Norderstedt
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Kritik: Traumhafte Tanzstunde mit Tiefgang

Tanja Wedhorn als Senga und Oliver Mommsen als Ever spiegeln mit viel Feinsinn die ganze Tragikomik eines lädierten Paares wider.

Tanja Wedhorn als Senga und Oliver Mommsen als Ever spiegeln mit viel Feinsinn die ganze Tragikomik eines lädierten Paares wider.

Foto: Heike Linde-Lembke

Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen bekommen Bestnoten für Darstellungen in der Komödie „Die Tanzstunde“, die in der „TriBühne“ aufgeführt wurde.

Norderstedt.  Eins, zwei, drei, vier. Aufforderung zum Tanz. Wenn es denn so einfach wäre. Was sich das Paar in der Komödie „Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain liefert, geht weit über Cha-Cha-Cha, Foxtrott und Walzer hinaus. Es geht tief in die Seele, gründelt in der Kindheit, entlarvt die Eltern, demaskiert Trost-Hüllen, die sich, gemeint als Balsam, wie Kleister lähmend über Herz, Hirn und Seele legten. Entrinnen nicht geplant. Schale knacken erst recht nicht. Null Option auf unbeschwertes Dasein inklusive Sex und Rock ’n’ Roll.

Wenn zwei derartig geprägte Menschen aufeinander treffen, sie Tänzerin mit einem zertrümmerten Knie, er Autist mit Berührungs-Panik, kann sich keine Harmonie entfalten. Oder? Autor Mark St. Germain ist das Kunststück gelungen, mit sachlich-nonchalanten Ton fern jeglicher Wehleidigkeit, bar jeglichen Betroffenheits-Gedöns’ diese Zwei aufeinander loszulassen.

Tanja Wedhorn, aktuell als Ärztin in der ARD zu sehen, als traumatisierte Tänzerin Senga und Oliver Mommsen als autistischer Professor Ever Montgomery bringen das in der Regie von Martin Woelffer überzeugend auf die Bühne. Das Publikum in der ausverkauften „TriBühne“ umjubelte das Schauspiel-Duo.

„Die Tanzstunde“ ist ein Garant für ein volles Haus, vorausgesetzt, es wird gut gespielt, so wie es die Komödie am Kurfürstendamm vorlegt. Wedhorn und Mommsen setzen die Pointen passgenau, beweisen feines Gespür für die Ironie und Süffisanz des doch manchmal heiklen Textes. Sie ziehen geschickt die Karte „Humor contra Wehleidigkeit“ und gewinnen damit nach dem Motto „Anpacken besiegt Jammern“.

Beide verstehen es mit viel Einfühlungsvermögen, auch das Nonverbale zwischen den Zeilen hörbar zu machen, geben im Schweigen den Ängsten und Marotten, den Katastrophen und Nöten genügend Raum, um mit Tiefe und Sinn aus dem Stoff eine glaubwürdige Komödie zu machen.

Wedhorn und Mommsen sind zudem hervorragende Sprecher und bringen vor allem die ernsten Textpassagen wohltuend mit lakonisch-selbstironischem Witz über die Rampe.