Norderstedt
Kreis Segeberg

Jürgen Hübner hat jetzt für immer schulfrei

Segebergs Schulrat Jürgen Hübner geht in den Ruhestand. Segebergs Schulrat Jürgen Hübner bei seiner eigenen Einschulung.

Segebergs Schulrat Jürgen Hübner geht in den Ruhestand. Segebergs Schulrat Jürgen Hübner bei seiner eigenen Einschulung.

Foto: Michael Schick/Jürgen Hübner / Segebergs Schulrat Jürgen Hübner

Segebergs Schulrat geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Im Abendblatt-Interview spricht er über seinen Abschied und den Lehrermangel.

Kreis Segeberg.  Er kennt die raue See. Jürgen Hübner war Marineoffizier und hat gelernt, Stürmen die Stirn zu bieten und Wogen zu glätten – Fähigkeiten, die er in dem Amt gut gebrauchen konnte, aus dem er sich jetzt verabschiedet: Der Schulrat geht in den Ruhestand. Zum Jahresende verlässt der 63-Jährige das Schulamt in Bad Segeberg. Das Abendblatt hat mit dem Pädagogen gesprochen.

Herr Hübner, wie ist das Abschiedsgefühl?

Jürgen Hübner: Ich habe die Arbeit immer gern gemacht, werde jetzt aber meine Freiheit genießen, nicht immer verfügbar sein zu müssen, nicht immer ans Telefon gehen zu müssen. Das Schulamt ist mit den beiden neuen Kollegen gut aufgestellt. Ich werde aber dennoch hin und wieder in Bad Segeberg auftauchen und meine Friseurin behalten. Die hat mir einen wirklich schönen Hinterkopf gezaubert.

Wenn wir mal ganz weit zurückgehen, wie war Ihr Start ins Schulleben?

Deprimierend. Ich bin beim Schultest durchgefallen. Ich konnte zwar schon lesen, aber ich war Linkshänder und musste alles mit rechts machen. Das hat überhaupt nicht geklappt. Als ich dann zu hören bekam, dass ich nicht genommen werde, habe ich geheult und der Schulleiterin in die Strumpfhose gebissen. Mit fremden Autoritäten hatte ich schon immer Probleme. Von diesen Erfahrungen her rührt wahrscheinlich, dass ich auch ein Herz für Kinder in schwierigen Situationen habe. Meine Mutter kannte aber den damaligen Schulrat und hat die Panne repariert.

War die pädagogische Karriere vorgezeichnet?

Überhaupt nicht. Mein Vater fuhr zur See, und damit war meine berufliche Laufbahn vorgezeichnet. Zumal ich aus Flensburg komme, die Liebe zum Wasser und zum Segeln schon früh geweckt wurde. Ich wurde Marineoffizier und bin nach der Bundeswehrzeit noch als Zweiter Offizier kurz auf Frachtern gefahren, musste aber feststellen, dass sich damit wohl auf Dauer kein Geld verdienen und keine Familie gründen lässt. Vor fast 40 Jahren brach der Frachtverkehr ein, die Schiffe lagen auf Reede und warteten auf Ladung.

Warum haben Sie sich für die Pädagogik entschieden?

Ich hatte mehrere Optionen. Architektur hat mich interessiert, ich hätte auch Medizin studieren können. Aber der Lehrerberuf hat mich einfach gereizt. Ich habe mich dann doch an die schönen Stunden meiner Kindheit erinnert und hatte den Wunsch, es anders und besser zu machen als meine Lehrer. Doch im Unterschied zum heutigen Lehrermangel gab es in den 80er-Jahren zu viele davon. Als ich 1987 in den Schuldienst ging, waren meine Fächer Deutsch und Geschichte, zu denen man mir zum Beginn des Studiums geraten hatte, nichts mehr wert. Ich bekam dann doch eine Stelle, wurde aber zu Zwangsteilzeit verdonnert, weil das Geld nicht für eine volle Stelle reichte. Als jüngster Lehrer an einer Grund- und Hauptschule in Schwarzenbek musste ich gleich eine Aufgabe übernehmen, die mich kräftig ins Schwitzen brachte.

