Norderstedt
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Stadt will Flüchtlingshilfe neu ausrichten

Umsteuern, damit die Integration gelingen kann: Norderstedt besteht auf mehr Eigeninitiative in den städtischen Unterkünften.

Norderstedt.  Die Stadt Norderstedt richtet die Flüchtlingshilfe neu aus – weg von der Rundum-Betreuung, hin zur Verselbstständigung der etwa 1100 Bewohner in den 14 Unterkünften in der Stadt. Derzeit werden die Menschen mit ihren individuellen Problemen von zehn Sozialpädagogen der Caritas, der Diakonie und der Awo und von den Ehrenamtlichen des Willkommen-Team direkt in den Unterkünften beraten. Künftig wird das nur noch zentral in einer noch einzurichtenden Beratungsstelle in Norderstedt-Mitte geschehen.

„Integration, das Ankommen in der Gesellschaft, heißt auch, dass sich Flüchtlinge selbstständig durch ein Regelsystem bewegen können“, sagt Norderstedts Sozialdezernentin Anette Reinders. „Wenn jemand zwei oder drei Jahre in Norderstedt lebt, muss ich von ihm erwarten können, dass er selbst zurechtkommt.“ Reinders bezeichnet die generelle Situation in den Flüchtlingsunterkünften zwar als gut und lobt die engagierte Arbeit der von der Stadt beauftragten Hilfsorganisationen und der ehrenamtlichen Helfer als herausragend. Gleichwohl stellt sie Defizite fest: Der Grad der Verselbstständigung der Flüchtlinge sei unzureichend, es bestehe kaum Partizipation. Viele Flüchtlinge seien es gewohnt, dass die Helfer sie bei allen Problemen des Alltags und in der Kommunikation mit den Behörden an die Hand nehmen. Reinders: „Wir müssen die Integrationsarbeit von hinten denken: Wo wollen wir mit unserer Arbeit hin? Was wollen wir erreichen?“

Dazu hat sie eine Vision entwickelt. Bis 2024 möchte Reinders die Zahl der in den Flüchtlingsunterkünften lebenden Menschen von 1100 auf etwa 600 reduziert sehen. „Familien sollen dann ausschließlich in abgeschlossenen Wohneinheiten leben. Und von der Doppelbelegung der Zimmer, etwa mit zwei alleinstehenden Männern, müssen wir komplett weg.“ Die leer werdenden Unterkünften sollen schrittweise in vollwertigen Wohnraum umgewandelt werden – für Flüchtlinge, aber auch für sozial schwache deutsche Familien oder Senioren mit schmalem Geldbeutel. „Idealerweise haben wir es bis dahin geschafft, dass die Geflüchteten in ihren Unterkünften Beiräte gebildet haben, über die sie sich selbst um Problemlagen im Zusammenleben kümmern, den Kontakt zur Nachbarschaft pflegen und die Selbsthilfe untereinander fördern.“

Wer die Jahresberichte von Caritas, Awo oder der Diakonie über die Betreuungsarbeit in den Unterkünften liest, erfährt von den herrschenden Problemen. Beispiel deutsche Sprache: In der Unterkunft Oadby-and-Wigston-Straße, der mit 195 Bewohnern größten Unterkunft der Stadt, leben laut der Caritas hauptsächlich Syrer (59), Eritreer (31), Afghanen (25) und Armenier (20), etwas mehr Männer (109) als Frauen (86), 61 Bewohner sind Schüler, 16 sind im Kindergartenalter. Nur zehn der Bewohner sprechen Deutsch so gut, dass sie sich umfassend verständigen können (Niveau B1 und B2). „Viele Flüchtlinge tun sich schwerer mit dem Lernen der deutschen Sprache als wir gedacht haben“, sagt Reinders. „Niveau B1 oder B2 müsste aber für jeden das Ziel sein.“

