Norderstedt
Bad Bramstedt

Schön-Klinik therapiert ihre Patienten online

Die Schön-Klinik Bad Bramstedt ist das größte medizinisch-psychosomatische Fachkrankenhaus in Deutschland.

Die Schön-Klinik Bad Bramstedt ist das größte medizinisch-psychosomatische Fachkrankenhaus in Deutschland.

Foto: CARSTEN BERNOT / Schön-Klinik Bad Bramstedt

25 Jahre nach der Gründung am Standort Bad Bramstedt baut die Einrichtung nun ihre digitalen Angebön-Klinikote kontinuierlich aus.

Bad Bramstedt.  Wenn Susanna (Name von der Redaktion geändert) gegessen hat, greift sie zum Handy. Was habe ich gegessen? Wie habe ich mich davor und danach gefühlt? Sorgfältig tippt die 18-Jährige ihre Antworten auf das Display. Fragen, die die Patientin der Schön-Klinik in Bad Bramstedt nach jeder Mahlzeit für sich und die Therapeuten beantworten. „Recovery Record“ heißt die App, die Massen von Fragebogen aus Papier ersetzt und die Auswertung erleichtert. „Digitale Medien halten Einzug in die Psychotherapie“, sagt die Leitende Psychologin Kirsten Schedler.

Die Schön-Klinik feiert in diesen Tagen ihr 25-jähriges Bestehen. Rückblicke gehören zum Festprogramm, doch mindestens ebenso interessant sind die Ausblicke auf die digitale Welt und die Chancen, wie sie die Behandlung psychisch kranker Menschen verändert.

„Die Therapielandschaft wandelt sich“, sagt auch Marcus Baer, der die Schön-Klinik mit ihren 488 Betten leitet und stolz behaupten darf, Chef des größten medizinisch-psychosomatischen Krankenhauses Deutschlands zu sein. Genau genommen sogar des größten der Welt, denn vergleichbare Kliniken mit diesem Behandlungskonzept sind im Ausland kaum zu finden.

Kommt der Patient in die Klinik, lädt er die App herunter

Indikationsspezifische Angebote – das war eine neue Idee, als die Familie Schön nach der Gründung der ersten Klinik im bayerischen Roseneck einen Standort im Norden suchte und damals auf das Kurgebiet im strukturschwachen Bad Bramstedt aufmerksam wurde. Die Philosophie lautet bis heute: Auch wenn es diverse Formen psychischer Erkrankungen gibt, muss die Therapie sich der Diagnose anpassen. „Das war damals Pionierarbeit“, sagt Baer.

Auch in den neuen, erst am Anfang stehenden digitalen Therapien sieht er viele Chancen, allerdings keinen Ersatz für stationäre Hilfe. Er spricht von einer Ergänzung. „Der Bedarf für qualitatives Wachstum ist da, aber nicht für mehr Betten“, sagt Baer.

Davon profitieren Patienten wie Susanna. Psychotherapeutin Schedler hält den Einsatz von Apps besonders bei essgestörten Patienten für sinnvoll. Dabei handelt es sich zumeist um Jugendliche oder junge Erwachsene. Sie haben ein Alter, in dem Menschen besonders smartphoneaffin sind. Von einem Nebeneffekt profitieren dabei alle Patienten: Die Bramstedter Schön-Klinik ist seit der Einführung der App im Sommer flächendeckend mit kostenlosem WLAN ausgerüstet.

Digitale Angebote ergänzen die Psychotherapie

Kommt der essgestörte Patient in die Klinik, lädt er die App herunter und kann sie auch nutzen, wenn er zum Beispiel für ein Wochenende nach Hause fährt, um sich auf den Alltag fern der Klinik vorzubereiten. Dort fotografiert er sein Essen vor und nach der Mahlzeit und sendet die Bilder nach Bad Bramstedt. „Das klappt natürlich nur, wenn alle ehrlich bemüht sind“, sagt Schedler. Die App ermöglicht außerdem Gespräche von Angesicht zu Angesicht mit dem Therapeuten oder macht Vorschläge für Meditationen.

Recovery Record ergänzt die Therapie, ersetzt sie aber nicht. Kirsten Schedler ist sehr zufrieden: „Ich habe das Gefühl, näher am Patienten dran zu sein“, sagt die Therapeutin.

Auch Chefarzt Gernot Langs würdigt die Vorteile digitaler Therapieergänzungen und beschäftigt sich mit dem Projekt MindDoc, das die Schön-Klinik entwickelt hat und für Patienten anbietet. Das Programm verspricht schnelle, direkte und wirksame Unterstützung und funktioniert fast so schlicht wie ein Skype-Gespräch zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Gedacht ist MindDoc für Patienten, die nicht zu einem Therapeuten fahren können oder wollen. Langs berichtet von Regionen in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, in denen kein Psychotherapeut in zumutbarer Entfernung zu finden ist. Oder von behinderten Menschen, die das Haus nicht verlassen. Oder von dem Patienten aus Deutschland, der auf Hawaii lebt und auf eine Therapie angewiesen ist. In Einzelfällen könne MindDoc auch genutzt werden, um im Notfall Kontakt zum Therapeuten aufzunehmen, sagt Langs.

Derzeit nutzen 480 Patienten MindDoc

Voraussetzung für die Aufnahme in das Programm ist ein persönliches Vorgespräch in der Klinik. Dabei werden Diagnose und Therapie festgelegt, die Gespräche führen danach Spezialisten in München oder in Partnerpraxen. Langs räumt ein, das bislang nur eine einzige gesetzliche Krankenversicherung sowie alle privaten Anbieter die Kosten übernehmen.

480 Patienten nutzen derzeit MindDoc. Die Patienten leiden zum Beispiel an Angst- oder Zwangserkrankungen und Depressionen. Sogar Expositionen sind möglich, sagt Langs. Dabei versuchen zum Beispiel Patienten mit Angst vor engen Räumen, in einen Fahrstuhl zu gehen. Die Erfahrung, das ihnen dort nichts passiert, wiederholen sie so lange, bis die Angst abnimmt und bestenfalls verschwunden ist. Der MindDoc-Therapeut begleitet sie dabei.

Gernot Langs ist überzeugt: „Die Bedeutung der Telemedizin wird weiter zunehmen. Das hat eine große Zukunft. Und wir müssen uns umstellen.“

www.minddoc.de

Weitere Infos: 450 Mitarbeiter

65.000 Patienten hat die Schön-Klinik in Bad Bramstedt seit der Eröffnung im November 1993 behandelt. Damals hatte das medizinisch-psychosomatische Fachkrankenhaus elf Stationen mit 250 Betten, heute sind es 20 mit 488. Davon gehören 60 Betten zur Reha-Abteilung. Die Klinik begann mit 150 Mitarbeitern und 940 Fällen pro Jahr. Inzwischen sind es 450 Beschäftigte und 3500 Fälle. Die Größe der Klinik erlaube eine zunehmende Spezialisierung, sagt Klinikleiter Marcus Baer.In den vergangenen Jahren hat sich die Klinik zunehmend mit der Digitalisierung beschäftigt – mit den Chancen für die Therapie, aber auch mit neuen Krankheiten. Im Jahr 2011 war das Krankenhaus in Bad Bramstedt das erste, in dem computersüchtige Patienten akutstationär behandelt wurden.