Norderstedt
Kreis Segeberg

Egon Müller – der singende Speedway-Fahrer

Ein echter Sonnyboy: Egon Müller gehörte in den 70er- und 80er-Jahren zu den bekanntesten deutschen Sportlern

Ein echter Sonnyboy: Egon Müller gehörte in den 70er- und 80er-Jahren zu den bekanntesten deutschen Sportlern

Foto: imago sport / imago sportfotodienst

Der Ex-Weltmeister, der in der Nähe von Bad Bramstedt lebt, ist nach wie vor sehr aktiv: Müller hat eine CD auf den Markt gebracht.

Kreis Segeberg.  Langes blondes Haar, glitzernder Brilli im Ohr, ein ewig verschmitzter Gesichtsausdruck: Vor 30 Jahren kannte in Deutschland jeder diesen Draufgänger. Egon Müller war zwar in einer Randsportart aktiv, aber das machte er so spektakulär, dass er zu einem der populärsten deutschen Sportler aufstieg. Dreimal war er Langstreckenweltmeister, einmal Speedway-Weltmeister. „Früher hat mich auf der Straße jeder erkannt“, sagt der mittlerweile 69-Jährige und strahlt dabei übers ganze Gesicht.

Es ist gut möglich, dass Müller, der in der Nähe von Bad Bramstedt zu Hause ist, demnächst wieder mehr Autogramme schreiben muss, denn der Rennfahrer im Ruhestand geht auf Tour: Auf Konzerten, im Fernsehen und im Radio stellt er seine Sangeskünste unter Beweis. Zusammen mit dem Ehepaar Gottschalk aus Nahe hat der Tausendsassa eine CD mit Rock-, Pop-, Country-, Latino- und Dance-Pop-Songs aufgenommen.

Die Lachfalten haben sich tief eingegraben. Vielleicht sind auch ein paar Sorgenfalten darunter: Immerhin musste er auch mit Schicksalsschlägen fertig werden. 63 Brüche, eine Nahtoterfahrung und der schwere Unfall seines Sohnes – das muss ein Mensch erst mal verkraften. Auch an einem Tausendsassa wie Egon Müller, der im Laufe seiner Karriere 2784 Pokale sammelte, 33 Rekorde aufstellte und neben seinen Weltmeistertiteln noch achtmal Europameister und 17-mal Deutscher Meister wurde, geht das Leben nicht spurlos vorüber.

Jetzt sitzt er entspannt im Wintergarten seines 1764 erbauten Hauses und genießt das Leben mit seiner Freundin Gabi. Nicht den Ruhestand, denn den gibt es bei ihm nicht. Wäre auch schwer vorstellbar: Egon Müller, der Draufgänger auf der Rennpiste, den nur Kettenrisse oder abgebrochene Spritschläuche, aber niemals die Gegner stoppen konnten –, ein solcher Mann setzt sich nicht im Schaukelstuhl und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Auch heute noch ist der Ex-Rennfahrer ein Meister in Marketing und Promotion geblieben. Er ist TV-Experte für Motorradrennen, Moderator bei Motorsportveranstaltungen, Motorentuner für Speedwaymaschinen – und Rockmusiker. Die früheren Rennerfolge und seine anschließenden Tätigkeiten haben dem gelernten Zweiradmechaniker, der aus einer großen Artistenfamilie stammt, einen angenehmen Wohlstand beschert. Egon Müller hat gut gewirtschaftet und kann heute von den Erträgen seiner langen Karriere leben.

Müllers erste Single kam schon Anfang der 70er auf den Markt

Er könnte sich also tatsächlich zurücklehnen, aber dieser Mann ist rastlos geblieben. Da traf es sich gut, dass er vor einiger Zeit bei Familie Gottschalk in Nahe zu einer großen Wiedersehensparty eingeladen war. Die Gottschalks – Christel hauptsächlich als Fotografin, Charly als Produzent, Promoter, Manager und Verleiher von Veranstaltungstechnik – sind in der deutschen Musikszene seit Jahrzehnten umtriebig. Viele deutsche Schlagerstars und Radio-Discjockeys waren bei ihnen unter Vertrag und verdienten eine Menge Geld mit den Auftrittsmöglichkeiten, die ihnen das Ehepaar aus Nahe in ganz Deutschland verschaffte.