Die Caritas beschreibt auch die aktuellen Herausforderungen in den von ihr betreuten Unterkünften. Offenbar geraten manche jugendliche Flüchtlinge in ihrer Freizeit in ein problematische Umfeld, in dem Alkohol, Drogen, kriminelles Verhalten und die Vernachlässigung der Schule eine Rolle spielen. Drogensucht sei auch bei Erwachsenen ein Problem. Die Menschen seien insgesamt zunehmend frustriert, weil der Familiennachzug stocke, weil sie keine Wohnung oder Arbeit finden. Kontakte außerhalb der Unterkunft zu knüpfen, falle allen schwer. „Die psychischen Erkrankungen vieler Flüchtlinge machen uns zunehmend Sorgen“, sagt Reinders. „Das überfordert die Sozialarbeiter und die Ehrenamtlichen.“

Das neue Konzept sieht vor, dass der Fokus der Betreuung in den Unterkünften genau auf diesen Phänomenen des Zusammenlebens liegen wird. Das Konfliktmanagement, ein Gewaltschutzkonzept, die Behandlungen von Notfällen und die Krisenintervention sind Schwerpunkte.

Ebenso die Wohnungssuche für die Flüchtlinge, die eher schwerer als leichter wird. Gerade hat das Sozialamt die aktuellen Zahlen des geförderten, also bezahlbaren Wohnraums in der Stadt veröffentlicht. 2013 gab es noch 2282 dieser günstigen Wohnungen in der Stadt. Doch sie fallen zunehmend aus der Mietpreisbindung. Heute gibt es noch 1635 dieser Wohnungen in der Stadt – und da sind die 421 seit 2015 fertig gestellten Sozialwohnungen schon dabei. 75 werden derzeit gebaut, 220 sind in Planung. Wird nicht mehr gebaut, gibt es in Norderstedt in zehn Jahren nur noch 831 geförderte Wohnungen. Die Flüchtlinge konkurrieren um diesen spärlichen Wohnraum mit vielen Mitbewerbern. Mit der städtischen Wohnungsvermittlerin Katrin Fasel versucht die Stadt relativ erfolgreich, die Chancen von Flüchtlingen und anderen Obdachlosen auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern. 125 Mietverhältnisse wurden bereits vermittelt.

Eine neue Rolle im Betreuungskonzept der Stadt spielt das Willkommen-Team. 30.000 Euro werden den ehrenamtlichen Helfern zur Verfügung gestellt, um gezielt Projekte zu entwickeln, die eine Verbindung zwischen den Parallelwelten der Flüchtlinge und der deutschen Gesellschaft herstellen sollen. In den Unterkünften selbst sollen die Ehrenamtlichen aber nicht mehr individuell betreuen. „Das Prinzip der Verselbstständigung verfolgen wir ja schon seit Jahren in unserer Arbeit und wir halten diese Entscheidung der Stadt für richtig“, sagt Ilka Bandelow, Vorsitzende des Vereins. „Wir wissen aber auch, dass dies bei einigen Flüchtlingen zu Unmut führen wird.“ Der weitaus größte der Teil der 1100 Flüchtlinge in der Stadt sei eigeninitiativ und bemüht, einfach ein ruhiges und gutes Leben führen zu können. „Doch wie sollen sie das schaffen, wenn die Familie nicht kommen darf, wenn es keine eigene Wohnung gibt, keinen Job und noch dazu Angehörige, die irgendwo in Flüchtlingslagern leben und ständig Geld zum Überleben brauchen. Da ist viel Druck auf den Menschen hier in Norderstedt“, sagt Bandelow. Dass dies in Norderstedt aber nicht zu mehr Problemen führt, sei der hervorragenden Zusammenarbeit aller Akteure in der Flüchtlingsarbeit geschuldet.

Doch ausgerechnet in der entscheidenden Phase der Integrationsarbeit schrumpft das Kontingent der Ehrenamtlichen, auf das Bandelow und das Willkommen-Team zurückgreifen können. Von ehemals 350 sind noch 180 übrig geblieben. „Manche haben frustriert aufgegeben, weil Erwartungen enttäuscht wurden. Andere haben sich in private Projekte verabschiedet und kümmern sich nur noch um eine Familie. Da sind schöne Freundschaften entstanden.“