Norderstedt
Seth

Wildbret vom Jäger – „Mehr Bio geht nicht!“

Waidmannsheil! Jäger Nils-Peter Finnern (50) aus Seth mit der Keule eines frisch erlegten Wildschweins.

Waidmannsheil! Jäger Nils-Peter Finnern (50) aus Seth mit der Keule eines frisch erlegten Wildschweins.

Foto: Andreas Burgmayer

Es ist Erntezeit in den Revieren der Region. Doch Verbraucher kaufen Fleisch eher im Supermarkt als beim Jäger aus der Nachbarschaft.

Seth.  Im Kofferraum des Wagens von -Peter Finnern (50) aus Seth steht eine rote Plastik-Steige mit frisch zerwirktem Schwarzwild-Fleisch, bei Nicht-Jägern oder Asterix- und Obelix-Fans besser bekannt als Wildschwein. „Mehr Bio geht nicht“, sagt Finnern. Das Schwein kreuchte und fleuchte vor ein paar Tagen noch im etwa 1000 Hektar großen Jagdrevier rund um Seth. „Es hatte ein gutes Leben in der Natur. Den Schuss hat es gar nicht mehr gehört.“

Jetzt, in der Weihnachtszeit, rätseln viele über der Frage, was sie den Lieben an den Feiertagen servieren. Wildbret steht hoch im Kurs. In den Supermarktkühltheken finden sich die Teile der weltweit erlegten Tiere. Verbraucher wählen zum Beispiel den Hirschrücken aus Neuseeland, der knapp 19.000 Kilometer Anreise hatte.

Peter Finnern geht einfach aus seinem Hauses in Seth und schlägt einmal lang hin, wie man so sagt – schon ist er mitten im Revier. „Deshalb liebe ich die Jagd in der Region – das hat noch etwas ganz Dörfliches bei uns.“ Finnern ist Jäger in dritter Generation. „Und vielleicht entscheidet sich mein Sohn bald dafür, das weiterzumachen.“

Die 1000 Hektar bejagt er gemeinsam mit fünf anderen Waidmännern. Zwischen Oktober und Januar ist „Erntezeit“ im spärlichen Schleswig-Holsteinischen Forst. Geschossen werden dürfen Rehe, Wildschweine, Damwild, Rotwild, Hasen, Enten, männlich, weiblich – ganz egal. „Aber ich schieße nichts tot, um mir einen Knochen an die Wand zu hängen“, sagt Finnern. „Wenn ich abdrücke, muss ich wissen, warum ich das Tier erlege, und wie ich es verwerte.“

Mit den Kollegen bringe er pro Jahr etwa 30 bis 40 Stücke Rehwild und je bis zu sechs Stücke Schwarz- und Damwild zur Strecke. „Früher gab es viel Niederwild, also Kaninchen, Fasane und Hasen – heute nicht mehr.“ Niederwild, Hochwild – Begriffe aus vergangener Zeit. „Hochwild, etwa der Hirsch, war früher dem Hochadel vorbehalten. Niederwild durften auch die Bauern schießen.“

Die getöteten Tiere teilen die sechs Jäger zu gleichen Teilen auf. Jeder bezahlt für das Wildbret. „Dieses Geld wandert dann in die Revierkasse. So finanzieren wir uns die Pacht des Reviers.“ Über die private Vermarktung des Wildbrets holt Finnern seine Kosten dann wieder rein. Er ist Jäger, kein Wildhändler. Trotzdem kann jedermann bei Finnern Wild kaufen. So wie bei jedem der etwa 23.000 Jäger in Schleswig-Holstein und den etwa 384.000 Jägern deutschlandweit. Die schleswig-holsteiner Jäger haben im vergangenen Jagdjahr 1000 Tonnen Wild produziert, 66.000 Rehe, Wildschweine, Rot- und Damhirsche wurden laut Landesjagdverband erlegt. „Viele Menschen sind überrascht, wenn sie hören, dass sie Wild direkt beim Jäger kaufen können“, sagt Wolfgang Heins, Präsident des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein. Das hochwertige, regionale Wildbret – fettarm, eiweißreich und von ausgezeichnetem Geschmack – komme so nicht zum Kunden. Stattdessen eben Zuchtware aus Nordamerika. Besonders das neuseeländische Hirschfleisch bringt Heins in Rage. Das sei ein Abfallprodukt der asiatischen Potenzindustrie. „Den Hirschen sägen sie die Geweihe ab und verarbeiten das Horn zu Potenzmitteln. Das Fleisch wird an andere Länder deutlich unter Wert verkauft.“ Mit Wildfleisch hätte das nichts zu tun.

