Norderstedt
Bad Bramstedt

Granny Anke war Au-pair in San Francisco

Dreimal reiste Anke Kipper nun schon zu ihrer Gastfamilie nach San Francisco. Aus einem Au-pair-Job wurde eine Freundschaft.

Dreimal reiste Anke Kipper nun schon zu ihrer Gastfamilie nach San Francisco. Aus einem Au-pair-Job wurde eine Freundschaft.

Foto: Bianca Bödeker / Bödeker

Eine 57 Jahre alte Mutter aus Bad Bramstedt holte mit einer Hamburger Agentur nach, was sie in ihrer Jugend verpasst hatte.

Bad Bramstedt.  Anke Kipper (56) aus Bad Bramstedt hat sich einen Jugendtraum erfüllt. Nach ihrem sehr guten Abschluss als staatlich geprüfte Hauswirtschaftsleiterin hatte sie vor etwa 35 Jahren die Möglichkeit, für zwölf Monate als Au-pair in die Vereinigten Staaten von Amerika zu gehen. Doch die Liebe kam dazwischen. Die gebürtige Husumerin entschied sich gegen die USA und für ihren Mann. Heute haben sie die Kinder Nele und Mats, 23 und 26 Jahre alt, und ein Leben im eigenen Haus am Rande von Bad Bramstedt.

Doch die verpasste Au-pair-Chance ließ Kipper keine Ruhe. Durch Zufall las sie vor neun Jahren in einer Zeitschrift von der neugegründeten Agentur „Granny Aupair“ und schwor sich: Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, werde ich meine Chance wahrnehmen und in die weite Welt reisen. „Das Kribbeln von damals spüre ich noch heute im Bauch“, sagt die sportliche Frau mit den dunklen Haaren.

Als Oma (die englische Koseform ist Granny) eine Au-pair-Stelle in der weiten Welt annehmen – einige Tausend Frauen haben das bereits gewagt. Geholfen hat ihnen dabei Michaela Hansen, die Gründerin von „Granny Aupair“ in Hamburg-Eimsbüttel. 2010 eröffnete die zweifache Mutter und vierfache Großmutter das mittlerweile international bekannte Online-Portal. Die Philosophie dahinter: Lebenserfahrene Frauen ab 50 als Leihoma, Gesellschafterin oder freiwillige Helferin gegen eine Gebühr in mittlerweile mehr als 50 Länder zu vermitteln. Hansen, die an der Universität Hamburg Soziologie und Kriminologie studierte und im PR-Bereich arbeitete, wurde für ihr Engagement und ihre erfolgreiche Geschäftsidee bereits mehrfach ausgezeichnet.

2016 ist es für Anke Kipper soweit: Nach einem Infotag bei Michaela Hansen meldet sich die Bramstedterin bei „Granny Aupair“ an, erstellt ihr Online-Profil, bezahlt ihre Mitgliedschaft und paukt drei Monate lang Englisch an der örtlichen Volkshochschule.

Eine ebenfalls bei „Granny Aupair“ registrierte, 18 Kilometer südlich von San Francisco lebende Familie wird auf sie aufmerksam. Via Skype sind sich beide Seiten gleich sympathisch und einig. Die Familie zahlt Flug, Kost, Logis und ein kleines Taschengeld. Also auf nach San Francisco! Auf ins Abenteuer!

Anke Kipper besorgt sich bei der US-Botschaft in Berlin ihr Visum und steigt im März 2017 in den Flieger. Dreieinhalb Monate lang lebt und wirkt sie als „Granny Nanny“ in ihrer Gastfamilie mit drei Kindern (10, 8 und 2 Jahre alt) und Hund. „Ich war zwölf Stunden auf den Beinen, immer unterwegs“, sagt Anke Kipper. „Kinder zur Schule oder zum Sport fahren. Gassi mit dem Hund, Ausflüge mit der Familie und vieles mehr.“

Ihr paradiesischer Rückzugsort zum Auftanken ist ein 70 Quadratmeter großes Poolhaus, das sie allein bewohnt. Sofort meldet sich die Gast-Granny bei InterNations an. Die internationale Community bietet Menschen, die im Ausland leben und arbeiten, die Gelegenheit, sich mit anderen Mitgliedern zu vernetzen und auszutauschen. Schnell freundet sich Anke Kipper mit der 28-jährigen Aline aus Deutschland an. Gemeinsam oder auch allein geht’s am Wochenende mit leichtem Gepäck ans Meer zum Whale Watching.

Damit ihre Gastfamilie, ein deutsch-polnisches Unternehmerehepaar, auch mal ihre Zweisamkeit genießen kann, ist Anke Kipper immer mal allein für die Kinderschar (inzwischen sind es vier) verantwortlich. „Du versorgst unsere Kinder mit so viel Liebe“, ist das schönste Kompliment, das sie von dem Ehepaar bekommt. Es öffnet ihr vom ersten Tag an nicht nur sein Heim, sondern auch sein Herz. Grund genug für die Leih-Oma aus Germany, noch zweimal für je fünf beziehungsweise zehn Wochen zurückzukehren.

Und damit ist die so jugendlich wirkende Frau kein Einzelfall. Von sich selbst sagt Anke Kipper: „Ich bin viel selbstständiger und selbstbewusster geworden.“ Mehr als 40 Prozent der Registrierten waren bereits mehr als einmal und sogar bis zu 20-mal als Leih-Oma unterwegs, sagt Michaela Hansen. Da wird die Wohnung kurzerhand auch mal für einige Jahre untervermietet. Die spannendsten Geschichten hat die 56-Jährige mit Unterstützung der Journalistin und Autorin Eva Goris in dem Buch „Als Granny Aupair in die Welt“ zusammengefasst.

Bleibt die Frage, wie der Ehemann und die Kinder in Bad Bramstedt die unbändige Reiselust der Ehefrau und Mutter sehen? „Sie waren stolz auf mich. Wir haben uns regelmäßig über Skype oder Facetime ausgetauscht“, sagt Anke Kipper. Sohn Mats habe den Besuch bei Mama in seine einjährige Weltreise eingebaut, und Tochter Nele kam spontan für eine Woche vorbei. Ehemann Uwe Kipper (59) hat seine Frau zwar vermisst. „Aber Ankes Aufenthalte waren für uns beide eine Win-win-Situation. Ich konnte mehr Zeit auf dem Golfplatz verbringen und an meinem Handicap arbeiten“, sagt der selbstständige Immobilienmakler und lacht.

Die Beziehung der beiden, die seit 31 Jahren glücklich verheiratet sind, hat sich positiv verändert: „Wir wissen unser liebevolles Miteinander wieder mehr wertzuschätzen und leben unsere Partnerschaft viel intensiver“, sagen beide. Eine Win-win-Situation eben – auch fürs Herz.