Norderstedt
Kiel/Kreis Segeberg

Illegale Billigarbeiter putzten Raststätten-Klos

Der 42 Jahre alte Unternehmer aus Nützen muss sich vor dem Kieler Landgericht verantworten.

Der 42 Jahre alte Unternehmer aus Nützen muss sich vor dem Kieler Landgericht verantworten.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Menschen aus dem Balkan wurden mit gefälschten Pässen nach Deutschland geschleust. Bezahlung weniger als die Hälfte des Mindestlohns.

Kiel/Kreis Segeberg.  Illegal eingeschleuste Billiglohnkräfte mit gefälschten Pässen säuberten offenbar jahrelang die Toiletten der Autobahnraststätte „Holmmoor“ bei Quickborn - vor den Augen unzähliger Zeugen, die auf der A 7 unterwegs waren. Dies folgt aus der Aussage des Ermittlungsführers im Strafverfahren gegen einen 42 Jahre alten Unternehmer aus Nützen.

Der Oberkommissar (50) der Bundespolizei hat den Angeklagten gestern im Prozess vor dem Kieler Landgericht mit seiner Aussage schwer belastet. Wie berichtet muss sich der Inhaber eines Reinigungsunternehmens seit Freitag in einem Wirtschaftsprozess wegen Einschleusens von mindestens 26 Ausländern aus Balkanländern wie Serbien, Montenegro und Mazedonien verantworten. Die meisten Arbeitskräfte fand der Angeklagte, der selbst die bosnische und serbische Staatsangehörigkeit hat, demnach seit 2014 in seiner Herkunftsregion. Vor allem ungelernte Jobsuchende aus ärmeren Nicht-EU-Staaten sollen für die Drecksarbeit mit weniger als der Hälfte des bundesdeutschen Mindestlohns abgespeist worden sein.

Die Arbeitsverträge konnten die Betroffenen nicht lesen

Ihre Hauptarbeitsstelle war die Raststätte Holmmoor an der A 7 zwischen Quickborn und Norderstedt, so der Zeuge. Hier hätten die in Gemeinschaftsunterkünften untergebrachten Betroffenen aus dem Balkan die Klos geputzt und das „Tellergeld“ eingesammelt – laut Anklage bis zu 100 Stunden pro Woche. Die auf Deutsch verfassten Arbeitsverträge, mit denen sich die Reinigungskräfte dem Angeklagten auslieferten, konnten sie mangels Sprachkenntnissen nicht verstehen, berichtete der Zeuge von der Bundespolizei. Ihre Originalpässe mussten die Serben, Mazedonier und Montenegriner abgeben. Die Papiere wurden in einem Schließfach einer Bank in Kaltenkirchen verwahrt – zusammen mit 10.000 Euro. Als Ersatz habe ihnen ihr neuer Chef falsche kroatische Identitätskarten ausgehändigt, so der Ermittler.

Die professionell angefertigten „Totalfälschungen“ waren Grundlage für die Arbeitserlaubnis. Laut Arbeitsvertrag, der sich auf bis zu drei Jahre erstreckte, hätten die „Angestellten“ dem Chef 3000 Euro für den Rückkauf ihres Originalpasses zahlen müssen. „Die Zeugen waren froh, als endlich eine Kontrolle kam“, beschreibt der Beamte die Reaktion der Betroffenen auf die „finalen Ermittlungsmaßnahmen“. Einige seien in Tränen ausgebrochen. Die ausgebeuteten Putzkräfte standen unter enormem Druck, steckten in einer Sackgasse: Ohne Pass konnten sie das Land nicht verlassen, ohne Sprachkenntnisse sich niemandem anvertrauen.

Gericht muss eine aufwendige Beweisaufnahme führen

Im Mai hatte die Kieler Staatsanwaltschaft die Bundespolizei und die Zollbehörden auf zunächst drei illegale Beschäftigte des Angeklagten angesetzt. „Bald zeichnete sich eine größere Dimension ab“, berichtete der Oberkommissar. Eine dreimonatige Telefonüberwachung („Da herrschte ein rauer Ton“) und die Auswertung von Internet-Chats führten im Sommer zu Durchsuchungen und zur Festnahme des seitdem in U-Haft sitzenden Chefs des Familienunternehmens. Auf seinem Anwesen am Rand der Autobahn bei Kaltenkirchen stellte die Polizei neben Originalpässen der illegal Beschäftigten auch Geld sicher. Um mindestens 108.000 Euro soll der Angeklagte sie geprellt haben.

Weitere 100.000 Euro blieb er laut Vorwurf den Sozialversicherungen schuldig. Die Staatsanwaltschaft würde den Unternehmer gerne für mindestens vier Jahre hinter Gittern sehen. Als Gegenleistung für ein Geständnis stellte die 6. Wirtschaftskammer in Vorgesprächen dreieinhalb Jahre in Aussicht. Die Verteidigung winkte ab, will maximal drei Jahre akzeptieren. Nach dem Platzen eines Deals steht dem Gericht eine aufwendige Beweisaufnahme ins Haus.