Norderstedt
Talkrunde

„Dem Nordstaat fehlt das Heimatgefühl“

Die Teilnehmerder Talkrunde in Norderstedt: Hans-Joachim Grote (von links), Uli Wachholtz, Thorsten Berndt, Marlene Langholz-Kaiser, Eka von Kalben, Volker Thormählen, Gothart Magaard und Theo Weirich

Die Teilnehmerder Talkrunde in Norderstedt: Hans-Joachim Grote (von links), Uli Wachholtz, Thorsten Berndt, Marlene Langholz-Kaiser, Eka von Kalben, Volker Thormählen, Gothart Magaard und Theo Weirich

Foto: Burkhard Fuchs

Hochkarätig besetzte Diskussion der Grünen-Landtagsfraktion in Norderstedt zu einer möglichen Länderfusion.

Norderstedt.  Die Luft aus der Diskussion nahm gleich am Anfang Innenminister Hans-Joachim Grote, für den die Diskussion in Norderstedt natürlich ein Heimspiel war. Er bezweifle, dass ein Nordstaat bei den Bürgern Heimatgefühle wecken könnte, sagte der ehemalige OB bei der Talkrunde, zu der die Landtagsfraktion der Grünen in das Technik-Center der Stadtwerke prominente Gäste eingeladen hatte.

Mit den Vertretern vom Unternehmensverband, der Nordkirche und dem NDR sollte die Idee eines einheitlichen Nordstaates von Hamburg und Schleswig-Holstein und vielleicht auch noch Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern an Fahrt gewinnen, gab die grüne Landtagfraktionschefin Eka von Kalben die Richtung vor. Doch wie sich herausstellte, war nur Unternehmensverbandspräsident Uli Wachholtz uneingeschränkter Befürworter einer solchen Länderfusion. Alle anderen auf dem Podium hatten so ihre Zweifel, ob ein solcher Länderverbund die Herzen der Menschen ergreift.

Allen voran der Minister, der zuständig für 1106 Gemeinden im Land ist: „Ich habe meine Zweifel, ob dieser Weg der Aufgabe von Identität für die Zukunft der Menschen richtig ist“, sagte Grote. Er erinnere sich noch gut an seinen Heimatort Paderborn, wo 1975 zwölf Gemeinden eingegliedert worden seien. Die 150.000 Bürger dort seien jetzt zwar alle Paderborner. „Aber im Herzen sind sie Bürger von Schloß Neuhaus, Neuenbeken oder Sande geblieben.“ Darum sei die Kernfrage: „Kann der Nordstaat eine neue Heimat schaffen?“ Das glaube er nicht, war Grotes Fazit.

Dabei sei die Verbundenheit der Menschen zu ihrem Heimatort „sehr wichtig für den Zusammenhalt der Menschen“. Im Übrigen könne er sich nicht vorstellen, dass Hamburg als potenzielle Hauptstadt eines solchen Nordstaates überhaupt denkbar sei. „Was will Hamburg mit Dithmarschen oder Ostholstein?“, fragte Grote. Er halte es mit dem Ersten Bürgermeister der Hansestadt, Peter Tschentscher, der gerade erst sagte: „Kooperation ja, Nordstaat nein.“

2005 wollte die Mehrheit der Bürger einen Nordstaat

Da hakte Verbandspräsident Wachholtz sofort ein. Die Wirtschaft mache ohnehin an keinen Ländergrenzen mehr Halt und erinnerte an eine Umfrage aus dem Jahr 2005, in der sich eine Mehrheit der Bevölkerung im Norden für den Nordstaat ausgesprochen hatte. Wobei für ihn nur Hamburg und Schleswig-Holstein den Nordstaat bilden sollten, höchstens noch zusammen mit Bremen. „Niedersachsen ist ja schon so groß wie diese drei Länder zusammen“, sagte der Verbandspräsident.

Das sei beim NDR gerade umgekehrt, berichtete Landesfunkhaus-Direktor Volker Thormählen. „Eher geht das Bundesland Bremen zum Bundesland Niedersachsen als das Radio Bremen sich dem NDR anschließt“, lautete seine These. Im Gespräch mit den Moderatoren Marlene Langholz-Kaiser und Thorsten Berndt von den Grünen machte der Kieler NDR-Chef deutlich, dass das Sender-Konzept, das von Flensburg bis Hildesheim reicht, nur deshalb so gut klappe, weil in allen drei Ländern zahlreiche lokale Stationen wie in Norderstedt dafür sorgten, dass die Hörer im Norden sich darin auch wiederfänden.

Ähnlich argumentierte Bischof Gothart Magaard. Die Fusion zur Nordkirche, die Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit 1000 Kirchengemeinden vereint, könne nur funktionieren, weil die 13 Kirchenkreise der vorhandenen Diversität Raum gäben. Denn die Identifikation bilde sich vor Ort. „Die Menschen brauchen das Gefühl, dass sie mitreden können“, sagte der Bischof. „Wir sind auf dem Weg des Zusammenwachsens. Das wird noch ein ganz langer Prozess.“