Norderstedt

Hunderte Diesel-Oldies enden auf dem Schrott

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Schick
Tim Kiesow vor den ausrangierten Diese-Pkw, die sich auf dem Gelände des Norderstedter Autoverwerters stapeln

Tim Kiesow vor den ausrangierten Diese-Pkw, die sich auf dem Gelände des Norderstedter Autoverwerters stapeln

Foto: Michael Schick / HA

Viele Fahrzeuge sind einem Top-Zustand, pusten aber zu viele Stickoxide in die Luft. Autofahrer steigen um und nutzen die Umweltprämie.

Norderstedt.  Ein schwarzer Audi A4 Avant, Modell 8k, eine Mercedes M-Klasse, ein 1er BMW – alle drei tadellos im Lack, die Motoren laufen, Mängel: Fehlanzeige. Und doch sind die drei zum Sterben verdammt, der Zettel auf dem Armaturenbrett zeigt an, worum es geht: „Schlachtfest“. Der Grund: Ältere Dieselmotoren treiben die Fahrzeuge an. Die Besitzer fürchten Fahrverbote, wollen kein Risiko eingehen und haben ihre Autos verschrottet. Nun stapeln sich die Selbstzünder bei Kiesow. „Die Folgen der Umweltprämie für den Tausch eines alten Dieselfahrzeugs gegen einen Neuwagen bekommen wir deutlich zu spüren“, sagt Tim Kiesow, Geschäftsführer des Norderstedter Autoverwerters.

Die Hersteller zahlen ihren Kunden Geld, damit sie sich von einem alten Dieselfahrzeug trennen und einen Neuwagen kaufen, der auch ein Benziner oder Elektro-Auto sein kann. Mit dem finanziellen Anreiz sollen die veralteten Dieselmotoren von der Straße, die die schädlichen Stickoxide produzieren (s. Info-Kasten). Die Rechnung der Autofirmen geht zumindest teilweise auf, wie das Kiesow-Gelände zeigt.

Für die Diesel-Pkw musste Kiesow den Vorplatz erweitern

„Insgesamt sind in den vergangenen Monaten mehrere Hundert Alt-Diesel zusammengekommen“, sagt Kiesow, der mit vielen Autohäusern in der Region zusammenarbeitet und sogar deutschlandweit ausrangierte Modelle abwrackt. Die Jüngsten wurden 2011 zugelassen, doch mit der Abgasnorm Euro 5 und älter könnten für sie Fahrverbote gelten und Innenstädte künftig tabu sein. „Viele Fahrzeuge, die jetzt bei uns verwertet werden, sind in einem Top-Zustand“, sagt der Kiesow-Chef. Die Qualität sei viel besser als bei der Abwrackprämie 2009, allerdings würden deutlich weniger Fahrzeuge angeliefert. Als der Staat den Tausch Alt gegen Neu vor neun Jahren finanziell forcierte, seien 16.000 Autos abgegeben worden, viermal so viel wie in durchschnittlichen Jahren.

Doch auch für die aktuellen Abwrack-Diesel mussten Kiesow und sein Team den Vorplatz, auf dem die Autos bis zur Verwertung abgestellt werden, erweitern. „Als die Hersteller die Umtauschprämie verkündet haben, gab es einen richtigen Schub. Da haben die Kunden die Verkaufsräume der Autohäuser leer gekauft“, sagt Kiesow. Jetzt gebe es Lieferzeiten für Neuwagen, die Abgabe der ausrangierten Dieselfahrzeuge habe sich eingependelt.

Die Fahrzeuge werden zunächst „umweltgerecht trockengelegt“, Öl, Benzin und andere Flüssigkeiten abgelassen, Airbags demontiert, Teile für den Verkauf ausgebaut und geprüft, ehe das Wrack auf die SB-Fläche kommt, wo sich die Bastler bedienen können. „So ungefähr alle sechs Wochen fahren wir 700 Tonnen Alt-Fahrzeuge zum Unternehmen, das die Fahrzeugreste schreddert“, sagt Kiesow. Die Kleinstteile werden getrennt und wiederverwertet.

