Norderstedt
Kreis Segeberg

Gefährliche Milchtour durch Schneewände

Foto: GÜNTHER HORMANN

Die AKN blieb stecken, der Arzt kam nicht durch – die Schneekatastrophe legte 1979 das Leben im Kreis Segeberg lahm.

Kreis Segeberg.  Hermann Meyer bahnt sich seinen Weg durch vier Meter hohe Schneewände. Hans-Jürgen Hroch schaufelt eine Woche lang Wege und Straßen in Kisdorf frei. Und Siegfried Duvigneau wird Zeuge, wie die AKN und sogar die PS-starke Diesellok ihren Kampf gegen das extreme Gesicht des Winters verlieren und mitten auf der Strecke steckenbleiben – drei Menschen, die erlebt haben, wie Schnee, Wind und Eis das Leben im Kreis Segeberg förmlich eingefroren haben. Nichts ging mehr, als Mitte Februar die Schneekatastrophe im Norden ihren Höhepunkt erreichte. Was in Bayern und Österreich in den vergangenen Tagen den vollen Einsatz der Katastrophenhelfer forderte, zeigte sich vor 40 Jahren in Schleswig-Holstein.

Meyer, Hroch und Duvigneau sind drei, die sich erinnern und das Leben im Schnee festgehalten haben, im Kopf und mit beeindruckenden Bildern. Anlässlich des Schneekatastrophen-Jubiläums ruft das Abendblatt die Leser auf, uns ihre Fotos von den Schnee- und Eistagen Mitte Februar 1979 im Kreis Segeberg zu schicken und damit zu zeigen, wie sie ganz persönlich die Schnee- und Eistage vor vier Jahrzehnten erlebt haben (siehe Info-Kasten).

Starker Ostwind wehte Knicks und Straßen zu

„Der Schneefall war gar nicht so schlimm. Zu schaffen gemacht hat uns der starke Ostwind, der den Schnee von den Feldern in die Knicks und auf die Straßen geweht hat“, sagt Hermann Meyer. Der 68 Jahre alte Landwirt und seine Familie lebten und leben am Ortsrand von Kisdorferwohld. Der harte Winter hat den Hof von der Welt im Ort abgeschnitten. Seine Frau Margrit (67) hatte Angst, dass die Vorräte für sie, ihren Mann, den Sohn und die eineinhalb Monate alte Tochter nicht reichen würden. „Glücklicherweise fiel der Strom nur für ein paar Stunden aus. Wir konnten unsere 30 Kühe melken und waren gut dran im Vergleich zu den Bauern im Norden von Schleswig-Holstein“, erinnert sich die Kisdorfer Bauersfrau. Sie habe noch die Bilder im Kopf von weinenden Kollegen, die ihre Kühe nicht melken konnten und hilflos zusehen mussten, wie die Tiere leiden.

Doch die Not schweißt zusammen. Meyer und seine Kollegen befreiten die Straßen mit Frontladern. Der Landwirt wuchtete den Milcheimer mit 250 Litern Inhalt auf seinen Trecker und tuckerte Richtung Hauptstraße, rechts und links hatten er, seine Kollegen und der Wind den Schnee zu vier Meter hohen Wänden aufgetürmt. „Dort holte der Tankwagen die Milch ab und brachte sie zur Meierei“, sagt Meyer.

Siegfried Duvigneau wollte am 14. Februar nach Hamburg. Am frühen Morgen ein Blick aus dem Fenster in Bönningstedt – die AKN fährt. Das verraten ihm die Spuren, die die Triebwagen in den Schnee gefräst haben. „Für mich als Pendler eine wichtige Erkenntnis“, sagt Duvigneau, der seine ganz persönliche Schneegeschichte aufgeschrieben und damit bei einem Wettbewerb der AKN gewonnen hat. Beim Blick in die verschneite Landschaft hätten ihm alte Bönningstedter erzählt, dass die Bahn 1946 im Schnee steckengeblieben sei. Aber jetzt fuhr sie ja.

Der Bönningstedter erreicht den Bahnhof, wo sich „dick vermummte Mitpendler“ drängen. 15 Minuten zu spät tauchen die drei Lichter der AKN auf, die Fahrt endet ganz normal in Eidelstedt, wo die Fahrgäste in die S-Bahn umsteigen. „Als ich die Traube von Menschen sah und mir die Schwierigkeiten vor Augen führte, die die S-Bahn bei solchen winterlichen Verhältnissen hat, stand mein Entschluss fest: Du fährst nicht in die Stadt, sondern mit der AKN zurück.“

Wieder zu Hause, sieht Duvigneau durch das Fenster schemenhaft im Schneetreiben eine Diesellok, die mit Schneeflug und hoher Geschwindigkeit aus Richtung Hasloh kommt und eine Schneefahne hinter sich her zieht. Kurz danach erscheint ein Triebwagen, der Richtung Hamburg fährt. Er bleibt vor dem Bahnübergang „An der Bahn“, eine Station vor Bönningstedt, stehen. Also doch wie 1946.

Duvigneau schnappt sich den Fotoapparat und stapft mit seinem siebenjährigen Sohn über den Acker zur AKN. „Tatsächlich: Die Bahn steckte fest, eine Diesellok davor“, sagt der Hobbyfotograf. Aber auch der PS-starke Koloss kann sich nicht mehr bewegen, weil sich große Eisklumpen zwischen den Achsen gebildet haben. Selbst die angerückten Helfer der freiwilligen Feuerwehr lassen die Schaufeln stecken. Nichts geht mehr.

Arzt kam zu spät, Nachbarin brachte Kind zur Welt

„Wir haben eine Woche nichts anderes gemacht als Schnee geschaufelt“, sagt Hans-Jürgen Hroch. Der 74-Jährige und seine Kameraden von der freiwilligen Feuerwehr mühten sich, Straßen und Wege in Kisdorf freizuräumen. Die wehten immer wieder zu und machten auch dem Arzt im Ort zu schaffen. Der sollte ein Kind zur Welt bringen, doch der Mediziner kam mit dem Notarztwagen von der Rettungswache in Kaltenkirchen nicht durch.

Selbst ein Gespann aus Frontlader, Rüstwagen der Feuerwehr und Notarztwagen schaffte es nicht bis zum Ziel, einem Bauernhof in Kisdorferwohld. Der Arzt stieg aus und kämpfte sich mit zwei Helfern und seiner Instrumententasche eineinhalb Stunden zu Fuß durch die verschneite Landschaft. Als das Trio, durchgefroren und erschöpft, endlich ankam, hatte eine Nachbarin das Baby schon entbunden.

„Das war total ruhig hier, ein richtiges Idyll, das die Kinder toll fanden, weil sie sich mit ihren Schlitten vergnügen konnten“, sagt Marlene Hroch (75). Auch die erwachsenen Schneeräumer hatten ihren Spaß. Je länger der Tag dauerte, desto mehr. Die Bürger baten die Männer in die gute Stube, belohnten sie und die müden Muskeln mit heißem Grog. „Und da waren mein Mann und seine Kollegen am Nachmittag schon ganz schön lustig“, erinnert sich Marlene Hroch. Zu kaufen gab es nichts mehr, der Edeka-Markt war leergeräumt. Ein Hubschrauber warf zwar keine Lebensmittel ab, dafür aber einen Haufen Zeitungen.