Der Landesverband hat sich als Marketing-Instrument eine zentrale Internet-Präsenz gebaut. Über die Seite wild-auf-wild.de sollen der norddeutsche Kunde und der norddeutsche Jäger zusammenfinden. Postleitzahl eingeben – und schon spuckt die Seite die Kontaktadressen der verfügbaren Jäger aus.

Im Kreis Segeberg sind das allerdings nur eine Handvoll. Nils-Peter Finnern ist dabei. „Aber wir haben im Kreis 13 Hegeringe und in jedem Hegering zehn bis 15 Reviere“, sagt Oliver Jürgens, Vorsitzender der Kreisjägerschaft Segeberg. „Alle Jäger können gar nicht benannt werden, die Wild direkt verkaufen. Auf der Homepage des Landesverbandes sind nur die genannt, die das ein wenig öffentlichkeitswirksamer tun.“ Der Wildhandel in der Region laufe laut Jürgens in erster Linie über Mund-zu-Mund-Propaganda. „Ich gehe davon aus, dass etwa Zweidrittel der Jäger im Kreis ihr Wild direkt vermarkten, meistens an Personen, die ihnen seit Jahren bekannt sind. “

Nils-Peter Finnern hat mal Fleischer gelernt in einem früheren Leben, ehe er als Business-Development-Manager bei einem großen Kaffeefilterhersteller anheuerte. „Wir sechs Jäger in Seth haben einen eigenen Zerwirkraum. Da bearbeite ich das geschossene Wild, verkaufe es ganz frisch an Kunden oder friere es später ein.“ Allerdings erst, nachdem das erlegte Tier sämtliche Tests des Veterinäramtes bestanden hat. Bei Finnern kostet der Rehrücken aus der heimischen Kühltruhe 25 Euro das Kilo, die Reh- oder Wildscheinkeule 20 Euro.

Finnern spricht gerne über die Jagd, und er stellt sich der Kritik. In einer oft hysterisch geführten Diskussion argumentiert er sachlich. „Mörder hat mich kürzlich eine Frau in einem Supermarkt geschimpft“, sagt Finnern. Eine Taube war in den Laden geflattert, Finnern hatte scherzhaft zu den Angestellten gesagt, dass er ihnen helfen könne, er sei Jäger. „Überlegen Sie doch mal, was Sie da sagen. Fragen Sie sich doch, woher das Fleisch in Ihrem Einkaufswagen kommt!“, antwortete Finnern der Frau.

Der Jäger kritisiert die Schizophrenie der Menschen beim Thema Fleisch. „Ich bin der böse Mörder, weil ich ein Tier in der freien Natur erschieße. Aber alle essen das abgepackte Fleisch von Aldi!“ Ein Produkt aus der Massentierhaltung, in der Tiere mitunter massiv gequält werden. „Ich sehe mich nicht als Jäger, eher als Naturschützer“, sagt Finnern. „Wir kümmern uns um den Wald, wir pflanzen Streuobstwiesen und Wildäcker. Und in der Erntezeit retten wir die Rehkitze vor den Mähdreschern.“

Der Naturschutzbund (Nabu) – so etwas wie der natürliche Feind des Waidmanns – versagt den Jägern den Naturschützerstatus. Die Natur komme in weiten Teilen ohne jagdliche Aktivitäten aus, heißt es in einer Mitteilung des Nabu Schleswig-Holstein. Die Jagd sei ein Eingriff in die Artenvielfalt und zur Regulierung der Populationen unnötig. Im Gegensatz zum Fressfeind schieße der Jäger nicht kranke und schwache Tiere ab, sondern wahllos alle, bevorzugt Männchen – der Trophäe wegen. Notwendig sei die Jagd lediglich, wenn sich Wild durch Hege derart vermehrt, dass junge Bäume im Wald komplett abgefressen werden. Wenn Jäger Naturschutz betrieben, dann nur unabhängig von ihren jagdlichen Aktivitäten.

Nils-Peter Finnern lässt sich in seiner Passion nicht beirren. „Eigentlich sollten wir Jäger in den Naturschutzbund eintreten“, sagt er. Über die Bedeutung der Jagd hätte man zwar entgegengesetzte Ansichten. „Aber auch ich liebe unsere Natur und möchte sie schützen. Und auch ich bin traurig, wenn wir durch Straßen oder andere Bauwerke wieder ein Stückchen davon verlieren“, sagt Finnern. Gemeinsamkeiten zu entdecken, ist immer der Anfang des gegenseitigen Verständnisses.