Norderstedt
Boostedt

Die Lage hat sich wieder „zurechtgeruckelt“

Von links: Norbert Scharbach (Innenministerium), Eka von Kalben (Grünen-Fraktionschefin), Martin Link (Flüchtlingsrat), Pastor Hartmut David, Susanne Danhier (Kirchenkreis) und Hartwig Puhlmann (Runder Tisch).

Von links: Norbert Scharbach (Innenministerium), Eka von Kalben (Grünen-Fraktionschefin), Martin Link (Flüchtlingsrat), Pastor Hartmut David, Susanne Danhier (Kirchenkreis) und Hartwig Puhlmann (Runder Tisch).

Foto: Burkhard Fuchs / fuchs

Im Sommer hatte Bürgermeister König Alarm geschlagen: Gemeinde sei mit Flüchtlingen überfordert. Nun schlägt er moderatere Töne an.

Boostedt.  Die große Aufregung um die Landesunterkunft in Boostedt mit zurzeit noch etwa 1200 Flüchtlingen hat sich gelegt. Nur etwa 30 Bürger kamen zur Podiumsdiskussion „Flucht mit und ohne Bleibe-Perspektive“, zu der der Segeberger Kreisverband der Grünen in den Hof Lübbe eingeladen hatte.

Bürgermeister Hartmut König (CDU) hatte im Sommer die Debatte angeheizt, als er über die Medien einen Hilferuf an die Landesregierung sandte, seine Gemeinde werde mit den vielen Geflüchteten, die in der großen Mehrzahl in der alten Rantzau-Kaserne auf ihre Abschiebung warteten, nicht mehr fertig.

Dieser Appell sei richtig gewesen, sagte König jetzt. Schließlich habe die Gemeinde zusammen mit dem Land erreichen können, dass die Unterbringung der Asylsuchenden 2024 endgültig ende und bis Ende 2019 nur noch 500 Geflüchtete in Boostedt sein sollen, weil bis dahin in Rendsburg eine weitere Landesunterkunft geschaffen werde. Seit August habe sich die Situation „zurechtgeruckelt“, sagte König. „Die Stimmung im Dorf ist gut“, bestätigte auch Vize-Bürgermeisterin Birgit Vonderschmidt.

Großen Anteil daran hat der Runde Tisch mit verschiedenen Institutionen, Politikern und kirchlichen Vertretern aus Boostedt. Der kommt monatlich zusammen, um wichtige Themen zu besprechen, sagte dessen Leiter, Hartwig Puhlmann. Es gebe zudem tägliche Sport- und Freizeitangebote an der Schule, die von den Kindern vorbehaltlos angenommen würden, egal welcher Nationalität sie angehörten.

Kinder würden überall auf der Welt auf andere Menschen zugehen, ist die Erfahrung von Pastor Hartmut David von der Boostedter Barthalomäus-Gemeinde. „Angst macht uns vor allem das, was wir nicht kennen.“ Insofern sei es wichtig, dass die Bürger informiert und aufgeklärt werden.

51 der 53 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Altholstein hätten seit 2015 für eine gute Willkommenskultur mit Flüchtlings-Cafés, Kleiderklammer und Deutschkursen gesorgt, erklärte Susanne Danhier vom Kirchenkreis. Als dann aber geflüchtete Menschen nur noch nach Boostedt gekommen seien, für die der Ort eine Art Endstation sein sollte auf ihrem Weg zurück ins Heimatland, sei die Stimmung gekippt. Im Dorf und bei den Bewohnern. Doch diese unglückliche Struktur werde sich bald ändern, wenn Rendsburg als Ausweichquartier geschaffen sei, erklärte Norbert Scharbach aus dem Innenministerium in Kiel. Dann könnten Asylsuchende aus Ländern, die verfeindet seien, besser voneinander getrennt werden.

Zudem habe Schleswig-Holstein im Bundesrat eine Gesetzesinitiative gestartet, die auch Asylsuchenden ohne bisherige Bleibeperspektive die Chance auf ein Bleiberecht ermöglichen soll, wenn sie sich hier gut integriert und Arbeit gefunden haben. Das habe zwar noch keine Mehrheit im Bundesrat gefunden, aber immerhin sechs weitere Bundesländer hätten diesem Antrag zugestimmt.

Gastgeberin Eka von Kalben, Fraktionsvorsitzende der Grünen in Kiel, sagte, dass es wichtig sein, in Flüchtlingsunterkünften für eine gute Infrastruktur zu sorgen. So sei im Sommer, als Bürgermeister König seinen Hilferuf nach Kiel sandte, das WLAN-Netz in der Landesunterkunft zusammengebrochen. Die Flüchtlinge hielten sich deshalb vor allem am Bahnhof auf, wo das WLAN dann auch bald abgeschaltet wurde. Das Unternehmen wilhelm.tel. habe schließlich für ein beständiges WLAN-Netz in der Unterkunft gesorgt. „Für manche Menschen ist heute WLAN wichtiger als etwas zu essen“, sagte von Kalben.