Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Anwohner möchten ihr Geld wiederhaben

Die Hausbesitzer mit ihren Familien protestieren gegen die Erhebung von Straßenausbaubeiträgen im Rugenfierth. Insgesamt haben sie 237.528,01 Euro gezahlt.

Die Hausbesitzer mit ihren Familien protestieren gegen die Erhebung von Straßenausbaubeiträgen im Rugenfierth. Insgesamt haben sie 237.528,01 Euro gezahlt.

Foto: Hans-Eckart Jaeger

Gebührenbescheid war ein Schock: Bis zu 16.000 Euro mussten die Anwohner der Straße Rugenfierth in Henstedt-Ulzburg für Ausbau zahlen.

Henstedt-Ulzburg.  Ein brisantes Thema steht bei der nächsten Sitzung des Finanz- und Wirtschaftsausschusses der Gemeinde Henstedt-Ulzburg am Montag, 10. Dezember, auf der Tagesordnung. Die Ausschussmitglieder beraten dann von 18.30 Uhr an über den Antrag der FDP, die Straßenausbaubeiträge in der Großgemeinde rückwirkend zum 26. Januar 2018 abzuschaffen. Bei einer Empfehlung entscheidet am 11. Dezember die Gemeindevertretung, die um 19.30 Uhr zusammentritt.

Möglicherweise tagt der Finanz- und Wirtschaftsausschuss auch im Ratssaal, denn die wenigen Plätze im Raum 1.22 werden für den zu erwartenden Andrang wohl nicht ausreichen. Die Mehrzahl der 21 Haus- und Grundstückseigentümer in der Straße Rugenfierth im Ortsteil Ulzburg wollen an beiden Tagen im Rathaus als Zuhörer dabei sein.

Sie kämpfen, unterstützt vom Fraktionsvorsitzenden Klaus-Peter Eberhard und dem Landtagsabgeordneten Stephan Holowaty (beide FDP), um die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge. Warum? „Es hat uns alle hart getroffen“, sagt Stefan Wirsching, Sprecher der Hausbesitzer in der 1961 gebauten und vor zwei Jahren frisch geteerten Straße Rugenfierth. Sie haben insgesamt 237.538,01 Euro bezahlt.

Mitte Oktober hatten die Anlieger eine mehrseitige Rechnung der Gemeinde aus ihren Briefkästen geholt. „Bescheid über die Festsetzung und Heranziehung zur Zahlung eines Straßenausbaubetrages für die Erneuerung der Straße Rugenfierth“, hieß es auf der Titelseite.

Bewohner müssen auf ihre Ersparnisse zurückgreifen

Stefan Wirsching und seine Frau waren geschockt. Der 47 Jahre alte Mathematik- und Physiklehrer am Alstergymnasium in Henstedt-Ulzburg, der mit seiner Familie in einem schmucken Haus (Wohnfläche ca. 180 Quadratmeter) lebt, sollte bis zum 15. November den stolzen Betrag von 15.490,38 Euro an die Gemeinde Henstedt-Ulzburg überweisen. Eine Summe, die aus der Größe seines Grundstücks (1029 Quadratmeter) errechnet wurde.

„Damit musste ich den höchsten Betrag aller Anlieger begleichen“, berichtete Wirsching, „die Rechnung hat meine Familie vom Hocker gehauen. Wir waren schockiert, denn mit einem so hohen Betrag hatten wir nicht gerechnet. So viel nimmt man nicht einfach aus der Portokasse. Wir mussten stark an unsere Rücklagen herangehen.“

Andere hat es noch härter getroffen. Elli Kreuzaler, die schräg gegenüber in einem Einzelhaus wohnt, ist nach eigener Aussage fix und fertig. Die 89 Jahre alte Witwe des ehemaligen Sparkassenangestellten Ulrich Kreuzaler, sollte 10.500 Euro berappen. Ihr verstorbener Ehemann hatte ihr zwar für den Notfall ein Sparbuch hinterlassen, doch das reichte nicht. „Wenn der Uli bloß noch leben würde, ich weiß nicht weiter“, klagte die alte Dame.

Die Hausbesitzer stellten sich mit ihren Kindern für das Abendblatt zu einem Gruppenfoto auf. Allen voran die alleinerziehende Dagmar Friedrich. Sie hatte ein Plakat mitgebracht, auf dem sie in großen, fetten Buchstaben die Gesamtsumme der fälligen Beiträge für alle Anlieger geschrieben hatte.

Die zweimal an Krebs erkrankte Frau lebt von einer niedrigen Erwerbsunfähigkeitsrente und muss von dem Geld die schulische Ausbildung ihres Sohnes bezahlen. Ihr Anteil von 13.100 Euro hatte sie mitten ins Herz getroffen. „Irgendwie habe ich jedoch das Geld aufgetrieben und bezahlt“, bestätigte sie.

Alle Hausbesitzer haben fristgerecht bezahlt, einige mit Hilfe eines Kredits oder einer Hypothek, und die meisten haben sich gegen den Bescheid gewehrt. Norbert Blieske (62), in seinem Elternhaus am Rugenfierth groß geworden und damit einer der ältesten Anlieger, hat nach der Zahlung von 14.500 Euro auf einen Widerspruch verzichtet. „Das Geld ist verloren, wir erhalten es nicht wieder“, klagte auch Ehefrau Doris.

„Ich glaube, wir können den betroffenen Haus- und Grundstückseigentümern mit unserem Antrag gewisse Hoffnungen machen, denn die Gemeinde Henstedt-Ulzburg hat Geld genug“, sagte der FDP-Politiker Klaus-Peter Eberhard.

Dazu kommt, dass Städte und Gemeinden nach einem Beschluss der Kieler Landesregierung seit Kurzem selber entscheiden dürfen, ob Straßenausbaubeiträge erhoben werden oder nicht. Norderstedt hat sich entschieden: Hier zahlen Hausbesitzer rückwirkend zum 26. Januar 2018 keine Straßenausbaubeiträge mehr.

Am 11. Dezember haben Henstedt-Ulzburgs Gemeindevertreter das letzte Wort.