Norderstedt
Kreis Segeberg

Hebamme: „Ich kann es mir nicht erlauben auszufallen“

Ronny Meyer und Daniela Breitrück sind seit neun Jahren ein Paar. Sohn Finn im Arm von Hebamme Gudrun Lochmann hat das Glück komplettiert.

Ronny Meyer und Daniela Breitrück sind seit neun Jahren ein Paar. Sohn Finn im Arm von Hebamme Gudrun Lochmann hat das Glück komplettiert.

Foto: Annabell Behrmann

Gudrun Lochmann ist seit 40 Jahren Hebamme. Doch die Geburtshilfe wird zum Mangelberuf, die Zahl der Neugeborenen steigt.

Kreis Segeberg.  Gudrun Lochmann greift ihre Arzttasche aus dem Kofferraum. Dann geht sie mit schnellen Schritten zur Wohnung von Antonia Giese in Norderstedt. Es ist kurz nach 10 Uhr. Die Hebamme darf keine Zeit verlieren. Ihr Arbeitstag ist mit fünf weiteren Hausbesuchen eng getaktet.

Giese (23) steht bereits in der Tür, hält Töchterchen Zoey auf dem Arm. „Schön, dass du da bist“, begrüßt sie Lochmann. Die junge Mutter hat vor sechs Wochen entbunden und klagt über Schmerzen in der Brust. Den letzten Termin mit der 63 Jahre alten Hebamme musste sie wegen einer Erkältung absagen. Für Lochmann war es besser so. „Ich kann es mir nicht erlauben auszufallen“, sagt sie. Denn: In Norderstedt und Umgebung wird es immer schwerer für werdende Eltern, eine Hebamme zu finden.

In der Hebammenpraxis in Norderstedt sind zurzeit elf Mitarbeiterinnen beschäftigt. Nicht einmal eine Hand voll freiberuflicher Hebammen in der Stadt kommt hinzu. Gudrun Lochmann ist eine von ihnen. Der Mangel wird besonders deutlich bei einem Blick auf die Anzahl der Geburten in den umliegenden Krankenhäusern.

In der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg kamen in diesem Jahr 610 Kinder zur Welt. In der Langenhorner Asklepios-Klinik Nord wurden im ersten Halbjahr 880 Babys geboren. Zwar waren es 2017 mit 892 ein wenig mehr, die Zahl der Geburten bleibt aber konstant hoch. Übrigens: Die Summe der waschechten Norderstedter Säuglinge, also diejenigen, die in der Stadt angemeldet worden sind, beläuft sich im aktuellen Jahr auf 582.

Gudrun Lochmanns Handgriffe sind routiniert. Sie legt die kleine Zoey auf die Waage, misst die Körpergröße und tropft ihr eine Kochsalzlösung in die Nase. „Das hilft bei einer Erkältung“, erklärt die Hebamme, „Das solltest du ihr regelmäßig geben.“ Antonia Giese nickt. Die alleinerziehende Mutter ist froh, dass Lochmann sie unterstützt. „Das gibt mir viel Sicherheit.“

Nach einer halben Stunde packt die Hebamme ihre Tasche. Trotz des Zeitdrucks, unter dem sie jeden Tag steht, strahlt sie eine bemerkenswerte Ruhe aus. Kein Wunder: Lochmann arbeitet seit 40 Jahren in dem Beruf. Zunächst ließ sie sich als Kinderkrankenschwester ausbilden, entschied sich nach ein paar Monaten aber für einen Seitenwechsel. Als Hebamme war die Norderstedterin 29 Jahre in der Paracelsus-Klinik tätig, 20 Jahre davon in leitender Funktion. Seit 2011 arbeitet sie freiberuflich. „Im Kreißsaal ist der Stress noch größer als bei Hausbesuchen. Mir ist keine Situation im Leben unbekannt“, sagt sie.

Bis zum vergangenen Jahr hat Lochmann noch Geburtshilfe geleistet. Sie hat Entbindungen im Auto, Badezimmer oder am Telefon erlebt. Bei 2000 Babys, die sie auf die Welt geholt hat, hat sie aufgehört zu zählen. „Das war ungefähr zur Jahrtausendwende“, sagt sie und grinst. Jetzt konzentriert sie sich auf die Nachbetreuung der Frauen. „In einer riesigen Kiste zu Hause habe ich alle Danksagungen aufbewahrt. Die lese ich mir immer wieder gerne durch.“ Denn: Wer viel gibt, bekommt auch viel zurück.

