Norderstedt
Gleichstellung

Die Politik in Henstedt-Ulzburg wird weiblicher

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In der Großgemeinde sieht die Gleichstellungsbeauftragte Svenja Gruber Fortschritte – und erhält viel Lob für ihre Arbeit.

Henstedt-Ulzburg.  Es ist nicht der Job von Svenja Gruber, sich beliebt zu machen. Das unterstrich Henstedt-Ulzburgs Gleichstellungsbeauftragte sofort, nachdem sie der Politik ihren Jahresbericht vorgelegt hatte. Per Handzeichen stimmten die Fraktionen im nächsten Punkt der Tagesordnung kommentarlos dafür, Bürgermeister Stefan Bauer und als Stellvertreter dessen büroleitenden Beamten Jens Richter in die Trägerversammlung des IT-Verbundes Schleswig-Holstein zu entsenden. Zwei Männer also. Gruber intervenierte und wies darauf hin, dass diese Posten eigentlich paritätisch besetzt werden müssten. Trocken sagte sie: „Ich freue mich auf die Ernennung von zwei Frauen in fünf Jahren.“ Worauf von Bauer ein „Schauen wir mal“ zu hören war.

„Gleichstellungsbeauftragte sind frühzeitig am Willensbildungsprozess innerhalb der Verwaltung zu beteiligen“, auf diesen gesetzlichen Grundsatz wies Gruber hin. Die Sozial- und Kulturwissenschaftlerin, im Amt seit 2013, übte Kritik: „Nach wie vor bin ich nicht in die regelmäßige Team- oder Besprechungsstruktur auf Leitungsebene eingebunden. Dadurch erhalte ich Informationen erst auf Ebene der Sachbearbeitung, zeitgleich mit dem Personalrat oder bei Vorlagenversendung.“

Trotzdem ist ihre Arbeit kein Politikum, wie es im benachbarten Kaltenkirchen mit ihrer Kollegin Sabine Schaefer-Maniezki der Fall ist (das Abendblatt berichtete). Dort wurde öffentlich über eine mögliche Aufwertung der Position auf einen Vollzeitjob gestritten – die Politik votierte dagegen, auch Kaltenkirchens Bürgermeister Hanno Krause (CDU) sah keinen Bedarf.

Sein Henstedt-Ulzburger Amtskollege spricht positiver über die Zusammenarbeit. „Die volle Stelle hier ist mit Frau Gruber exzellent besetzt“, sagte Stefan Bauer. Auf die Beobachtung aus der Politik, es „knirsche“ zwischen ihm und Gruber, erwiderte er: „Es ist nur in wenigen Teilen so, dass es knirscht. Ich bin überzeugt: Bei den Themen Gleichstellung, Sexualisierung, Gewalt gegen Frauen wird Frau Gruber niemanden finden, der sie so unterstützt wie ich.“ Vieles müsse aber eher in der Gesellschaft oder in der Privatwirtschaft diskutiert werden. „Die Verwaltung ist vorbildlich, was die Umsetzung gleichstellungsrelevanter Themen angeht.“

Die Politik in der Großgemeinde ist seit der Kommunalwahl im Mai weiblicher geworden. „Die landesweite Kampagne für mehr Frauen in der Kommunalpolitik war in Henstedt-Ulzburg ausgesprochen erfolgreich. Der Anteil in der Gemeindevertretung ist von 27 auf fast 40 Prozent gestiegen, das ist sensationell“, so Svenja Gruber.

Die WHU hat vier weibliche Fraktionsmitglieder, CDU und SPD je drei, BfB und FDP je eines. Ein konkretes Beispiel ist die Sozialdemokratin Patrizia Giuffrida, die sich ursprünglich bei der Elterninitiative „Pro Eigenbetrieb“ engagiert hatte und sich nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid (2017) der Partei anschloss, die ihr politisch am nähesten ist. Künftig wird sie den wichtigen Betriebsausschuss für die Kindertagesstätten leiten. „Frauen denken, reden, gestalten anders“, sagte ihr Parteifreund Rudi Hennecke, der zuversichtlich ist, dass die nächste Gemeindevertretung mindestens zur Hälfte weiblich sei.

Fraktionen wollen unbequeme Gleichstellungsbeauftragte

Auch die anderen Fraktionen fanden lobende Worte. „Ein Störfaktor zu sein, ist ihr Job“, meinte Karin Honerlah von der WHU. „Es ist ihr gutes Recht, an Auswahlverfahren frühzeitig teilzunehmen.“ Dietmar Kahle (CDU) sprach davon, das seine Partei ein gutes Beispiel für den Wandel sei. „Wir haben eine Bundesvorsitzende, eine Bundeskanzlerin, eine Ortsvorsitzende. Da hat sich einiges getan.“ Er fügte hinzu: „Gleichstellung geht aber in beide Richtungen. Es gibt auch Bereiche, wo Männer unterrepräsentiert sind. Es ist ihnen, Frau Gruber, wichtig, daran zu arbeiten. Das finde ich gut. Bleiben sie unbequem.“ Klaus-Peter Eberhard (FDP) nannte Svenja Gruber gar eine „Agentin der Gleichstellung.“ Für ihn sei Gewalt gegen Frauen ein großes Thema.

Gruber, übrigens auch Sprecherin der Landesgemeinschaft aller Gleichstellungs- und Frauenbeauftragten, sagte, es sei nicht immer einfach, gegen Benachteiligung anzugehen. „Man muss sich vor Gleichstellung nicht fürchten. Ich hoffe auch, dass die politische Diskussion noch weiblicher wird.“