätsverbesserung dem Erhalt der Kita.“