Norderstedt
Kreis Segeberg

Norderstedts letzte Ruhestätte für Diesel

Kiesow-Prokurist Ole Helbach auf dem abgesicherten Teil des Schrottplatzes, auf dem Dieselfahrzeuge stehen, die aus dem Verkehr gezogen wurden.

Kiesow-Prokurist Ole Helbach auf dem abgesicherten Teil des Schrottplatzes, auf dem Dieselfahrzeuge stehen, die aus dem Verkehr gezogen wurden.

Foto: Burkhard Fuchs / fuchs

Abgas-Skandal: Bei Autoverwerter Kiesow in Norderstedt türmen sich zurzeit Fahrzeuge, die überwiegend noch gut in Schuss sind.

Norderstedt.  Die aktuelle Dieselkrise hat auch ihre Nutznießer. Bei den Autoherstellern sind dies wohl zurzeit die Anbieter von umweltfreundlichen Antriebstechnologien wie Hybrid- oder Elektromotoren. Am anderen Ende der Verwertungskette ist es die Autoverschrottung. Die ausgelobten Umweltprämien beschleunigen diese Entwicklung noch.

„Wir haben noch nie so viele Dieselfahrzeuge auf Halde gehabt wie im Jahr 2018“, sagt Ole Helbach, Prokurist bei Kiesow, dem nach eigenen Angaben bundesweit größten Recyclingbetrieb für Autos. Kiesow hat etwa 40.000 ausgebaute Autoteile auf Lager. In normalen Jahren seien es rund 3500 Fahrzeuge, die der 30-Mitarbeiter-Betrieb auf seinem sieben Hektar großen Gelände am Umspannwerk in Norderstedt in seine Einzelteile zerlegt, verwertet und weiterverkauft. Voriges Jahr dagegen seien es 5000 Fahrzeuge gewesen. Und der Sprung um 1500 Altautos sei fast ausschließlich auf Dieselfahrzeuge zurückzuführen, erklärt Helbach.

Die allermeisten davon wären in diesem fahrtüchtigen Zustand normalerweise niemals auf dem Schrottplatz gelandet. Allein in Hamburg ist der Anteil von Dieselfahrzeugen bei Neuzulassungen von knapp 60 Prozent im Jahr 2015 auf 35 Prozent im Jahr 2018 gesunken.

In einem eigens von der Öffentlichkeit abgesperrten und eingezäunten Bereich türmen sich bei Autoverwerter Kiesow diese „Dieselopfer“. Gut 500 zum Teil noch neuwertige Fahrzeuge stehen dort. VW Passat, Touran, Golf-V-Modelle und T5-Busse, die kein Halter früher auch nur in die Nähe eines Autoverwerters gebracht hätte. Auch Mercedes A- und C-Klassen stehen hier rum und warten auf ihre endgültige Vernichtung. Diese Fahrzeuge hätten sonst immer einen guten bis sehr guten Wiederverkaufswert auf dem Gebrauchtwagenmarkt erzielt, erklärt der Verwertungsexperte Helbach. „Es sind zum großen Teil qualitativ hochwertige Autos, die in den meisten Fällen noch vier bis sechs Jahre problemlos auf deutschen Straßen gefahren wären.“

Alle sechs Wochen kommen 500 Pkw in den Schredder

Doch nun haben sich ihre Besitzer weit früher von ihnen getrennt und sie aufs Abstellgleis geschickt, weil sie lieber die von den Händlern ausgelobten Umweltprämien nutzen wollten, indem sie auf Neufahrzeuge mit Benzin-, Hybrid- oder Elektromotoren umsteigen, bevor sie durch ein Diesel-Fahrverbot in ihrer Mobilität eingeschränkt werden. „Es muss ein Neuwagen sein, den sie dafür kaufen“, erklärt Helbach. Dann würden je nach Fahrzeugmodell bis zu 15.000 Euro Prämien gezahlt, betont der Kiesow-Mitarbeiter. Aus ganz Schleswig-Holstein, Hamburg und sogar Niedersachsen kämen die Dieselfahrzeuge auf die Halde nach Norderstedt.

Dann ist das Schicksal der Dieselautos besiegelt. Alle müssten für immer aus dem Verkehr gezogen werden, erklärt Prokurist Helbach. Als zertifizierter Verwertungsbetrieb garantiere Kiesow den Händlern die komplette Stilllegung und Verschrottung der Umweltsünder. Lediglich als Ersatzteilträger werden die Fahrzeuge noch verwertet. Er kriege oft Anfragen aus dem Ausland, die die deutschen Diesel-Fahrzeuge liebend gern weiterfahren würden. Dann müsse er immer abwinken. „Selbst wenn ihr das Auto auf den Mond mitnehmen würdet, dürfte ich es euch nicht komplett überlassen“, sagt Prokurist Ole Helbach dann. Alle sechs Wochen kämen etwa 500 Fahrzeuge bei Kiesow in den Schredder – rund 500 Tonnen altes Blech.

Das Diesel-Umtausch-System funktioniere Hand in Hand. Die Händler riefen an und schickten per Mail schon mal vorab die Papiere des Altfahrzeugs zu. Kiesow stelle dafür dann den Verwertungsnachweis aus, den er dann bei der Abholung des Fahrzeuges dem Händler schon übergeben kann. Das dauert je nach Terminlage meist nur zwei bis drei Tage, sagt Helbach. Der Kunde könne dann sofort die Umweltprämie des Händlers nutzen, der sich wiederum sicher sein könne, und dies auch schriftlich nachgewiesen bekäme, dass der Wagen fachgerecht entsorgt wird.

So viel los wie zurzeit sei auf dem Autoverwertungs-Kreislauf nur vor rund zehn Jahren gewesen, als der Bund mit der Abwrackprämie von 2500 Euro je Fahrzeug die Wirtschaft in der Finanzkrise wieder ankurbelte. Da erreichten den Norderstedter Autoverwerter in der Spitze sogar 16.000 Altfahrzeuge, berichtet Helbach. „Wir mussten extra Lager in Niedersachsen anmieten.“ Aber damals seien es überwiegend schrottreife Fahrzeuge gewesen, die auch technisch aus dem Verkehr gezogen gehörten. Ganz anders als jetzt in der Dieselkrise.

Diese künstliche Konjunkturspritze macht dem Unternehmen natürlich nichts aus. Im Gegenteil. „Wir brauchen zurzeit keine Werbung zu machen. Die Kunden kommen aktiv auf uns zu und wollen ihre Dieselfahrzeuge einfach nur loswerden.“