Norderstedt
Bad Bramstedt

Als der junge Lagerfeld noch Karl-Otto hieß

Karl Lagerfeld (vorne links) mit Klassenkameraden Ende der 1940-er Jahre während einer Fünf-Seenfahrt in der Holsteinischen Schweiz.

Karl Lagerfeld (vorne links) mit Klassenkameraden Ende der 1940-er Jahre während einer Fünf-Seenfahrt in der Holsteinischen Schweiz.

Foto: HA

Fast 14 Jahre lebte Karl Lagerfeld in Bad Bramstedt. Er besuchte dort von 1944 bis 1951 die Jürgen-Fuhlendorf-Schule.

Bad Bramstedt.  Fast 14 Jahre seines Lebens hat Karl Lagerfeld in Bad Bramstedt verbracht. Der französische Fernsehsender France 2 produzierte 2016 eine Dokumentation über den Modezar aus Paris und drehte einen Tag lang im Hagener Haus von Elfriede von Jouanne und in Bad Bramstedt mehrere Sequenzen für den 90-minütigen Beitrag. Elfriede von Jouanne, Mitinhaberin des Bad Bramstedter Einrichtungshauses, kannte Lagerfeld persönlich und hatte mehr als 13 Jahre intensiven Schriftwechsel mit ihm. Sie ist die Großnichte von Lagerfelds einstiger Kinderfrau Martha Bünz.

Zu den anwesenden Zeitzeugen gehörten bei den Dreharbeiten neben Jouanne Lagerfelds ehemaliger Mitschüler Hans-Joachim Bronisch sowie seine Spielkameraden Karl Wagner und Sylvia Jahrke. Bronisch, der in der Schule eine Bank vor Lagerfeld saß, erinnerte sich noch an manche Episode mit Karl-Otto, wie er damals genannt werden wollte; sein Spitzname war „Muhle“: Als einmal die Zeugniszensuren in Musik vergeben wurden, durften die Schüler statt einer Gesangsprobe Noten beschreiben. Hier half Karls Banknachbar Peter Bendixen, später Professor für Kultur- und Bildungsmanagement an der Hamburger Universität, sodass es bei Lagerfeld für eine Drei reichte. Als Bendixen auch Hans-Joachim Bronisch, der ebenso den Gesang verweigerte, helfen wollte, fielen beide auf, und Bronisch erhielt eine Fünf. „Bendixen hatte seine Eins schon weg, denn er spielte bereits damals hervorragend Klavier“, erinnerte sich Bronisch.

Weil Schulbücher in der Nachkriegszeit Mangelware waren, mussten sich Lagerfeld und Bronisch die Bücher teilen. So traf man sich jeweils punkt 16 Uhr auf der Ohlau-Brücke, um die Bücher zu tauschen.

Sylvia Jahrke erinnerte sich 2016 gerne daran, dass der ein Jahr ältere Karl ihr das Radfahren beibrachte. Sie besaß damals noch kein eigenes Fahrrad und nahm sich den erstbesten Drahtesel. Und Karl, ganz Kavalier, gab dem Mädchen Fahrunterricht. „Wegen des nicht ganz legalen Ausleihens gab’s großen Ärger, doch Karl hielt zu mir“, sagte die Hitzhusenerin.

Karl Wagner, Seniorchef des gleichnamigen Schuhgeschäfts, konnte als Junge mit Lagerfeld nicht viel anfangen. „Er malte viel, kleidete Puppen ein und blätterte in Modezeitschriften“, erinnerte sich Wagner. Er selbst habe lieber im nahe gelegenen Wald herumgetollt und sei auf Bäume geklettert.

Der „Schöngeist“ wurde von seinen Klassenkameraden auch gerne mal geärgert. Wagner erinnerte sich anlässlich der Dreharbeiten: „Wir versuchten, ihn in einen stinkenden Kuhstall zu locken, obwohl wir wussten, dass er die Landwirtschaft hasst.“

Karl Lagerfeld, der bereits vor dem Krieg einige Jahre in Bad Bramstedt verbrachte und später wegen der Bombenangriffe auf Hamburg mit seinen wohlhabenden Eltern – sie besaßen eine Dosenmilchfabrik („Glücksklee“) – auf das Gut Bissenmoor gezogen war, besuchte die Jürgen-Fuhlendorf-Schule (JFS) zwischen den Jahren 1944 und 1951 und verließ sie ohne Abschluss. Den holte er später in Paris am Lycée Montaigne nach.

Ein Glücksfall für den späteren Modezar war sein Kunstlehrer Heinz-Helmut Schulz, der 1948 an die Jürgen-Fuhlendorf-Schule kam und Lagerfelds Ausnahmetalent erkannte und es nach besten Kräften förderte.

Besonders spannend für das Fernsehteam erwies sich Elfriede von Jouanne. Von ihrer Großtante Martha Bünz hatte von Jouanne ein Bild von Lagerfelds Schwester Martha Christiane bekommen, das Karl Lagerfeld in jungen Jahren gemalt hatte und an dem er sehr hing. Von Jouanne brachte das Bild im Jahr 1980 eigenhändig nach Paris, wo sie den Maestro allerdings nicht antraf, was er in einem persönlich verfassten Schreiben sehr bedauerte. Daraus ergab sich ein reger Schriftwechsel zwischen den beiden, der bis Ende 1993 anhielt. Die Briefe und Karten hatte Lagerfeld allesamt per Hand in gut leserlicher Schrift verfasst. „Ich hege Karls Briefe wie einen Augapfel“, versichert Elfriede von Jouanne.

Dasselbe gilt auch für eine wertvolle Obstschale von Lagerfelds Mutter Elisabeth, die von Joaunne von ihrer Großtante gescheckt bekam. Das gute Stück mit silbernem Fuß hatte Elisabeth Lagerfeld Karls Kinderfrau für treue Dienste geschenkt.

Kurz nach dem Paris-Besuch bemühten sich Elfriede und ihr Mann Gerd von Jouanne für Karl Lagerfeld ein Haus in Blankenese zu vermitteln. Doch es gab zunächst kein passendes Objekt. Später erwarb Lagerfeld tatsächlich ein Anwesen in Hamburgs noblem Vorort. Im Jahr 1989 schließlich trafen sich Karl Lagerfeld und die von Jouannes am Rande einer Talkshow in Hamburg. „Er zeigte sich sehr aufgeschlossen und liebenswert, ganz anders als er sonst gelegentlich in den Medien herüberkommt“, erzählt von Jouanne.