Welche?

Ich musste den Schulrat, der die Schule inspizierte, durch das Gebäude führen. Und der wirkte, als wäre er, mit schlohweißem Haar und ordentlichem Anzug, gerade der „Feuerzangenbowle“ entsprungen, dem legendären Pauker-Film mit Heinz Rühmann. Doch offenbar habe ich meine Sache gut gemacht. Jedenfalls fragte er mich, ob ich Schulleiter werden will. Ich wies darauf hin, dass eine Verbeamtung als normaler Lehrer mir schon sehr helfen würde. Der Schulrat rief zu Hause bei meiner Frau an, die schon Lehrerin war, und sagte ihr, ich sei jetzt Beamter. Heute stellt sich die Situation genau gegenteilig dar.

Inwiefern?

Zum einen haben wir Lehrermangel, im Kreis Segeberg vor allem in den Fächern Mathe, Physik, Chemie. Es gibt mehr unbesetzte Planstellen als Bewerber. Zum anderen werden die Stellen heute online ausgeschrieben. Die jungen Kollegen suchen sich die Stelle und Schule aus, die ihnen am besten gefällt und bewerben sich. Die Schulleitung führt die Gespräche, wir unterschreiben dann nur noch den Vertrag.

Wie beliebt ist denn der Kreis Segeberg bei jungen Lehrern?

Viele wollen nach Flensburg oder Kiel. Je weiter wir nach Süden kommen, desto schwieriger wird es, Stellen zu besetzen. In Norderstedt sind die Mieten hoch, Grundstücke teuer, die Preise erreichen zum Teil Hamburger Niveau. In der Metropole sind die Kitakosten geringer, die Kultur vielfältiger, und das Einstiegsgehalt ist höher. Da wählen viele lieber das Original. Gar nicht so schlecht sieht es bei den Schulen auf dem Lande aus. So mancher entscheidet sich zum Berufseinstieg bewusst für einen überschaubaren Rahmen.

Was braucht ein guter Lehrer?

Er oder sie muss für den Beruf brennen, Spaß am Umgang mit Kindern haben, Vorbild sein und Grenzen setzen. Wir erinnern uns doch nicht an die weichgespülten Lehrer, die den Schülern das Du anbieten, sondern an die mit Ecken und Kanten, die verlässlichen, die auch ein Ohr für die Sorgen ihrer Schüler hatten. Lehrer sind viel mehr als Wissensvermittler, sie brauchen soziale Kompetenz und Unterstützung, die wir ja mit den Schulsozialarbeitern und mit der Schulassistenz und mit der intensiven Zusammenarbeit beispielsweise mit der Jugendhilfe auch installiert haben.

Da kommen 25 Prinzessinnen und Prinzen in meine Klasse, allesamt Individualisten. So beschrieb eine Grundschullehrerin mal ihre Situation, als sie eine erste Klasse übernahm. Stimmt der Eindruck?

Das Spektrum ist sicher breiter geworden und stellt Lehrer vor besondere Herausforderungen. Wir haben Flüchtlingskinder, die nie alphabetisiert wurden, die vom Krieg traumatisiert sind, die aus schwierigen Familienverhältnissen kommen. Aber auch die überbehüteten, für die die Eltern das Leben schon vorgezeichnet haben. Wie der Vater im Business-Anzug, erfolgreich im Beruf, der mit sagte, dass er schon zwei Wohnungen für seinen Sohn gekauft habe, damit der später in Ruhe an Eliteuniversitäten studieren könne. Das Kind hatte aber noch nicht mal die Grundschule hinter sich.

Was heißt diese Vielfalt für den Lernprozess?

