Norderstedt
Kiel/Norderstedt

Prozess gegen falsche Paketboten gestartet

Der Fall wird am Kieler Landgericht verhandelt.

Der Fall wird am Kieler Landgericht verhandelt.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Räuber-Bande überfiel kurz vor Weihnachten eine Norderstedter Unternehmerfamilie: Der Drahtzieher steht nun vor dem Landgericht.

Kiel/Norderstedt.  Ein Fall, der klingt, als habe ihn ein Drehbuchautor für einen Vorabend-Krimi ersonnen. Doch für eine Norderstedter Unternehmerfamilie wurde der Überfall zum realen, traumatischen Erlebnis.

Die Täter kamen kurz vor Weihnachten – als Paketboten verkleidet. Ihr Plan: Die Hausbewohner irgendwie überwältigen, den Tresor aus dem Haus der Familie stehlen und mit einem Kleinlaster abtransportieren. Und genauso zogen sie es durch. Die Eindringlinge überwältigten die Mutter der Familie (50) an der Haustür. Doch es war schließlich die Tochter (18), die den Überfallplan zum Scheitern brachte. Ehe die Männer die junge Frau zu fassen bekamen, konnte sie einen Notruf an die Polizei absetzen. Der geplante Millionen-Coup lief ins Leere. Seit Donnerstag muss sich der mutmaßliche Drahtzieher des Raubüberfalls vor dem Kieler Landgericht verantworten.

Drahtzieher heuerte drei Handlanger an

Zum Prozessauftakt räumte der 56 Jahre alte Angeklagte ein, für den brutalen Überfall vom 20. Dezember 2017 drei Mittäter angeheuert zu haben. Zwei von ihnen standen bereits in einem anderen Prozess vor Gericht. Die Männer wurden zu Haftstrafen in Höhe von bis zu fünfeinhalb Jahren verurteilt. Bis zu sieben Jahre und acht Monate hatte die Staatsanwaltschaft allerdings gefordert. Beide Seiten waren mit dem Urteil nicht zufrieden: Sowohl Anklage als auch die Verteidigung gingen in Revision, die Urteile gegen die beiden Täter sind also immer noch nicht rechtskräftig.

Am Donnerstag erklärte der mutmaßliche Drahtzieher, wie sie auf die Idee für den „Coup“ kamen. Laut Anklage rechnete das Gangster-Quartett mit mindestens 600.000 Euro Beute. Der aus Serbien stammende Angeklagte erklärte dem Gericht über seine Verteidigerin, woher er den Tipp bekommen hatte. Ein befreundeter Handwerker hatte seinen Angaben nach im Haus des Norderstedter Gastronomen Elek­troarbeiten ausgeführt. Dabei muss ihm der Tresor aufgefallen sein. Dort sei viel Bargeld zu holen, habe ihm der Handwerker ausgerichtet. Was er nicht wusste: Nach Angaben der Besitzer wurde der Tresor schon länger nicht mehr benutzt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem nach Roma-Recht verheirateten Vater von vier Kindern vor, für die Tatausführung neben dem Kleinlaster auch Kabelbinder, Klebeband und einen Elektroschocker besorgt zu haben. Am Tattag habe der Angeklagte in sicherer Entfernung auf einem Supermarkt-Parkplatz an der Ulzburger Straße auf die Übergabe der Beute gewartet. Ein Komplize klingelte als falscher Hermes-Bote an der Tür der Opfer. „Paket!“, rief einer der Räuber gegen 18.30 Uhr durch die geschlossene Haustür. Die Frau öffnet arglos die Tür und wurde zu Boden geschleudert, danach getreten, gefesselt und geknebelt. Mit 50 Euro Bargeld aus ihrem Portemonnaie versuchte sie, die Täter zu besänftigen. Doch die durchsuchten das Erdgeschoss nach dem Tresor. Die Tochter im Obergeschoss des Hauses hatte den Überfall längst bemerkt, verschanzte sich in ihrem Zimmer und alarmierte die Polizei.

Laut Anklage traten die Männer ihre Tür ein, fesselten und knebelten sie und drückten ihr einen Elektroschocker in die Seite. Sie raubten ihr Handy, nahmen eine Designer-Handtasche mit und flohen. Doch vor dem Haus liefen sie der Polizei in die Arme. Zwei Täter konnten zunächst flüchten.

Vierter Täter sitzt in Auslieferungshaft

Inzwischen wurde auch der vierte Mann festgenommen: Er sitzt in der Ukraine in Auslieferungshaft und soll kommende Woche nach Kiel zur Zeugenaussage überführt werden.

Der seit 1988 in Deutschland lebende Drahtzieher muss sich nach Überzeugung der Staatsanwälte auch die brutale Misshandlung der Hausfrau anrechnen lassen: Seine Komplizen hätten der 50-Jährigen einen Halswirbel gebrochen. Sie leide seitdem an Angstzuständen und Bluthochdruck.

Vor Gericht brachte der Angeklagte seine eigenen Krankheiten ins Spiel. Mit brüchiger Stimme berichtete er von den langjährigen Folgen eines schweren Verkehrsunfalls, von Geldnot, Herzinfarkt und Krebsverdacht. Er sei arbeitsunfähig, könne kaum noch schlafen und wolle endlich „reinen Tisch machen“. Die Führungsrolle bei dem missglückten Coup weist er zurück, von einem Elektroschocker habe er nichts gewusst. Die anderen, sagt er, hätten ihm alles in die Schuhe geschoben. Für den Prozess hat die Kammer sieben weitere Verhandlungstage bis Mitte April angesetzt.