Während der Party erinnerten sie sich an die „alten Zeiten“: 1973 oder 1974 – so ganz genau kann es heute keiner von ihnen mehr sagen – produzierte Charly Gottschalk mit Egon Müller eine Single-Schallplatte. „Wenn ich wüsste“ war zwar kein großer Erfolg, aber die Platte war der Anstoß für eine Sängerkarriere, die der Rennfahrer so nebenbei in den 80er-Jahren vorantrieb. Im Discosound der damaligen Zeit besang er sich selbst: „Speedway Man“ und „The Devil wins“ waren seine erfolgreichen Stücke, die bei Radio Schleswig-Holstein wochenlang auf dem ersten Platz rangierten. In der „Bravo“ tauchte er zu jener Zeit häufig auf – der Popstar unter den Motorradrennsportlern war auch abseits der Rennpiste jederzeit massentauglich.

Müller und „Charly Caputnik“ kennen sich seit 45 Jahren

Die Musik ist bis heute die zweite große Leidenschaft des gebürtigen Kielers geblieben. Immer mal wieder tritt er auf und singt ein paar Lieder. Gegen den Rat seiner Lebensgefährtin übrigens: „Die findet, dass es in meinem Alter nicht mehr so gut aussieht, wenn ich auf der Bühne stehe“, sagt Egon Müller, zieht ein Smartphone aus der Hosentasche und demonstriert mit einem Video, dass erst vor wenigen Tagen im Kieler Kultur- und Kommunikationszentrum Pumpe aufgenommen wurde, wie gut er es noch kann: Der „alte Herr“ auf der Bühne. In Lederkluft und mit der Gitarre in der Hand macht Egon Müller eine gute Figur. Er trifft jeden Ton und kann – ganz Profi – das Publikum unterhalten. Dabei vergleicht er seine Auftritte mit den Motorradrennen von früher: „Ich will sofort eine Resonanz vom Publikum – entweder du bist gut und bekommst Applaus, oder du bist schlecht und es gibt keinen Applaus.“ Tatsächlich ist es wie in alten Zeiten: Egon Müller wird mit Beifall überschüttet...

Egon Müller und Charly Gottschalk hatten in den vergangenen 45 Jahren seit Veröffentlichung der ersten Single zwar keine geschäftlichen Beziehungen mehr, aber sie verloren sich nicht aus den Augen. „Wir sind immer in Kontakt geblieben“, sagt der Naher Musik-Promoter.

So vereinbarten sie ein paar Termine in verschiedenen Studios, um gemeinsam eine CD zu produzieren. „Stylemixx“ wurde das Gemeinschaftswerk genannt. Der Titel ist Programm: Alles schön bunt durcheinander gemischt. „Immer in der Spur“ oder „Highway“ sind Songs, die nach Rennbahn klingen und den Esprit von Motorenöl versprühen, der „Bananaboat-Song“ wurde von Harry Belafonte entliehen, „La Bamba“ von Ritchie Valens. Alle elf Lieder sind bestens geeignet, um das Publikum zum Mitsingen zu animieren und in Stimmung zu bringen. Alles so, wie der Ex-Weltmeister es gerne mag. Damit kann er bei Konzerten den Saal zum Toben bringen. „Egon weiß ganz genau, wie er das Publikum animieren kann“, sagt Charly Gottschalk, der für seinen Schützling natürlich auch gleich ein paar wichtige Termine vereinbart hat. Diverse TV-Auftritte sind gebucht, Rundfunk-Interviews und größere Artikel in Fachzeitschriften. Dabei musste er keine Klinken putzen: „Der Name zieht heute immer noch“, weiß Charly, der unter seinem Künstlernamen „Charly Caputnik“ einst mit seinem Freund Uwe Voss, dem Kreistagsabgeordneten und langjährigen Geschäftsführer der Kreis-CDU, legendäre Zeltfeste in ganz Norddeutschland veranstaltete.

Rennen fährt Egon Müller heute natürlich nicht mehr. Von Motorrädern kann er allerdings nicht lassen: Ein Biker ist er geblieben. Auch wenn er es heute eher gemütlich angehen lässt.