Norderstedt
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Hilfe, ich fühle mich zu Kindern hingezogen

Foto: LEHTIKUVA / picture-alliance/ dpa

In der Beratungsstelle „Männersache“ werden Täter therapiert. Begegnung mit einem Mann, der 20 Jahre Kinderpornografie konsumiert hat.

Norderstedt.  Wenn Michael Krause (Name von der Redaktion geänderet) über sein Problem spricht, starrt er an die Decke. Nur selten nimmt der 52-Jährige direkten Blickkontakt auf. Seine Hände liegen gefaltet im Schoß. Sein Atem riecht nach kaltem Rauch. „Ich möchte ein anderes Leben führen“, sagt er. Psychologe Thomas Karrasch sitzt ihm in einem schwarzen Ledersessel gegenüber. „In meiner Wohnung habe ich mich immer tiefer verkrochen“, sagt Krause weiter. Er wolle nicht mehr bloß zu Hause vor seinem Computer hocken. Das habe er lang genug gemacht. Denn: Krause hat mehr als 20 Jahre Kinderpornografie konsumiert.

Vor drei Jahren ist alles aufgeflogen. Damals kam Krause nichtsahnend von der Arbeit nach Hause. An der Tür des Handwerkers klebte eine Karte von der Polizei – mit der Bitte, das Revier aufzusuchen. „Da ging mir die Muffe“, sagt Krause rückblickend. Sein Schloss hatten die Beamten ausgetauscht. Um wieder Zutritt zu seiner Wohnung zu erlangen, musste er sich stellen.

Die Polizei hat acht Festplatten sichergestellt

Acht Festplatten hatte die Polizei sichergestellt. Die Parallelwelt des Computerfreaks krachte wie ein Kartenhaus in sich zusammen. „Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich ein riesengroßes Problem habe“, sagt Krause und fummelt an dem Reißverschluss seiner Lederjacke. Sein Anwalt hat ihm damals geraten, mit einer Therapie anzufangen. Der Grund: Sie würde sich mildernd auf sein Urteil auswirken.

Mehr als 40 Sitzungen hat Krause seitdem bei Thomas Karrasch absolviert. In der Regel kommt er jeden Dienstagmorgen vor der Arbeit bei der Beratungsstelle „Männersache“ in Norderstedt vorbei. Die meisten Männer suchen die Einrichtung des Diakonischen Werks auf, um Gewaltprobleme in den Griff zu bekommen. Eine kleinere Gruppe hat mit einer pädophilen Neigung zu kämpfen. So wie Krause. „Wenn ein Mann Kinderpornofilme anschaut, ist er Teil eines Systems, in dem ein Kind missbraucht wird“, sagt Karrasch. Das sei vielen Männern nicht bewusst. „Sie wissen zwar, dass sie gegen Rechte verstoßen. Aber sie rechtfertigen ihren Konsum damit, dass sie selbst ja kein Kind anfassen würden.“

Bei Michael Krause fing es harmlos an. Ein Freund hatte ihm eine Videokassette mit mehreren Filmen zugesteckt – auf dem Band waren Erwachsene zu sehen, aber auch Tiere und Kinder. „Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich überhaupt nicht dafür interessiert“, sagt der Hamburger. Das Interesse habe sich erst später während seiner ersten Ehe entwickelt. „Ich habe meinen täglichen Sex gebraucht“, sagt er.

Krause wurde zu Bewährungsstrafe verurteilt

Als seine Frau schwanger war, wurden Zärtlichkeiten zur Nebensache. Der Vater eines Mädchens suchte nach einem Ersatz. Zunächst fand er ihn in der Selbstbefriedigung. Dann fing er an, seiner jugendlichen Stieftochter hinterherzuspannern. Wie alt sie genau war, daran kann er sich nicht mehr erinnern. „Sie war zwischen elf und 14“, sagt er. Die Ehe zerbrach, aber Krause heiratete erneut. Wieder brachte seine Frau eine Tochter aus erster Ehe mit in die Beziehung – und wieder erweckte sie Krauses Lust. „Nachts, wenn sie geschlafen hat, habe ich sie gefilmt. Ich habe mich dazugelegt und mich selbstbefriedigt“, sagt er unverblümt. Krause hat in der Therapie gelernt, über seine Vergangenheit zu sprechen. Früher ist es ihm schwer gefallen, seine Gefühle in Worte zu fassen. Bis heute ist seine Schwester der einzige Mensch, der von seiner Vorliebe für Kinder weiß. „Sie war geschockt.“

Zu den Vorfällen mit seinen Stieftöchtern kam es Ende der 90er-Jahre. Angefasst hat er sie nie, betont Krause. Auch aus diesem Grund wurde er trotz des Besitzes von etlichen kinderpornografischen Dateien nur zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. „Während des Gerichtstermins kamen mir mehrmals die Tränen“, sagt Krause. „Wenn man von jemand anderem hört, was man Schreckliches gemacht hat, wird es einem erst richtig bewusst.“ Das Paradoxe: Wer dem Mann in seine freundlichen Augen sieht, würde nie vermuten, was sich hinter geschlossenen Türen abgespielt hat.

