Norderstedt
Kaltenkirchen

Erinnerung an den Todesmarsch von 1945

Fred Zimmak (r.) und George Nathan, Nachfahren von Teilnehmern des Todesmarschs, enthüllten die Gedenktafel in Kaltenkirchen

Fred Zimmak (r.) und George Nathan, Nachfahren von Teilnehmern des Todesmarschs, enthüllten die Gedenktafel in Kaltenkirchen

Foto: Wolfgang Klietz

Eine Gedenktafel für zwei KZ-Häftlinge, die kurz vor Kriegsende in Kaltenkirchen erschossen wurden, wurde feierlich eingeweiht.

Kaltenkirchen.  Den entscheidenden Hinweis fand Gerhard Braas in einem 72 Jahre alten Protokollbuch der SPD. Dass zwei KZ-Häftlinge beim sogenannten Todesmarsch 1945 in Kaltenkirchen erschossen wurden, war bekannt. Doch wo genau, darüber herrschte Unklarheit. Jetzt hat der Historiker in dem alten Heft entdeckt, wo die SS die Männer getötet hat: im Pferdestall von Hüttmans Gasthof. Die Kaltenkirchener Sozialdemokraten hatten sich 1946 mit der Rehabilitierung der Ermordeten beschäftigt und diesen Tagesordnungspunkt inklusive des Tatorts in ihr Protokollbuch geschrieben. „Das ist eine neue Quelle“, sagt der Kaltenkirchener Braas, der mit seiner Entdeckung eine der vielen Lücken in der Forschung zum Todesmarsch geschlossen hat.

Seit Kurzem erinnert eine Gedenktafel an den Tatort, der an der Schützenstraße in der Innenstadt liegt. Der Schleswig-Holsteinische Heimatbund, der Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Springhirsch und eine Arbeitsgruppe, die sich mit den Biografien der Teilnehmer des Marsches beschäftigt, haben sich für die Tafel engagiert, die an der Wand eines Neubaus befestigt wurde. Dort, wo die Kaltenkirchener Bank ein modernes Wohn- und Geschäftshaus gebaut hat, stand früher der Pferdestall. Hier hatten die Häftlinge Josef Beck und Hugo Kockendörfer in der Nacht zum 13. April 1945 geschlafen. Vermutlich weil sie nicht weitermarschieren konnten, tötete ein belgischer SS-Mann die Häftlinge mit seiner Waffe. Belangt wurde er dafür nie.

Beck und Kockendörfer gehörten zu den 800 Häftlingen des Konzentrationslager Fuhlsbüttel, das am Ende des Zweiten Weltkriegs vor den anrückenden britischen Truppen evakuiert wurde. Wachmannschaften zwangen die Männer und Frauen, zum „Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Kiel-Hassee zu gehen. Die hungernden, erschöpften und nur unzureichend gekleideten Männer und Frauen wurden quer durch Schleswig-Holstein nach Norden getrieben. Dabei kamen sie durch Kaltenkirchen.

„Wir stehen hier am Ort des Verbrechens“, sagte Gerhard Braas bei der Enthüllung der Tafel. Diese Aufgabe übernahmen zwei Nachfahren von Teilnehmern des Todesmarschs. Mutter, Tante und Großmutter von George Nathan hatten die Strapazen überlebt. Die Angehörigen seines Vaters starben im Getto in Riga. Die Familie emigrierte in die USA. Jetzt suchen George Nathan und seine Frau Barbara nach Spuren in Deutschland.

Viele Schüler nahmen an der Zeremonie teil

Auch Fred Zimmaks Vater hatte den Marsch überlebt. Er starb 1993, ohne je über die Strapazen und das Leid gesprochen zu haben. „Bestien“ seien damals am Werk gewesen, sagte Zimmak, der in Schweden zur Welt kam und in der Nähe von Flensburg lebt.

Er und Nathan waren vor der Enthüllung der Tafel im Kaltenkirchener Gymnasium zu Gast und sprachen dort über das Schicksal ihrer Familien in der NS-Zeit. Viele Schüler waren dabei, als die Männer die Tafel enthüllten. Auch die Nachfahren der Besitzer von Hüttmanns Gasthof und des Bauern Möller, bei dem ebenfalls Häftlinge schliefen, kamen zur Zeremonie an der Schützenstraße.

Die Tafel in Kaltenkirchen ist die vierte entlang der Marschroute. Zwei erinnern in Neumünster an das Verbrechen, eine in Bad Bramstedt. Demnächst kommt eine weitere in Kisdorf dazu. Alle Orte entlang der Strecke haben dem Heimatbund ihre Unterstützung zugesagt. Ausnahme ist Mühbrook nördlich von Neumünster. Die Gemeinde lehnt eine Gedenktafel ab.

„Der Schleswig-Holsteinische Heimatbund will, dass die Teilnehmer des Todesmarschs nicht vergessen werden“, sagte Präsident Jörn Biel. Bislang ist nur von 220 Teilnehmer die Identität bekannt. Die Biografie-Arbeitsgruppe Todesmarsch hat sich die Aufgabe gestellt, mehr über die Männer und Frauen herauszufinden, deren Schicksal wissenschaftlich nur dürftig erforscht ist. Doch die Quellenlage ist dünn – auch deshalb, weil sich die Täter ihrer Schuld offenbar bewusst waren. Gestapo und SS verbrannten nahezu alle Akten noch vor Kriegsende in Kiel.

Auch über Josef Beck und Hugo Kockendörfer ist wenig bekannt. Bei Kockendörfer steht nicht einmal die Schreibweise seines Namen eindeutig fest. Er kam 1910 in Rostock zur Welt, Beck war zwei Jahre älter und kam aus der Nähe von Frankfurt/Main. Beide wurden ohne Trauerfeier auf dem Kal­tenkirchener Friedhof beigesetzt. Nathan und Zimmak besuchten nach der Zeremonie ihre Gräber.