Das Unternehmen bekommt die Fahrzeuge nicht nur von den Händlern, auch Privatkunden geben ihre Diesel-Pkw ab und bekommen je nach Zustand noch einige Hundert Euro zusätzlich zur Verwertungsprämie – Geld, das ihnen verloren geht, wenn sie die Fahrzeug-Rücknahme über einen Händler abwickeln.

VW zahlt bis zu 10.000 Euro für den Tausch Alt gegen Neu

Die meisten Selbstzünder, die bei Kiesow landen, stammen vom VW-Konzern mit seinen Marken Seat, Skoda und Audi. Der Hersteller wirbt mit einer attraktiven Prämie von bis zu 10.000 Euro für den Fahrzeugtausch und zahlt das Geld nur aus, wenn das alte Auto verschrottet ist. Das müssen die Kunden mit einem Verwertungsnachweis, den Kiesow ausstellt, nachweisen. So erreicht VW, dass die Schadstoff-Produzenten tatsächlich von den Straßen verschwinden.

„Die Umweltprämie wird gut angenommen. In den vergangenen Monaten haben wir rund 300 ältere Dieselfahrzeuge entgegengenommen“, sagt Bernd Glathe von Auto Wichert. Bei Weitem nicht alle kaufen einen modernen Selbstzünder, der die Abgasnorm erfüllen würde. Dafür entscheiden sich überwiegend Geschäftsleute und Handwerker, die 25.000 Kilometer oder mehr im Jahr zurücklegen. Die Kunden seien verunsichert. Durch den Verzicht auf einen Dieselantrieb sinke zwar der Anteil an Stickoxiden. Im Gegenzug verstärken Benziner aber den klimaschädlichen Ausstoß von Co2. In jedem Fall kauften die Kunden deutlich weniger Diesel-Fahrzeuge, die Quote sei auf 35 Prozent zurückgegangen und schrumpfe weiter.

Das belegen die Zahlen der Zulassungsstelle: Vom 1. September 2017 bis zum 31. Januar 2018 wurden 1192 Diesel-Fahrzeuge im Kreis Segeberg angemeldet, 595 weniger als im gleichen Zeitraum 2016/17. Aktuell entfallen damit knapp 36 Prozent der Zulassungen auf Selbstzünder. Von September 2016 bis zum 31. Januar 2017 registrierte die Behörde in Bad Segeberg noch 1787 neu zugelassene Diesel-Pkw gegenüber 1852 Benzinern. Das entspricht einer Quote von gut 49 Prozent.

„Bei uns ist die Rücknahme älterer Diesel-Modelle kein großes Thema“, sagt Philip Leuchtenberger vom Norderstedter Autohaus Stadac mit den Marken BMW und Mini. Wer Fahrverbote fürchte, könne sich für Leasing entscheiden und so das Fahrzeug zurückgeben.

„Viele Kunden sind verunsichert und wollen wissen, welcher Antrieb künftig Sinn macht. Dabei haben wir ein großes Interesse an Elektro-Fahrzeugen festgestellt“, sagt Peter Mularczyk vom Norderstedter Renault-Vertragshändler Lüdemann & Sens. Der batteriebetriebene Zoë sei sehr gefragt und habe momentan mehrere Monate Lieferzeit. Allerdings verkaufen er und seine Kollegen auch viele neue Diesel-Fahrzeuge. „Einige versuchen auch, ihre Autos auf dem freien Markt zu verkaufen, in der Hoffnung, einen Gewinn zu erzielen, der höher ist als die Umweltprämie“, sagt Mularczyk.

Er hält es für schwierig, Fahrverbote durchzusetzen. Die Polizei habe angekündigt, dass sie zu wenig Personal für Kontrollen habe. „Ich bin wiederholt mit Vorführwagen ohne die Zulässigkeits-Plakette in Innenstädten gewesen und noch nie überprüft worden“, sagt Mularczyk. Ob und wie sich Fahrverbote auf die Rückgabe von Diesel-Fahrzeugen, die die Abgasnorm nicht erfüllen, auswirken, sei kaum vorherzusagen. Darin sind sich Verwerter Kiesow und die Händler einig.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Norderstedt