Da kommt uns die Digitalisierung entgegen. Heute erklären mir schon Fünfjährige, wie ein Smartphone funktioniert. Die neuen Medien können helfen, das Lernen zu individualisieren, wenn sie denn ausreichend vorhanden sind, Informationen kritisch geprüft werden und es genügend entsprechend geschulte Lehrer und auf Knopfdruck abrufbare Lernmaterialien gibt. Heute ist wichtig, dass Kinder das Lernen lernen. Dabei dürfen wir aber eins nicht vergessen: die Lernkontrollen, die sicherstellen, dass die Schüler auch den erforderlichen Wissensstand haben. Zugleich brauchen wir Sonderpädagogen, damit Kinder mit besonderem Förderbedarf im inklusiven Unterricht nach ihren Fähigkeiten lernen können.

Beim Thema Inklusion kommt regelmäßig Kritik von der Lehrergewerkschaft GEW. Gibt es zu wenige Sonderpädagogen?

In jedem Fall. In Norderstedt sind allein an einer Schule sechs Stellen unbesetzt. Ich glaube, es müssen wie in der Wirtschaft besondere Anreize geschaffen werden, um diese personellen Lücken zu schließen: Eine Wohnung besorgen, bei der Suche nach einem Baugrundstück oder bei der Kinderbetreuung helfen. Wenn Länder wie Baden-Württemberg oder Bayern erst mal Lehrer brauchen, werden die sicher mit solchen Lockmitteln arbeiten.

Gibt es Kinder und Jugendliche, die nicht an Regelschulen lernen können?

Ja, aber das sind Einzelfälle wie der gewalttätige Elfjährige, der schon zweimal mit dem Staatsanwalt zu tun hatte, oder der jugendliche Drogendealer, beide durchaus intelligent. Für solche Fälle, sogenannte verhaltensoriginäre Schüler, haben wir spezielle Einrichtungen im Kreis Segeberg. Da hat übrigens der ehemalige Dealer inzwischen seinen Abschluss gemacht. Wichtig ist, ihnen eine Perspektive zu vermitteln, sodass sie später auf eigenen Beinen stehen können.

Als Seemann haben Sie die raue See kennengelernt. Ist dieser Vergleich auf den Beruf des Schulrats übertragbar?

Wir haben im Schulamt auch schwierige Situationen, wenn beispielsweise Schulen wegen zu geringer Schülerzahlen geschlossen werden sollen. Da fällt mir die Gemeinschaftsschule Ossenmoorpark in Norderstedt ein. Der externe Schulgutachter schlug die Schließung vor, aber ich wollte den Stadtteil Glashütte ohne eigene Gemeinschaftsschule nicht akzeptieren und habe angeregt, dass die Eltern gezielt die Werbetrommel rühren sollen. Das hat geklappt, jetzt gibt es ausreichend Anmeldungen und mit dem Schulneubau eine Perspektive.

Sie sind sportaffin und haben gesagt: Die Jungen spielen im Sportunterricht immer Fußball, die Mädchen Volleyball. Was muss sich ändern?

Ich habe als Flensburger die Einseitigkeit des Sportunterrichts selbst erleben müssen. Wir mussten in der Handball-Hochburg immer Handball spielen, obwohl ich dazu keine Lust hatte. Warum nicht Golf, heute längst kein elitärer Sport mehr, oder Rad fahren. Warum bauen Schulen Mensen für 100.000 Euro, aber kein kleines Fitness-Center für 50.000 Euro?

Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?

Ich will Sport machen, Golf spielen und erst einmal runterkommen. Vielleicht übernehme ich ein Ehrenamt oder berate Rechtsanwälte oder Institutionen bei Schulrechtsfragen. Leider unternehmen Eltern heute ja sehr schnell rechtliche Schritte, bevor sie mit den verantwortlichen Lehrern und Schulleitern gesprochen haben.