Schleswig-Holstein

Ist der Norderstedter Meilenstein ein Flop?

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Burgmayer und Heike Linde-Lembke
Thomas Nitt, Inhaber der Bäckerei und Konditorei an der Ulzburger Straße, sitzt auf der Bank, die zwei Parklplätze versperrt

Thomas Nitt, Inhaber der Bäckerei und Konditorei an der Ulzburger Straße, sitzt auf der Bank, die zwei Parklplätze versperrt

Foto: Heike Linde-Lembke

Viele Kunden und Geschäftsleute sehen die Umgestaltung der Ulzburger Straße in Norderstedt kritisch.

Norderstedt. Bäckermeister Thomas Nitt sitzt auf der städtischen Sitzbank vor seiner Bäckereifiliale an der Ulzburger Straße 324 und blickt über den sogenannten Meilenstein. Ein Name, den die Planer im Rathaus der etwa eine Million Euro teuren Umgestaltung der Einkaufsstraße im Abschnitt zwischen der Waldstraße und dem Glashütter Weg gegeben haben. „Dieser ganze Abschnitt der Ulzburger Straße zwischen Penny und Rewe ist ein Flop“, sagt Nitt.

Knapp zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung der umgestalteten Straße fremdeln die Händler immer noch mit der neuen Situation vor der Ladentür. Nicht alle gehen so weit wie Bäcker Nitt. Aber Kritik kommt auch von anderen Einzelhändlern. Dabei hatten die Kaufleute der Straße die Umgestaltung vehement gefordert und in einem langen Planungsprozess mit Stadt und Bürgern selbst beeinflusst. Das neue Flair auf der früheren Durchgangsstraße wurde bei der Eröffnung 2015 als wichtiger Baustein einer lebendigen Stadt gefeiert, die den Kaufleuten eine Perspektive gebe und sie besser aufstelle im Kampf mit dem Onlinehandel.

Doch aus Sicht von Bäcker Nitt sind nicht sandfarbenes Pflaster, Design-Fahrradständer und Sitzbänke entscheidend für den Umsatz, sondern Parkplätze direkt vor der Backstube. So wie vor der Filiale an der Ulzburger Straße 324. Doch zwei der Parkplätze sind blockiert – von der städtischen Sitzbank, dem Mülleimer und dem Fahrradständer.

„Die Bank ist geschäftsschädigend und schon seit Langem ein großes Ärgernis für unsere Kunden und für uns“, sagt der Bäckermeister. Zwar habe die Stadt mit ihm die Gestaltung abgestimmt. Doch dass die Sitzbank zwei Parkplätze zustellt, habe er erst nach dem Aufbau entdeckt. Seither habe er immer wieder bei der Stadt um Abbau oder Versetzung der Sitzbank gebeten – ohne Erfolg. „Dabei müsste die Bank nur einige Meter weiter nach rechts gesetzt werden“, sagt Nitt. Ohnehin würde sie viel zu dicht an der Straße stehen. „Wenn dort ein großer Lkw vorbeifährt, kann es auf der Bank sehr ungemütlich werden“, sagt Nitt und ergänzt: „Unsere Kunden haben noch nie auf der Bank gesessen, auch im Sommer nicht, die nutzen lieber unsere Café-Ecke in der Bäckerei.“

„Wenn jemand die Bank nicht haben will, genügen drei Zeilen per E-Mail, und wir bauen sie wieder ab“, sagt Thomas Bosse, Baudezernent im Rathaus. „Jeder Fahrradständer, jede Bank und jeder Mülleimer an der Ulzburger Straße ist mit den Eigentümern abgestimmt.“

Eigentümer der von Nitt angemieteten Immobilie sind die Partner Calogero Triglia und Salvatore Chiolo aus Leipzig. Die Bäckerei-Kunden würden laufend in der Einfahrt zum hinteren Gebäudeteil parken, Mieter würden sich laufend beschweren sagt Triglia. Er will, wie von Bosse gefordert, nun schnell den Abbau der Bank in drei Zeilen per E-Mail verlangen.

Wenn es nach Nitt ginge, könnte die Stadt auch gleich sämtliche Fahrradständer wieder abräumen. Jene wie Räder geformten Chrom-Bügel, die kein Radfahrer als Ständer nutze. „In der Tat, das ist so. Die Leute fahren mit dem Rad direkt zu Penny und stellen die Räder da ab“, sagt Galerist Jan Menssen. Und auch bei den Bänken habe er lange zu den Kopfschüttlern gehört, wie Nitt. „Aber letzten Sommer saßen dort tatsächlich Leute drauf – direkt an der Straße. Da habe ich meine Meinung geändert.“ Er will nicht nur meckern über den Meilenstein – wie etwa geschätzte 70 Prozent seiner Kunden. Die Umgestaltung sei gut und wichtig, die Pflasterung viel schöner und der für viele Auto- und Radfahrer noch immer nicht ganz verständliche Mittelstreifen auf der Fahrbahn tatsächlich eine gute Überschreithilfe für die Kunden. „Doch was fehlt, ist eine zentrale Parkfläche, abseits der Straße.“

Ein großes Problem sind die vielen Dauerparker

Vielleicht auch, um die Dauerparker von den Parkplätzen auf den Seitenstreifen wegzubekommen – schließlich sollen hier bevorzugt die Kunden parken. „Aber ich wohne hier auch! Und ich will auch an der Straße parken dürfen“, sagt Maryam Kasraei, die in ihrem Geschäft „Besser Leben Ja“ Gesundheitsschuhe anbietet. Sie nennt die Umgestaltung „gut gewollt, aber nicht gut gekonnt“. Auf der einen Seite habe sie ihr mehr Kunden eingebracht, weil direkt vor ihrem Geschäft mehr Parkraum entstand. „Aber die Radständer – die waren teuer, und keiner begreift oder benutzt sie!“ Und die Sitzbänke seien auch deswegen nicht gerade einladend für die Kunden, weil es an Grün fehle.

Yvonne Keunecke vom Eiscafé ­Pinocchio freut sich schon, wenn vielleicht im Sommer die Parkscheibenregelung an der Ulzburger Straße gelten wird – nur noch zwei Stunden freies Parken, danach gibt es Knöllchen. „Die Dauerparker verschwinden dann.“ Die Umgestaltung sorge nicht gerade für Dolce Vita vor der Eisdiele. „Mein Kunden-Feedback: Die meisten finden die Umgestaltung unnötig: Rausgeworfenes Geld!“ Keunecke macht die Verkehrsentwicklung Sorgen: „Wir sind eine 30er-Zone. Aber hier wird nach wie vor gerast, besonders abends. Fahrradfahrer haben Angst, die Straße zu benutzen. Wieso haben die eigentlich überall Blitzer aufgestellt in der Stadt – nur hier nicht?“

Das Schlusswort schließlich spricht Henning Schurbohm, Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Kaufleute an der Ulzburger Straße (IKUS). Er stellt klar: „Der Umbau ist grundsätzlich positiv. Die gesamte Straße wurde aufgeweitet. Das Flair ist ein anderes geworden – auch wenn man sicher noch nicht von einem Einkaufsboulevard sprechen kann.“ Auch er kennt die Kritik und die Kritiker gut, erinnert aber daran, wie wichtig und richtig die Umgestaltung ist und dass dabei alle mit ihrem Wünschen beteiligt wurden und werden. „Das ist ja ein Prozess. Man muss im Detail genau hinschauen, was verbessert werden kann. Wir sind da in einem guten Austausch mit der Stadt. Was er sich wünscht: „Der Straßenabschnitt braucht dringend eine Bushaltestelle.“

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