Norderstedt
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Ein neues Generationenprojekt: Ein Abend im Theater

Kultur-Partner für einen Abend: Annika Bock (17), Schülerin am Lise-Meitner-Gymnasium, und Zita Kling (75), Rentnerin aus Norderstedt.

Kultur-Partner für einen Abend: Annika Bock (17), Schülerin am Lise-Meitner-Gymnasium, und Zita Kling (75), Rentnerin aus Norderstedt.

Foto: Andreas Burgmayer

Der Seniorenbeirat bringt Schüler und Senioren für einen gemeinsamen Abend zusammen. Das neue Projekt nennt sich „Kultur verbindet“.

Norderstedt.  Am Sonntag klingelt es gegen 11.30 Uhr an der Tür von Zita Kling (75) in ihrer betreuten Wohnung im Service-Haus der Arbeiterwohlfahrt an der Großen Heide. Das Mittagessen vom Caterer. Pünktlich. Wie jeden Tag. „Mit fünf Euro bin ich dabei. Es ist ganz gut“, sagt die Seniorin. Draußen ist es ein regnerischer Tag. Zita Kling stört das vielleicht gar nicht. Sie ist nicht gut zu Fuß. Ohne Gehwagen kann sie nicht aus dem Haus. Bei längeren Touren braucht sie einen Elektrorollstuhl. Vielleicht wird sie später die „Flimmerkiste“ anschmeißen, wie sie sagt. „Ohne Fernsehen – da wäre ich aufgeschmissen.“ Alltag im Leben einer Heimbewohnerin.

Annika Bork (17), ein hübsches Mädchen aus der Generation digital, steht kurz vor dem Abitur am Lise-Meitner-Gymnasium. „Ist schon ein ziemlicher Stress, das viele Lernen“, sagt sie. Ihr Sonntag ist sicher gut verplant. Ausschlafen ist angesagt, vielleicht ein wenig lernen und dann noch mit Freunden treffen. Vielleicht muss sie auch trainieren. Denn Annika ist Turniertänzerin beim 1. SC Norderstedt. Gemeinsam mit Partner Bente Rieck holte Annika den Landestitel in der Hauptgruppe C Standard.

Seniorenbeirat suchte nach interessierten Jugendlichen

Annika Bork und Zita Kling – einen größeren Unterschied in den Lebensentwürfen kann man sich kaum denken. Und trotzdem wuchs am Freitagabend zusammen, was über viele Generationengrenzen hinweg getrennt schien. Denn Annika und Zita trafen sich am Freitag im Foyer der „TriBühne“ zum gemeinsamen Theaterbesuch. Beide fein herausgeputzt, und beide ein wenig aufgeregt. Schließlich sind sie so etwas wie Versuchskaninchen. Die Idee, sie beide zusammenzubringen, hatte Karsten Bensel vom Arbeitskreis Kultur des Norderstedter Seniorenbeirates. „Kultur verbindet“ heißt das Projekt. „Wir wollen einfach versuchen, junge und alte Menschen in ungezwungener Atmosphäre zusammenzubringen“, sagt Bensel. Die „TriBühne“ spendete zehn Freikarten für die Aktion. Der Seniorenbeirat machte sich im Lise-Meitner-Gymnasium auf die Suche nach interessierten Schülern und suchte in ganz Norderstedt nach Senioren, die man entweder aus ihrer Einsamkeit oder Zurückgezogenheit holen wollte, die sich ohne Impuls von außen eben nicht mehr aufraffen können, um soziale Kontakte zu pflegen, weil sie den dazu nötigen Aufwand einfach scheuen. „Und es gibt auch viele Senioren, die sich aufgrund von Altersarmut so einen Theaterbesuch gar nicht leisten können“, sagt Bensel.

Zita Kling lebt schon seit 16 Jahren im Service-Haus der Arbeiterwohlfahrt. Und so lange leidet sie auch unter einer Krankheit, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte. „Ich habe Polyarthritis. Obwohl ich erst 75 bin, habe ich die Konstitution einer 90-Jährigen.“ Ins Theater zu gehen ist für sie ein gehöriger physischer Aufwand – finanziell würde sie ihn sich schon ab und zu leisten können. „Am Angebot des Seniorenbeirates interessierte mich aber vor allem der Kontakt zur jüngeren Generation – und die Chance, mal etwas ganz anderes zu erleben.“ Annika Bork musste gar nicht lange nachdenken, als sie von dem Projekt über eine Lehrerin im Lise-Meitner-Gymnasium erfuhr. „Ich finde die Idee einfach gut. Viele meiner Mitschüler sehen das nicht anders. Aber wirklich mitgemacht haben dann doch nicht alle.“ Es gibt sie also schon, die Berührungsängste zwischen den Generationen.

Für beide ein Ausflug in die Welt des jeweils anderen

Annika und Zita gehen schließlich gemeinsam in die Vorstellung des totkomischen Stücks „Die Känguru-Chroniken“, nach den Romanen des Autors Marc-Uwe Kling, der darin die Wohngemeinschaft mit einem vorlauten Beuteltier beschreibt.

„Es war ein wundervoller Abend. Wir haben viel Spaß bekommen“, sagt Zita Kling am Sonntag. Zwar habe sie festgestellt, dass sie wohl ein Hörgerät braucht. „Das Känguru habe ich gut verstanden, den anderen Schauspieler kaum.“ Aber insgesamt sei die Aktion ein schöner Erfolg gewesen. Annika sei eine tolle junge Dame, sagt Zita Kling hörbar beeindruckt. Natürlich sind die beiden an diesem Abend nicht gerade Freunde fürs Leben geworden. Nach dem netten Abend und einer Tasse Kaffee im Foyer haben sich die beiden nett voneinander verabschiedet. Annika Bork wurde von ihren Eltern mit dem Auto abgeholt, und Zita Kling bestellte sich ein Taxi. Ob es ein nächstes Mal geben wird, ist fraglich. Auf jeden Fall war es für beide eben alles andere als Alltag und ein kurzer Ausflug in die Welt des jeweils anderen.