Norderstedt
Schröters Wochenschau

Tierisches Paralleluniversum an der A 20

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Jan Schröter, Autor aus Bad Bramstedt

Foto: Wolfgang Klietz

Psychologe, Physiotherapeut, Wellness – Im Tierdorf sieht Jan Schröter eine Demonstration der Schizophrenie der Gesellschaft.

Kreis Segeberg.  Demnächst auf einem zwei Hektar großen Flurstück an der Autobahnausfahrt Kaltenkirchen: ein Dienstleistungsdorf mit Arztpraxen, Wellness-Angeboten, Hotel, Friseur, Zierteich und überhaupt allem, was eine kleine Gemeinde attraktiv macht. Sie möchten sofort einziehen? Dann benötigen Sie vier Beine und einen Schwanz. Ein paar Flügel täten es vielleicht auch.

Denn sämtliche dieser neuen Angebote gelten einzig für Tiere. Natürlich nicht für alle. Nur für Hunde, Katzen und andere Haustiere, deren Besitzer zur weit verbreiteten Gattung der Helikopter-Frauchen/Herrchen zählen, die alles zahlt, was dem vermeintlichen Wohle ihres Lieblings dient. Zum Beispiel die Therapie beim Tierpsychologen (den es im Kaltenkirchener Tierdorf auch geben wird). Wohlgemerkt, die Therapie fürs Tier, nicht für den Halter – obwohl das vermutlich auch eine gesunde Option wäre. Und genau dieses tierische Paralleluniversum wird also künftig das Erste sein, was der von der Autobahn abfahrende Reisende von Kaltenkirchen zu sehen bekommt.

Man lernt daraus: Kaltenkirchen geht nicht vor die Hunde – Hunde gehen vor Kaltenkirchen. Ich habe nichts gegen Hunde. Ich würde sogar ein Dackelschnitzel essen, wenn es gut zubereitet wird. Schon, weil das bestimmt gesünder wäre als ein Imbiss-Hähnchen aus dem Geflügelknast. Womit wir vor der nächsten Widersinnigkeit stünden. Denn wie viele Hundehalter spendieren ihrem Liebling eine Massage beim Physiotherapeuten (gibt es natürlich auch im Tierdorf) und gehen hinterher einen Burger essen? Gut, Hunde sind vielleicht niedlicher als Rindviecher. Aber Rehe gucken auch treuherzig und landen trotzdem als Braten auf dem Teller. Andernorts verrecken Obdachlose auf der Straße, hier fährt man seinen Pudel zum Friseur. Deutlicher kann man die Schizophrenie unserer Gesellschaft kaum demonstrieren. So gesehen, ist das Tierdorf ein durchaus bewusstseinserweiterndes Projekt. Dank dafür.