Norderstedt
Europa

Was ist aus der Freundschaft geworden?

Büchereileiter Ingo Tschepe vor der roten Telefonzelle, die Oadby and Wigston den Norderstedtern einst zum Geschenk machte

Büchereileiter Ingo Tschepe vor der roten Telefonzelle, die Oadby and Wigston den Norderstedtern einst zum Geschenk machte

Foto: Heike Linde-Lembke

Norderstedt ist mit vier europäischen Städten verschwistert. Mal ist die Beziehung nach wie vor sehr lebendig, mal ist sie eingerostet.

Das Schild am Ortseingang zeigt: Norderstedt hat vier Partnerstädte. Verschwistert hat sich die Stadt mit dem französischen Maromme, dem englischen Oadby and Wigston, dem niederländischen Zwijndrecht und dem estnischen Kohtla-Järve. Die ersten Bande knüpften Bürgermeister Horst Embacher und sein französischer Kollege Paul Vauquelin 1966, vier Jahre, bevor Norderstedt gegründet wurde. 1977 sprang Norderstedt über den Ärmelkanal und schloss die kommunale Ehe mit Oadby and Wigston, 1981 folgte Zwijndrecht, 1989 Kohtla-Järve.

Nachdem im Vorjahr Norderstedt und Maromme goldene Hochzeit gefeiert haben, jährt sich die Beziehung mit den britischen Freunden in diesem Jahr zum 40. Mal – Anlass für das Abendblatt zu recherchieren, wie lebendig der Austausch noch ist. Die ebenso knappe wie eindeutige Antwort von Kathrin Oehme: „Die Partnerschaft zu Oadby and Wigston ist quasi tot.“ Norderstedts Stadtpräsidentin ist Repräsentantin der Stadt, wenn es um Begegnungen mit offiziellem Siegel geht. Zum 25. Geburtstag des Partnervertrages, der im März 1977 auf der Insel und im Oktober im Norderstedter Rathaus feierlich besiegelt wurde und aus der bilateralen Beziehung mit Maromme ein Dreieck der europäischen Aussöhnung machte, sei noch eine Delegation aus dem Verwaltungsbezirk Oadby and Wigston in der Grafschaft Leicestershire in Norderstedt gewesen. Doch das sei das letzte Lebenszeichen gewesen, schon seit Mitte der 90er-Jahre sei die Beziehung allmählich eingeschlafen. „Es mag noch private Kontakte geben, aber von offizieller Seite herrscht Schweigen“, sagt Oehme.

Lange habe eine private Organisation die Städtepartnerschaft mit Leben gefüllt, doch als der Vorsitzende Ken Elles nicht mehr reisen konnte, sei der Kontakt abgebrochen. „Es gibt keine Stelle für die Verschwisterung im dortigen Rathaus. Und der Bürgermeister ist jeweils nur für ein Jahr im Amt und hat verständlicherweise keine Zeit, sich um die Beziehung zu Norderstedt zu kümmern. Da gibt es wichtigere Aufgaben“, sagt die Stadtpräsidentin. Sie habe die Briten immer wieder eingeladen, auch zur 50-Jahr-Feier mit Maromme, aber nie eine Antwort bekommen.

Dennoch sind die Norderstedter täglich mit der britischen Partnerstadt konfrontiert: Geblieben sind ein Straßenname, der so manchem Einheimischen kaum fehlerfrei über die Zunge geht: Die Oadby-and-Wigston-Straße ist im Volksmund auch als „Ostern-und-Pfingsten-Straße“ bekannt. Weiteres Relikt einer einstmals florierenden Beziehung ist die rote Telefonzelle – das Geschenk der englischen Freunde stand lange am Rande des Rathausplatzes und litt unter Vandalismus. Schließlich ließ die Stadt das Schmuckstück restaurieren, seit zweieinhalb Jahren fungiert die kultige Zelle als Büchertauschbörse in der Rathaus-Passage.

Auch auf den offiziellen Kanälen zu Zwijndrecht herrscht Funkstille, sagt Kathrin Oehme. Abseits davon aber geht es gar nicht still zu. Lauter wird es schon mal, wenn sich die Jugendfeuerwehren aus Norderstedt und der Partnerstadt nahe Rotterdam treffen. Dazu kommt es einmal pro Jahr, sagt Sabine Laubner, Jugendwartin der Norderstedter Feuerwehr. 25 bis 30 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren starten zum verlängerten Wochenende, üben gemeinsam, informieren sich über den Brandschutz und erkunden die nahen Großstädte.

