Norderstedt
Bönningstedt

Erinnerung an zwei Schaustellerfamilien

Foto: Burkhard Fuchs

Bönningstedts Heimatverein erinnert an Familien Schippers und van der Ville, die mit ihren Attraktionen zu Bekanntheit gelangten.

Bönningstedt.  Sie haben eine der ersten Achterbahnen Deutschlands gebaut und sind mit ihrer Zwergenstadt und einem Kuriositäten-Kabinett weltweit auf den Jahrmärkten aufgetreten. Zentrum und Heimat der berühmten Schausteller-Familien Schippers und van der Ville war über viele Jahrzehnte das Dorf Bönningstedt, in dem sie von 1936 bis 1995 mit ihren Familien gelebt und gearbeitet haben. Der Heimatverein Bönningstedt hat jetzt für das Jahrbuch des Kreises Pinneberg die Geschichte dieser „Könige der Schausteller“ nachgezeichnet, wie der „Spiegel“ sie einst nannte, das war 1954. Mit 130 Angestellten und bis zu 300 Aushilfskräften waren sie zwischen den Weltkriegen größter Arbeitgeber Bönningstedts.

Gut ein Jahr lang haben sie sich auf die Spuren der Familien Schippers und van der Ville begeben, berichten Joachim Czolbe und Norbert Murr vom Bönningstedter Heimatverein. Sie sprachen mit Zeitzeugen, sammelten Fotos und bekamen sogar ein richtiges Schmuckstück geschenkt, das jetzt im Heimatmuseum, dem alten Rektorhaus, ausgestellt wird: das Modell jener ersten Holzachterbahn, mit der Schippers & van der Ville seit den 1930er-Jahren die Hauptattraktion auf den Jahrmärkten waren und die sie 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel an den britischen Schausteller John Collins weiterverkauften. Das Modell fertigte der Bönningstedter Rolf Wagner 1986 zum 65. Geburtstag seines Vaters Karl-Heinz an, der viele Jahre als einer der „Schippers-Zigeuner“ die echte Achterbahn auf den Jahrmärkten auf- und wieder abbaute. Jetzt hat er das Modell dem Heimatverein überlassen.

Die Familie Schippers stammt ursprünglich aus Erkelenz bei Mönchengladbach und die Familie van der Ville aus der Nähe von Köln. Der junge Josef Schippers war ein Riese. Mit 16 Jahren war er im Jahr 1900 bereits 2,17 Meter groß und galt als der größte Schüler der Welt. Später, im kaiserlichen Heer, wurde er zum größten Gardesoldaten der Welt erklärt und trat nach seinem Militärdienst 1907 in Uniform als Attraktion auf den Jahrmärkten auf. Er wog 230 Kilogramm.

Dort traf Josef Schippers 1912 auf den fünf Jahre jüngeren Otto Ernst Wilhelm van der Ville, der als Seiltänzer und Feuerschlucker einer Artistenfamilie auftrat. Sie beschlossen, künftig gemeinsam als Schausteller durch die Lande zu ziehen, und gründeten die Firma „Schippers & van der Ville“, die so bis 1967 bestand. Schon kurz nach der Gründung verlegten sie ihr Unternehmen nach Altona, um von der Oeverseestraße aus Fahr- und Belustigungsgeschäfte für Jahrmärkte herzustellen und zu betreiben. Schippers kümmerte sich um die Organisation, van der Ville um die Technik. Das machte er so erfolgreich, dass er für den Stromabnehmer der Autoscooter-Fahrgeschäfte das Patent erwarb, weshalb heute noch der Name van der Ville in jedem Autoscooter zu lesen ist.

Die Firmengründer starben 1948 und 1956

Ihr Geschäft blühte schnell (siehe Kasten). 1936 erwarben Schippers und van der Ville das große Gelände des Hagenbeck-Zirkus’ in Bönningstedt, das ein in Konkurs gegangener Bruder des Hamburger Zoo-Gründers betrieben hatte. Am Eisteich an der Dorfstraße gehörte dem Zirkus ein großer Rundbau, der bis zu 2500 Menschen Platz bot. Hagenbeck nutzte ihn als Winterquartier.

Schippers und van der Ville bauten dort ihre Zwergenstadt mit den bis zu 30 Kleinwüchsigen auf, mit denen sie bis 1953 auf den Jahrmärkten auftrWaten. Als durch das Bombardement der Alliierten 1943 große Teile Altonas zerstört wurden, waren auch die Fabrik und die Wohnhäuser der Schausteller betroffen. Schippers und van der Ville zogen mit ihren Familien ganz nach Bönningstedt, wo 1948 der Firmengründer Josef Schippers starb. Der Riese wurde nur 63 Jahre alt.

Jetzt übernahm sein Sohn, der auch Josef hieß, die kaufmännische Leitung von Schippers & van der Ville und führte die Firma in eine neue Blütezeit. Zudem engagierte sich Josef Schippers junior jetzt stark in seiner Heimatgemeinde Bönningstedt, wo er lange Elternvertreter war und wohl die aufregendsten Schulfeste in ganz Deutschland inszenierte. Sie waren bestückt mit den modernsten Fahrgeschäften und wurden mit einem großen Feuerwerk abgeschlossen, das regelmäßig Besucher aus Hamburg und weit darüber hinaus nach Bönningstedt lockte.

1956 starb auch der andere Firmengründer Otto van der Ville, sodass nun die beiden Söhne Josef Schippers und Otto van der Ville junior das Unternehmen bis 1967 gemeinsam weiterbetrieben. 1962 bauten sie ihre erste Achterbahn aus Metall. Dann trennten sie sich einvernehmlich. Van der Ville behielt vier Fahrgeschäfte sowie ein Grundstück am Eisteich und eines an der Dorfstraße in Bönningstedt. Schippers behielt die Fabrik in Altona, die nach dem Krieg wieder aufgebaut worden war, und das gesamte Gelände der Familie in Bönningstedt.

Während sich nun die Spuren der van der Villes verwischen, führte Josef Schippers sein Unternehmen bis 1984 erfolgreich von Bönningstedt aus weiter. Dann starb er. Sein Sohn Horst übernahm die Firma – und wirtschaftete sie herunter, wie es oft in Familienunternehmen in dritter Generation geschieht. Er war erfolgreicher Boxer gewesen und hatte es 1963 sogar geschafft, den Europameistertitel im Halbschwergewicht zu erringen. Doch mit der Schaustellerei hatte er es weniger am Hut und verkaufte nach dem Tod seines Vaters nach und nach die Fahrgeschäfte. 1995 ließ er auch das frühere Zirkusgebäude abreißen.

„Bönningstedt verlor einen bedeutenden Steuerzahler und Arbeitgeber“, schreiben Czolbe und Murr in ihrer Chronik. Schippers zog nach Norderstedt, wo er 2012 verstarb. Die „Schippers-Villa“ an der Straße In de Musen verkaufte er an die Gemeinde Bönningstedt. Heute stehen dort Einfamilienhäuser. . .