Norderstedt
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Digital oder traditionell: Wer lernt besser?

Schüler der achten Klassen der Gemeinschaftsschule Harksheide recherchieren, lesen und üben im Wahlpflichtfach Nawi fast ausschließlich an ihren Tablets

Schüler der achten Klassen der Gemeinschaftsschule Harksheide recherchieren, lesen und üben im Wahlpflichtfach Nawi fast ausschließlich an ihren Tablets

Foto: Michael Schick / HA

Die Gemeinschaftsschule Harksheide startet einen Vergleichstest in zwei achten Klassen – ein einmaliges Projekt im Norden.

Norderstedt.  Noch mal raus und wieder rein – das Internet meutert, es braucht ein paar Versuche, bis alle Schüler drin sind. Übliche Stolpersteine auf dem Weg ins digitale Lernzeitalter. Dann aber blinkt auf allen Tablets die richtige Homepage auf, der Unterricht beginnt, papierloser Unterricht. 22 Schüler aus den vier achten Klassen lernen im Wahlpflichtfach Nawi so weit wie möglich mit und an Tablets, Ausdrucke und Kopien werden vermieden. In der Parallelklasse hingegen vermittelt die Lehrerin den gleichen Stoff nach herkömmlicher Art.

Am Ende des Schuljahrs wird ausgewertet und verglichen. „Wir wollen wissen, ob die Schüler mehr lernen, effizienter lernen, und welche Kompetenzen sie erwerben, wenn sie ausschließlich auf digitale Medien zurückgreifen“, sagt Schulleiter Rainer Bülck, der den Vergleichstest an der Norderstedter Schule als einmalig in Schleswig-Holstein bezeichnet. Die Gemeinschaftsschule Harksheide gehört mit dem Gymnasium Harksheide und der Willy-Brandt-Gemeinschaftsschule zu den drei Pilotschulen für das digitale Lernen in der Stadt.

„Noch gibt es nur wenige digitale Inhalte, auf die wir zurückgreifen können“, sagt Vroni Nitka, die Pädagogin ist Tablet-Pionierin, muss sich ihren Lernstoff im Internet zusammensuchen und hat für die aktuelle Stunde auf der Seite von kahoot ein interaktives Rätsel gefunden. Mit dem Quiz will die 28-Jährige ihre Schüler auf die Klassenarbeit zum Thema Ohr vorbereiten.

Zwei Jungen geben die Tablets vom Wagen an die Mitschüler aus, Samsung hat die Endgeräte spendiert; das Unternehmen hat auch das Projekt „Digitale Bildung neu denken“ aufgelegt. „Das bedeutet nicht, dass wir uns auf den Hersteller festgelegt haben. Wir arbeiten auch mit Apple-basierten Geräten“, sagt Mittelstufenkoordinator Stephan Kruse. Ausgeschlossen haben er und seine Kollegen eine Alternative, die von anderen favorisiert und vom Bildungsministerium akzeptiert wird: Das Nutzen des eigenen Handys, im Fachchinesisch als „Bring your own Device“ (BYOD) bekannt. „Da gibt es zu viele Sicherheitslücken, wir können den Datenschutz nicht garantieren“, sagt Schulleiter Bülck. Die Schüler dürfen ihre Smartphones zwar mitbringen, aber nicht benutzen. Zur Leihgabe von Samsung gehört ein Server für die Tablets, WLAN gibt es noch nicht überall. „Wilhelm.tel arbeitet daran“, sagt Bülck.

Punkte gibt es für die richtige und die schnellste Antwort

Auf dem Active Board, dem interaktiven Riesenmonitor vorne, wo früher die grüne Schiefertafel ihren Platz hatte, erscheint das Startbild. PIN eingeben, dann die Vornamen, fordert Lehrerin Nitka. Das Spiel beginnt, die erste Frage ploppt auf: „Warum braucht der Mensch zwei Ohren?“ Wie bei Günther Jauch sind vier Antworten vorgegeben, farblich unterschiedlich markiert. „Ihr müsst nur auf die eurer Meinung nach richtige Antwort tippen“, sagt die Tablet-Pädagogin. Ihr elektronischer Helfer gibt auch die Zeit für die Antwort vor, das richtige Ergebnis erscheint minutenschnell auf dem Bildschirm. „Die Schüler bekommen sofort die Rückmeldung, ohne dass die Resultate erst lange verglichen und korrigiert werden müssen“, sagt Nitka.

Außerdem zeigen Balken auf der modernen Tafel sofort an, wie viel Prozent der Schüler richtig oder falsch geantwortet haben und wer die Tabelle anführt – Punkte bekommen die Schüler für die korrekte Antwort und fürs Tempo. „Der Wettbewerb motiviert zusätzlich“, sagt Vroni Nitka, deren Rolle sich durch den digitalen Unterricht verändert. Sie sei nicht mehr die Entertainerin, die vorne steht, die Wissen häppchenweise weitergibt, abfragt und ständig gefordert ist. Wenn die Schüler PDF-Dokumente lesen, recherchieren und Aufgaben bearbeiten, gehe sie rum, könne individuell helfen, wandelt sich, wie Schulleiter Bülck sagt, zum Lernbegleiter von zunehmend selbstständig arbeitenden Schülern.

Nächster Lernschritt: Ein einfaches Erklärvideo zum Thema „Nordsee drehen, vom Fisch zum Fischstäbchen“. „Die Schüler müssen ein Drehbuch schreiben, sich überlegen, wie sie die Aufgabe visualisieren. Das wird wohl nicht gehen, ohne dass sie beispielsweise Fischkutter malen und ausnahmsweise doch mal Papier einsetzen“, sagt die Nawi-Lehrerin. Auch Playmobil-Figuren könnten zum Einsatz kommen, „die Jugendlichen stehen selbst nicht gern vor der Kamera“.

Schüler wollen auf Lern-Tablets nicht mehr verzichten

Für den Unterricht danach, der um das Fliegen kreise, gebe es ein fertiges Lernprogramm. „Wir werden beim nächsten schulinternen Entwicklungstag darüber sprechen, wie sich Lernstoff im Fach Nawi digital realisieren lässt und dabei wohl auch Unterstützung von Fachleuten im Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen bekommen“, sagt Schulleiter Bülck.

Für die Schüler ist das Fazit schon vor dem offiziellen Testende zum Abschluss des Schuljahres klar: Sie wollen auf die Lern-Tablets nicht mehr verzichten. „Damit ist das Lernen viel spannender als vorher“, sagt Mattis Evers. „Wir müssen nichts in Handschrift schreiben und sparen Kopierkosten“, sagt Jonathan Eckart. Und Mitschüler Julian Schuster meint, dass die Motivation zum Lernen mit den neuen Medien viel größer ist als bei der bisherigen Form des Unterrichts.