Hebamme Gudrun Lochmann geht am 31. Oktober in Rente

Lochmann öffnet nach dem dritten Hausbesuch das Handschuhfach und holt sich einen Apfel heraus. Zu ihren Terminen in Norderstedt, Henstedt-Ulzburg und Quickborn fährt sie mit dem Auto. Zeit für eine Mittagspause bleibt ihr nicht. „Daran habe ich mich gewöhnt“, sagt sie. Derzeit betreut die Hebamme sieben Mütter gleichzeitig. „Das ist gar nichts.“ Sie winkt mit der Hand ab. „Sonst habe ich mich um 15 Frauen gekümmert. Manchmal musste ich an einem Tag zwölf Hausbesuche unter einen Hut bekommen“, erzählt sie weiter.

Es gibt einen guten Grund dafür, dass sich die Menge reduziert hat: Lochmann geht am 31. Oktober in Rente. Und hinterlässt damit eine riesige Lücke. „Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Bisher ist mein Leben an mir vorbeigerauscht“, sagt sie.

Als Hebamme zu arbeiten, bedeutet, keine geregelten Arbeitszeiten zu haben. Die Entbindungen der Frauen bestimmen den Alltag. Lochmann muss immer erreichbar sein – am Wochenende genauso wie an Weihnachten oder Silvester. Hinzu kommt: Die Bezahlung ist schlecht. Für die Dreiviertelstunde, die sie im Schnitt bei einem Hausbesuch verbringt, bekommt sie 38 Euro brutto. Sechs solcher Besuche absolviert sie in der Regel am Tag – am Abend protokolliert sie jeden einzelnen am Schreibtisch. „Das ist nichts für Weicheier“, sagt Lochmann.

Ein weiteres Problem: Von 2002 bis 2017 haben sich die Beiträge der Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, mehr als verzehnfacht. Wegen des hohen Risikos. So kommen sie auf Kosten von bis zu 8000 Euro im Jahr. Zwar gibt es seit 2015 einen sogenannten Sicherstellungszuschlag. Aber damit wird nur ein Teil der Versicherung übernommen.

Schon seit Jahren kämpfen Hebammen um ihren immer unattraktiver werdenden Berufsstand. Ein kleiner Erfolg: Am Mittwoch hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekannt gegeben, dass die Geburtshilfe ein akademischer Beruf werden soll. Das bedeutet: Statt an Schulen sollen Hebammen künftig in einem dualen Studium ausgebildet werden. Spahn setzt damit eine EU-Richtlinie um, nach der die Ausbildung bis zum Januar 2020 reformiert sein muss. Vorgegeben sind zwölf Jahre Schulbildung (statt wie bisher zehn). Deutschland ist eines der letzten EU-Länder, das diese Bestimmung umsetzt. In Lübeck und Hamburg werden solche Studiengänge bereits angeboten.

„Grundsätzlich ist es eine positive Nachricht. Es wird sich nicht sofort etwas ändern, aber die Akademisierung ist für die Akzeptanz des Berufsfeldes sehr wichtig“, sagt Anke Bertram, erste Vorsitzende des Hebammenverbandes Schleswig-Holstein. Im nördlichsten Bundesland gibt es immerhin 700 registrierte Hebammen – allerdings arbeiten davon aufgrund der schlechten Bezahlung immer mehr in Teilzeit.

Im Schnitt muss Lochmann 20 bis 30 Frauen pro Monat absagen. „Du schaffst einfach nicht mehr. Der Tag hat nur 24 Stunden“, sagt sie. Häufig führt ihr Mann Peter die Telefonate mit den verzweifelten Müttern. „Mir tut es leid, absagen zu müssen.“

Paar sucht im zweiten Monat Hebamme – zu spät

Daniela Breitrück und Ronny Meyer (beide 29) hatten Glück. „Ohne Gudrun wären wir aufgeschmissen“, sagt das Paar. Nach dem zweiten Schwangerschaftsmonat hatte es angefangen, eine Hebamme zu suchen. Eigentlich zu spät. „Wenn du beschließt, ein Kind zu bekommen, musst du bereits mit der Suche angefangen haben“, sagt Lochmann, als sie den dreieinhalb Wochen alten Finn im Waschbecken abspült. Der Säugling hat einen wunden Po, den die Hebamme beobachten muss. „Man trägt eine hohe Verantwortung. Du musst dich für diesen Job berufen fühlen“, sagt sie. In zwei Tagen kommt Lochmann wieder. Zur Kontrolle.

Würde sie noch einmal Hebamme werden, wenn sie neu entscheiden könnte? „Nein“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Aber nicht, weil sie ihren Job nicht lieben würde. Sondern: „Ich bin gern an der frischen Luft. In meinem nächsten Leben werde ich Försterin.“ Lochmann liest gern, hört Hörbücher und kocht. Für ihre Hobbys hatte sie in den letzten Jahren zu wenig Zeit. Das wird sich mit dem Ruhestand ändern. Angst davor hat sie nicht. Stattdessen scherzt sie: „Ich habe in meinem Leben sehr wenig geschlafen. Das hole ich demnächst nach.“