Norderstedt
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Polizei braucht dringend mehr Platz

Revierleiter Thomas Weißenberg steht in der Tür, die viel zu eng ist, um einen Festgenommen gegen seinen Willen sicher in eine Gewahrsamzelle zu bringen

Revierleiter Thomas Weißenberg steht in der Tür, die viel zu eng ist, um einen Festgenommen gegen seinen Willen sicher in eine Gewahrsamzelle zu bringen

Foto: Wolfgang Klietz

Die Wache an der Europaallee in Norderstedt wurde in den 70er-Jahren gebaut: Sie ist zu klein und in schlechtem Zustand.

Norderstedt.  Norderstedts Polizei hat keinen Platz mehr. Einige Schreibtische werden zu zweit besetzt, in der Wache haben die Beamten mit Sicherheits- und Datenschutzproblemen zu kämpfen. Das sind nur einige der Schwierigkeiten, die die 73 Beamten der Schutzpolizei und die 30 Kriminalbeamten im Polizeigebäude an der Europaallee zu bewältigen haben. „Das Problem ist mit hoher Priorität ans Innenministerium gemeldet worden“, sagt der neue Revierchef Thomas Weißenberg. Jetzt wird im Finanzministerium gerechnet. Doch er und Kripo-Leiter Volker Willert wissen, dass es vermutlich noch Jahre dauern wird, bis ein Neubau oder der Umbau eines bestehenden Gebäudes fertig ist.

Die Polizeiführung geht davon aus, dass derzeit mindestens 600 Quadratmeter Fläche fehlen. Einige Gewerkschafter sprechen sogar von einem zusätzlichen Raumbedarf von bis zu 2000 Quadratmetern. Kripo-Chef Volker Willert musste für Vernehmungen und Spurenaufbereitung bereits Räume in der Wache in Norderstedt-Mitte nutzen. „Die Kapazitäten sind erschöpft“, sagt er.

Das Gebäude neben dem Herold-Center wurde in den 70er-Jahren gebaut, als Norderstedt 45.000 Einwohner hatte. Jetzt sind es beinahe doppelt so viele, entsprechend ist auch die Zahl der Polizisten gewachsen. Doch die Zahl der Räume blieb unverändert. Weißenberg und Willert sind sich einig, dass der Platz in dem Haus bis auf den letzten Quadratmeter ausgereizt ist. Und beide wissen auch, dass das Personal weiter aufgestockt wird, um die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten.

Aber es geht auch um die Sicherheit der Polizisten. Beispiel Gewahrsamzellen: Die Räume im Keller sind nur auf verwinkelten und engen Wegen von der Wache oder der Garage aus zu erreichen. Sicherheitsschleusen fehlen. Überall im Boden lauern Stolperfallen. Wehrt ein Festgenommener sich, kommen die Polizisten kaum mit ihm durch die schmalen Türen und müssen fürchten, sich in den engen Fluren beim Gerangel zu verletzen. Gleichzeitig müssen sie versuchen, Flurtüren offenzuhalten, die sich aus Brandschutzgrün-den selbst schließen.

Der Datenschutz kann nicht immer gewährleistet werden

Ein weiteres Sicherheitsrisiko ist der Mangel an einem Raum für sogenannte erste Maßnahmen. Dafür stehen nur zwei Schreibzimmer zur Verfügung, in denen die Beamten normalerweise ihre Protokolle oder Anzeigen schreiben. Für renitente „Kunden“, die durchsucht werden sollen, liegen diverse Gegenstände wie Stühle und Stifte bereit, um sich massiv zu wehren.

Weißenberg und seine Kollegen sorgen sich auch um die Sicherheit im Wachraum. Wer erst einmal durch die Sicherheitsschleuse am Eingang durch ist, hat theoretisch Zugang zum gesamten Dienstgebäude. „Man muss gut aufpassen“, sagt Dienstgruppenleiter Torsten Stave. Auch von Datenschutz kann kaum die Rede sein: Wer zu Stave und seinen Kollegen an den Tresen kommt, um sich Rat zu holen oder eine Anzeige zu erstatten, muss damit rechnen, dass das Gespräch im gesamten Raum zu hören ist.

Manchmal muss die Polizei im Vorraum Gewalttäter festhalten, während einen Stuhl weiter Bürger darauf warten, eine Anzeige erstatten zu können. Vor Kurzem hätten zwei Kollegen einen Randalierer in dem Raum bewacht, während daneben eine Frau mit ihrem Baby saß und wartete. „So eine Bewachung bindet Personal“, sagt Stave. „Uns fehlt ein sicherer Raum.“ Weitere Probleme im Dienstgebäude:
• Die Kripo muss wegen des Platzmangels einen ehemaligen Lagerraum für digitale Auswertungen nutzen.
• Zweimal im Jahr wird bei der Kripo der Sozialraum wochenlang durch Lehrgänge blockiert.
• Kripo-Chef Willert hat sein Büro geräumt und ein kleineres bezogen, um Platz für zwei Kollegen zu schaffen.
• Die Toilette im Keller läuft regelmäßig über. Die stinkende Kloake verbreitet sich im ganzen Untergeschoss, der Geruch dringt durchs ganze Haus.
• Toiletten für Besucher und Festgenommene stehen nur in hinteren Räumen zur Verfügung, wo die Beamten ihre Einsatzjacken und -taschen lagern.
• Die Umkleideräume reichen für das Personal nicht aus.
• In der Schießanlage fällt immer wieder die Lüftung aus, in den Umkleideräumen lassen sich die Heizungen kaum herunterregeln.
• Für 20 Polizistinnen steht nur eine Dusche zur Verfügung.
• Die Garagen für die Dienstfahrzeuge und die Wagen der Polizisten sind zu klein.

„Das Gebäude in Norderstedt ist unser drängendstes Problem“, sagt Sebastian Kratzert von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Alle Beteiligten seien sich einig, dass das Haus nicht mehr zu sanieren sei. Auch die Behördenleitung favorisiere einen Neubau. Geht es nach Weißenberg und Willert, sollte der zentral in Garstedt liegen. Doch Flächen sind rar.

„Das Gebäude wird den Anforderungen nicht gerecht“, sagt auch Jochen Drews von der Polizeidirektion in Bad Segeberg, der mit einem ähnlichen Problem beim Polizeirevier Pinneberg beschäftig ist. Außerdem sucht die Direktion nach einem Ersatz für das Polizeigebäude Norderstedt-Ost an der Müllerstraße sowie für die Hundestaffel der Direktion, die derzeit bei der Station in Henstedt-Ulzburg untergekommen ist. Langfristig brauche auch die Autobahnpolizei in Bad Segeberg ein eigenes Domizil. Noch starten die Beamten zu ihren Einsätzen vom Segeberger Polizeizentrum in Richtung A 20 und A 21.

„Wir kommen in vielen Liegenschaften an unsere Grenzen“, sagt Drews, der als ehemaliger Revierleiter in Norderstedt die Situation dort gut kennt. Er hält es sogar für denkbar, dass bei einem Neubau in Norderstedt auch ein Umzug der Direktion infrage kommt. Sie ist in Bad Segeberg untergebracht und betreut von dort aus die Kreise Segeberg und Pinneberg. Schon lange plädiert die Polizeiführung für einen zentralen Standort, damit beispielsweise Dienstfahrten vom Revier Wedel zur Direktion und wieder zurück nicht einen ganzen Arbeitstag in Anspruch nehmen.