Sein Prozess hat drei Jahre gedauert. Die Polizei musste sich jedes einzelne Video bis zum Ende anschauen, um ein Urteil über die Schwere der Straftat fällen zu können. Dabei spielt sowohl das Alter des Kindes als auch der Schweregrad der Darstellung eine entscheidende Rolle. So viel steht fest: Die Beamten haben keinen einfachen Job. Aber den hat auch Psychologe Thomas Karrasch nicht.

Bis zu 400.000 Männer sind pädophil veranlagt

Seit zwei Jahren arbeitet der 59-Jährige in der Beratungsstelle „Männersache“. Zuvor hat er Studien in Physik, Mathe, Medizin und Sport begonnen, ehe er eine Ausbildung zum Balletttänzer absolviert hat. Erst dann ist er Psychologe geworden. Fast 20 Jahre lang war Karrasch für verschiedene Institutionen in der Gewaltberatung tätig – unter anderem in der Strafvollzugsanstalt in Lübeck. Dort hat er Menschen therapiert, die zu mindestens 15 Jahren Haft verurteilt wurden. Das heißt: Karrasch saß jeden Tag Schlägern, Mördern und Vergewaltigern gegenüber. Wie funktioniert das?

„Wenn ich die Männer auf ihr Problem reduzieren würde, kann ich ihnen nicht helfen. Es klingt merkwürdig, aber ich mag fast jeden meiner Klienten“, sagt Karrasch. Derzeit betreut er 15 Männer in Norderstedt. Mehr schafft er aufgrund seiner Halbtagsstelle nicht. Karrasch weiter: „Ich solidarisiere mich mit dem Mann und entsolidarisiere mich vollständig von dem, was er getan hat. Das ist nicht immer leicht.“

Forscher schätzen: Etwa ein Prozent aller Männer in Deutschland ist pädophil – also rund 400.000. Ursprünglich stammt der Begriff Pädophilie aus dem Griechischen und bedeutet „Liebe zu Kindern“. Karrasch erklärt: „Nur wenn ein Erwachsener ausschließlich von Kindern erregt wird, spricht man von einem Pädophilen. Ansonsten handelt es sich um Nebenströmungen.“ So wie bei Krause, der sich ebenso zu erwachsenen Frauen hingezogen fühlt. Hinzu kommt: Nicht jeder Mann mit einer pädophilen Tendenz missbraucht ein Kind. Doch an seiner Veranlagung kann keine Therapie der Welt mehr etwas ändern.

Sowohl in Hamburg als auch im Umland gibt es kaum Beratungsstellen für Männer, gegen die bereits ein Gerichtsverfahren läuft. Doch gerade dann empfinden sie die größte Not, sagt Karrasch: „Sie werden abgestempelt und allein gelassen.“ Der in Süddeutschland geborene Karrasch zählt zu den wenigen Psychologen, die diese Männer aufnehmen. Eine Therapiestunde bei ihm kostet 50 Euro. Das können sich viele Betroffene nicht leisten. Deswegen ist die Einrichtung – so grotesk es für manch einen klingen mag – dringend auf Spenden angewiesen. „Die Hemmschwelle ist sicherlich groß. Die Menschen spenden lieber Geld für die Opfer als für die Täter“, weiß Karrasch. Und trotzdem: „Es ist wichtig, den Männern zu helfen – auch um ihre Familien zu schützen.“

Das Gutachten der Polizei kostet 24.000 Euro

Michael Krause hat keine Angst, nach der Therapie wieder rückfällig zu werden. Die entstandenen Kosten werden ihn noch lange an eine düstere Zeit in seinem Leben erinnern. Denn: Rund 24.000 Euro muss er allein für das Gutachten abstottern, das die Polizei über Monate hinweg anhand seiner Festplatten erstellt hat. „Das werde ich so schnell nicht vergessen“, sagt Krause. Fünf Sitzungen bleiben ihm noch bei Thomas Karrasch. Danach ist er auf sich allein gestellt.

Krause sucht Blickkontakt. „Die Menschen in meinem Umfeld haben bemerkt, wie positiv ich mich verändert habe“, sagt er zum Abschluss. Dann verabschiedet er sich höflich mit einem sanften Händedruck, geht als freier Mann durch die Tür und zündet sich eine Zigarette an.

Die Beratungsstelle „Männersache“ des Diakonischen Werks Hamburg-West/Südholstein, in der Psychologe Thomas Karrasch hauptsächlich gewalttätige Männer therapiert, befindet sich an der Ochsenzoller Straße 85 in Norderstedt. Wer für das Projekt „Werden Sie Familienhelfer“ spenden möchte, kann dies unter www.engagiert-statt-nur-besorgt.de.