Norderstedt
Historische Raubserie

Wie Polizist Hermann Bauer die „Banklady“ fasste

Hermann Bauer vor dem Gebäude der ehemaligen Kreissparkasse in Bad Segeberg. Hier verübten die Banklady und ihr Geliebter den letzten Überfall

Hermann Bauer vor dem Gebäude der ehemaligen Kreissparkasse in Bad Segeberg. Hier verübten die Banklady und ihr Geliebter den letzten Überfall

Foto: Frank Knittermeier / HA

Viele Ereignisse sind im Laufe Zeit in Vergessenheit geraten. Das Hamburger Abendblatt hat sich auf Spurensuche begeben.

Kreis Segeberg.  Hermann Bauer zeigt auf den Hintereingang des großen weißen Gebäudes am Rande des Segeberger Marktplatzes an der Oldesloer Straße. „Dort sind sie herausgekommen.“ Der ältere Herr steht kerzengrade in der Fußgängerzone und überlegt. „Ja, das war tatsächlich das prägendste Ereignis in meiner Tätigkeit als Polizist.“ Heute ist Hermann Bauer 79 Jahre alt und der einzige noch lebende Ex-Polizist, der am 15. Dezember 1967 maßgeblich daran beteiligt war, dass einer der spektakulärsten Bankraub-Serien in Deutschland beendet wurde. Er und seine beiden inzwischen verstorbenen Kollegen fassten damals die berühmt-berüchtigte „Banklady“ Gisela Werler und ihren Komplizen Hermann Wittorf. Hermann Bauer hat das Geheimnis, wie er das Verbrecher-Duo schnappte, lange für sich behalten. Erst jetzt, 50 Jahre nach der Festnahme, spricht er über die damaligen Ereignisse.

1967 war das markante weiße Gebäude an der Oldesloer Straße noch Hauptsitz der damaligen Kreissparkasse Segeberg. Heute ist es unter anderem Sitz der Tourist-Info der Stadt Bad Segeberg und der Stadtbücherei. Die Filiale der heutigen Sparkasse Südholstein ist zwei Häuser weiter eingezogen. Nichts erinnert mehr an die Ereignisse von 15. Dezember 1967. Die erste Bankräuberin der Bundesrepublik beflügelte damals die Fantasie der Menschen. Aber die „Banklady“, wie sie wegen ihres eleganten Auftretens und ihrer höflichen Art, bei Überfällen um Geld zu bitten, genannt wurde, entpuppte sich als biedere Frau aus dem Hamburger Arbeitermilieu, die noch bei ihren Eltern wohnte und später vor Gericht angab, aus Liebe gehandelt zu haben.

All das wusste Hermann Bauer natürlich nicht, als er an jenem Freitag im Dezember 1967 den Einsatzbefehl erhielt. Um 18.10 Uhr wurde in der Kreissparkasse der Alarm ausgelöst, der 29 Jahre alte Polizeihauptwachtmeister, saß am Steuer des Polizeiwagens, zwei ältere Kollegen, die eigentlich gerade Feierabend machen wollten, sprangen schnell hinein. In Höhe des alten Kohlenplatzes, dem heutigen ZOB, kam ihnen ein VW-Käfer entgegen, den die beiden Bankräuber Werler und Wittorf vor dem Überfall gestohlen hatten.

„Die beiden waren aus dem Hintereingang der Sparkasse geflohen und zum Kohlenplatz direkt daneben gelaufen“, sagt Hermann Bauer. Vier junge Sparkassen-Angestellte nahmen die Verfolgung auf, wurden von Wittorf aber angeschossen und zum Teil erheblich verletzt.

Bei der anschließenden Fahndung sahen die drei Polizisten den VW auf der B 206 wieder: Hermann Wittorf wollte zurück nach Bad Segeberg, weil er sein eigenes Auto, einen schwarzen Volvo, an der Schwimmhalle geparkt hatte. In Höhe Rotenhahn schnitt Hermann Bauer dem Fluchtfahrzeug den Weg ab und blockierte dessen Weiterfahrt. Während Hermann Wittorf festgenommen wurde – aus seiner Maschinenpistole war das Magazin in der Hektik herausgesprungen –, versuchte sich die „Banklady“ im Fußraum zwischen Vorder- und Hintersitz zu verstecken. Es half ihr nichts

Gisela Werler und Hermann Wittorf überfielen 19 Banken

„Bis dahin wussten wir immer noch nicht, wer diese Personen eigentlich waren“, sagt Hermann Bauer. Das teilte ihnen der Revierleiter erst am nächsten Tag mit.

Die damals 34 Jahre alte Gisela Werler wurde später zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Ihr Komplize Hermann Wittorf musste dreizehneinhalb Jahre in Haft. Sie wurden für schuldig befunden, zwischen 1965 und 1967 insgesamt 19 Banküberfälle verübt zu haben. Dabei trat sie stets in eleganter Verkleidung auf und bat höflich um das Geld, während er Angestellte und Kunde mit einer Maschinenpistole bedrohte. So wurde der Mythos der „Banklady“ geboren. Rund 400.000 Mark fielen so in die Hände des Verbrecher-Duos. Alleine in der Segeberger Kreissparkasse steckte es an jenem 15. Dezember rund 95.000 Mark in die Tasche. Am 10. Februar und am 1. Dezember 1967 hatten Werler und Wittorf bereits die Segeberger Volksbank überfallen. Sie heirateten im Gefängnis. Werler verstarb 2003, Wittorf 2009.

Über die spätere Glorifizierung der „Banklady“ kann Hermann Bauer, der vor 19 Jahren als Polizeihauptmeister in den Ruhestand ging, nur den Kopf schütteln: „Das hatte alles wenig mit der Wahrheit zu tun.“ Für ihn bleiben beide Bankräuber Schwerverbrecher.

Dank Hermann Bauer und seinen beiden Kollegen ist die Überfall-Serie aufgeklärt worden. Aber unfreiwillig hat ihr mutiger Einsatz mit zur Legendenbildung beigetragen. Wären die Täter unbehelligt geblieben, hätte das Geheimnis vermutlich nie gelüftet werden können. Spekulationen dieser Art sind dem Ex-Polizisten, der seit Langem im Seniorenbeirat der Stadt Bad Segeberg aktiv ist, völlig egal. Wenn er mit seiner Frau am Gebäude der Tourist-Info vorbei in Richtung Wochenmarkt geht, muss er jedesmal an die spektakuläre Festnahme vor 50 Jahren denken.

Im Spielfilm „Banklady“ aus dem Jahre 2014 spielt Nadeshda Brennicke die Rolle der Gisela Werler, Charly Hübner agiert als Hermann Wittorf. Das Action-Liebes-Drama floppte in Deutschland, bekam jedoch gute Kritiken und wurde international ausgezeichnet.

Für den Dokumentarfilm „Die Banklady-Story“ gab Gisela Werler 1999 ihr erstes und einziges TV-Interview. Ihr Tagebuch wurde 2007 verfilmt und in der ARD unter dem Titel „Die Banklady“ innerhalb der Serie „Geld her!“ gezeigt. Ebenfalls 2007 entstand der Animationsfilm „Gisela“ von Katja Baumann. Keiner der Autoren hat jemals bei Hermann Bauer nachgefragt, wie es damals wirklich war in Bad Segeberg, beim letzten Banküberfall des Bankräuber-Duos.