Die jungen Niederländer übernachten im Feuerwehrtechnischen Zentrum an der Stormarnstraße, die Norderstedter in einem Pfadfinderheim. „Viele sind auch über Facebook befreundet und chatten regelmäßig“, sagt die Jugendwartin. Von der Stadt gebe es einen Zuschuss zum Austausch. Auch die Älteren stehen für eine funktionierende deutsch-niederländische Ehe: Zu jedem Oktoberfest in der „TriBühne“ reist eine feierfeste Feuerwehr-Delegation aus Zwijndrecht an. Zum 25. Geburtstag der Städtepartnerschaft im Jahr 2006 präsentierten Mitglieder des Norderstedter Kulturvereins Malimu in der holländischen Partnerstadt eine Ausstellung mit mehr als 50 Bildern. „Wir freuen uns besonders über den Austausch mit den Mitgliedern unseres befreundeten Kunstvereins Octo-Art“, sagte Manfred Thiel von Malimu damals. Doch inzwischen ist der Kulturkontakt abgebrochen. „Der Verein Octopus soll sich, auch aus Altersgründen, aufgelöst haben“, sagt Thiel.

Die längste Beziehung hingegen ist noch intakt, auch das Band zu Kohtla-Järve hält bisher. „Die Partnerschaft mit Maromme ist sehr gut gefestigt“, verkündet die Stadt auf ihrer Homepage. Besonders beliebt sei der Jugendaustausch für die 12- bis 17-Jährigen. Im Frühjahr kommen Marommer Jugendliche nach Norderstedt, im Herbst erfolgt der Gegenbesuch. Die jungen Gäste sind in Familien untergebracht, um möglichst realistische Eindrücke sammeln zu können. Der Verein Pro Maromme stützt die Beziehung, arbeitet eng mit der Stadt zusammen und organisiert Reisen für Erwachsene in die Partnerstadt in der Normandie, die mit knapp 14.000 Einwohnern deutlich kleiner ist als Norderstedt und, so Hagen Ilschner, Vorsitzender von Pro Maromme, mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen habe. „Die Reisen sind nach wie vor attraktiv“, sagt Ilschner, es gebe sogar eine Warteliste. 55 Mitglieder hat Pro Maromme, allerdings, so Ilschner, „fehlt der jugendliche Nachwuchs“. Das Verhältnis zu Kohtla-Järve ist geprägt von der Hilfe für die Menschen in Estland, von denen viele so arm sind, dass sie sich keine warme Mahlzeit oder Winterkleidung leisten können. 1989 wurde die Ehe zur baltischen Stadt, die etwa 180 Kilometer von der Hauptstadt Tallinn entfernt nahe der Ostsee liegt und rund 80.000 Einwohner hat, besiegelt. Eigentlich sollte es eine russische Partnerstadt sein. Kohtla-Järve war zu diesem Zeitpunkt Teil der Sowjetunion, und wurde so Städtepartner.

Estland wurde 1990 selbstständig, die Beziehung blieb und schließt Johvi, Kivioli und Püssi ein, Städte, die unter russischer Ägide eingemeindet waren und nach der Unabhängigkeit wieder selbstständig wurden.

Mehr als 30 Transporte mit Hilfsgütern schickten die Norderstedter nach Estland. 2003 stellte die Stadt die Hilfe in großem Stil ein. Um besonders Alte, Invalide und Kinder weiterhin zu unterstützen, gründete sich der Verein Freunde von Kohtla-Järve und Johvi und Umgebung, der 2015 mit der Bürgermedaille ausgezeichnet wurde. „Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Armut groß. Viele Menschen müssen mit 180 Euro Rente auskommen“, sagt die Vereinsvorsitzende Margot Bankonin. Alle zwei bis drei Jahre fährt eine Reisegruppe in den Baltenstaat, sieht sich die Hilfsprojekte und Sehenswürdigkeiten an und wird mit „enormer Gastfreundschaft bedacht“.

Die Norderstedter unterstützen die Tagesstätte mit Suppenküche und helfen einem behinderten Kind. Zudem haben sie in diesem Jahr eine Reise der Esten nach Stockholm finanziert und schicken regelmäßig Geld, damit sich die Menschen dort Winterkleidung und Bettwäsche kaufen können und Weihnachtspakete bekommen. Gut 15.000 Euro hat der Verein 2017 investiert, um den Partnern das Leben etwas angenehmer zu gestalten. Das Geld kommt durch Beiträge der 69 Mitglieder und durch viele Benefiz-Veranstaltungen zusammen.