Norderstedt
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Das Abwasser muss dringend sauberer werden

Foto: HA

45 Kommunen verabschieden eine gemeinsame Resolution im Kampf gegen Mikroplastik, Medikamentenreste – und Feuchttücher.

Norderstedt.  Medikamente, Chemikalien, Feuchttücher, Wattestäbchen, Essensreste, Tierkadaver und Topfpflanzen – schädlich bis bizarr, was die Menschen alles in der Toilette runterspülen. In Norderstedt sieht das kaum anders aus als in den anderen 44 Städten und Kommunen, die ihr Abwasser maßgeblich über das Klärwerk Hetlinger Schanze an der Elbe entsorgen.

Das muss sich ändern: Norderstedt und die anderen Kommunen im Abwasser-Zweckverband Südholstein (AZV) haben deswegen eine Resolution verabschiedet. Darin appellieren sie an die Bürger, die Industrie und das Gewerbe der Region, die Ressource Wasser besser zu schonen. „Das Klo ist kein Mülleimer“, sagt Kathrin Eckert, Sprecherin des Großklärwerks in Hetlingen. „Da gehören nur Fäkalien und Papier von der Rolle rein – sonst nichts!“

Vor allem nicht die beliebten Feuchttücher, die für Hygiene, für den Babypopo oder das Abschminken in offenbar zunehmendem Maße genutzt werden. Obwohl es die Hersteller auf den Packungen versprechen: Die Tücher zersetzen sich nicht im Abwasser . Im Gegenteil. „Sie verklumpen in den Leitungen und verstopfen unsere Abwasserpumpen“, sagt Eckert. 800 Stück davon gibt es im Einzugsgebiet des Klärwerks. Und bei jedem Störfall müssen sich die Kollegen des Werks an die eklige Aufgabe machen, die Tücher aus den Pumpen zu bekommen, teilweise unter Einsatz schweren Gerätes und verbunden mit stundenlangen Unterbrechungen des Betriebs. Pro Einsatz kostet das ein paar Hundert Euro, die über Abwassergebühren von jedem Bürger bezahlt werden müssen.

Doch das weitaus größere Problem sind die unsichtbaren Inhaltsstoffe des Abwassers: Mikroplastik und die Wirkstoffe von Medikamenten. Sie werden zur Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt. „Mikroplastik gerät zunehmend in den Nahrungskreislauf, wurde in Fischen und auch schon im Menschen nachgewiesen“, sagt Eckert. Nachgewiesen wurde auch, dass Wirkstoffe wie das Schmerzmittel Diclofenac bei Fischen die Geschlechtsumkehr verursachen. „Männliche Fische verweiblichen“, sagt Eckert.

Der Appell des AZV richtet sich deswegen auch an die große Politik. Sie müsse für Verbote von Mikroplastik in Pflege- und Reinigungsmitteln sorgen und eine Strategie für Mikrofasern im Waschmaschinenabwasser oder den Reifenabrieb auf den Straßen entwickeln. Die Pharmaindustrie müsse besser abbaubare Wirkstoffe entwickeln, Krankenhäuser bräuchten Abwasser-Aufbereitungsanlagen und Patienten, die umweltschädigende Mittel einnehmen, Urinbeutel.

Im Hetlinger Klärwerk werden 31 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr von etwa 860.000 Einwohnern im Dreieck zwischen Lentföhrden, Elmshorn und Norderstedt gereinigt. Dabei fallen 50.000 Tonnen kontaminierten Klärschlamms an. Gerade hat die Verbandsversammlung eine Kooperation mit der Hamburger Stadtentwässerung und den Entsorgungsbetrieben Lübeck geschlossen. Der Schlamm wird jetzt in einer Verwertungsanlage der Hamburger auf dem Köhlbrandhöft verbrannt. Das größte Entsorgungsproblem des AZV ist damit zunächst beseitigt.

Um langfristig aber Mikroplastik oder Medikamente aus dem Abwasser zu bekommen, denkt man in Hetlingen über den Bau einer kostspieligen, zusätzlichen Reinigungsanlage nach – was die Abwassergebühren kräftig steigen lassen würde.

„Was wir nicht ins Wasser werfen, muss man später nicht mehr aufwendig herausfiltern“, sagt Arne Lunding von den Norderstedter Grünen. „Jeder Bürger kann was tun!“ Er ist gemeinsam mit Thorben Mahlstedt (CDU) und Edmund Bruns (SPD) als Vertreter Norderstedts in der Verbandsversammlung aktiv und will die Resolution in Norderstedt bekannt machen. Denn aus Norderstedt laufen im kommenden Jahr prognostiziert 4,3 Millionen Kubikmeter Abwasser in Richtung Hetlingen, knapp 9 Millionen Euro überweist die Stadt an den AZV, gespeist aus der Schmutzwassergebühr, die 2019 bei 2,08 Euro pro Kubikmeter Schmutzwasser liegt. Seit drei Jahren ist die Gebühr stabil. Wie lange noch?