Norderstedt
Wahlstedt

Kunst auf Küchenbrettern für den Frieden

Christopher Coltzau (46) zeigt in seiner Werkstatt einige Küchenbretter, die er bereits in Druckstöcke verwandelt hat

Christopher Coltzau (46) zeigt in seiner Werkstatt einige Küchenbretter, die er bereits in Druckstöcke verwandelt hat

Foto: Silvie Domann / HA

Der Wahlstedter Künstler Christopher Coltzau verwandelt die Bretter, die ihm aus der ganzen Welt gespendet werden, in Druckstöcke.

Wahlstedt.  Künstler Christopher Coltzau liebt epochale Werke. Über 18 Monate hat der 46-Jährige beispielsweise vor einigen Jahren an dem Bad Segeberger Totentanz – einem 20 Meter langen Wandbild – geschnitzt. Seit drei Jahren bearbeitet Coltzau nun schon Küchenbretter. Derzeit hat er in seiner Werkstatt 160 Holzbretter aus 32 Nationen, die er in Druckstöcke verwandelt. Sie dienen als Vorlage für seine tägliche Einblatt-Veröffentlichung, die „Cuttingboard Tribune“, die er in die ganze Welt verschickt.

„Homer hat die Irrfahrten Odysseus beschrieben, Vergil die von Aeneas. Auch ich habe meine persönliche Odyssee“, sagt Christopher Coltzau und deutet auf das Regal mit den Küchenbrettern. Die werden seine Stationen der Irrfahrt sein. 250 Bretter beziehungsweise Druckstöcke schweben ihm vor. Dann ist sein Großwerk ausstellungsreif, dann kann ein Buch mit den Motiven gedruckt werden – und dann wird Coltzaus eigene Odyssee beendet sein.

Vor drei Jahren war das gesamte Schnitzholz aufgebraucht. Eines Abends hielt seine Frau ein Küchenbrett in der Hand und fragte, ob das nicht auch ginge. Eine brillante Idee, denn Schneidebretter sind plan und gut als Druckstock zu gebrauchen. Die ersten Spenden aus der Nachbarschaft kamen, Bretter aus dem Ausland folgten. Coltzau schrieb Tischler und Hersteller von Küchenbrettern an, viele schickten ihm daraufhin Exemplare, auch fremde Menschen, die von seinem Projekt gehört hatten. „Hinter jedem Brett steckt eine Geschichte, auch wenn ich die Spender nicht persönlich kenne“, sagt der Wahlstedter.

Vom handtellerkleinen bis zum schweren Sushi-Brett ist alles dabei. Besonders berührt hat Coltzau das Brett aus Uganda. „Es ist eine totale Bereicherung für mein Projekt, ein Afrikaner spendet nach Europa“, sagt er und hält den Scheibenrohling aus Uganda in den Händen. Auch einige landestypische Eigenarten der Schneidebretter sind dem Künstler aufgefallen: Bretter in Herzform kommen aus England, deutsche Spender schicken gebrauchte, während US-Amerikaner neue und große versenden, häufig auch in Form ihres Heimatstaates.

Ein Großteil der Bretter ist bereits zu Druckstöcken geworden. Unterschiedliche Motivstationen hat der Künstler hinter sich: abstrakte Motive wegen der Internationalität, Menschenansammlungen wie beim Totentanz und nun eher wieder abstraktere Schnitzereien. „Wenn ich das Schnitzeisen in der Hand halte, dann denke ich nicht mehr. Die Klinge führt mich, das Schnitzen ist dann ein rein organischer Vorgang“, sagt er. Irgendwann sollen alle Bretter beidseitig mit Motiven übersät sein.

„Ich bin absolut dankbar für jedes Brett“, sagt Coltzau. Die ausländischen Bretter sind mit viel Geld verbunden, das Porto ist teuer, auch einige hochwertige Bretter sind dabei. Doch zusätzlich hat jedes Brett einen unermesslichen ideellen Wert für den Künstler. Denn eine besondere Botschaft verbirgt sich für ihn hinter den Brettern. „In unserer schnelllebigen Welt ist häufig die Küche der einzige Ort der Entschleunigung. Auf den Holzbrettern wird Obst und Gemüse geschnitten, Essen zubereitet, das anschließend gemeinsam gegessen wird – weltweit.“ Für Coltzau ist das ein kurzer Augenblick, um den eigenen Gedanken nachzuhängen und ganz bei sich zu sein, ein Moment des Friedens.

Vor eineinhalb Jahren kam Coltzau die Idee, seine Drucke zu veröffentlichen. „Die Arbeit wollte nach draußen, ich bin Druckgraphiker, ich kann publishen“, betont der Vater von fünf Kindern. Die geschnitzten Bretter sind sein druckgrafischer Beitrag zu Völkerverständigung und Frieden. So begann er, täglich seine Flugschrift, die „Cuttingboard Tribune“, in sieben- bis neunfacher Auflage zu drucken. Häufig sind es mehrere Druckstöcke neben- oder übereinander, sodass zum Beispiel die Abdrücke eines russischen Bretts und eines amerikanischen Bretts die Botschaft „Shake hands“ kreieren. Gedruckt wird auf Papier-Einkaufstüten, die Coltzau gespendet bekommt.

Die Einblatt-Veröffentlichungen schickt er in die Welt hinaus. Jeder Druck bekommt ein Infoblatt mit Idee der „Cuttingboard Tribune“ und den Spendern von Brettern und Papier, getippt auf einer Wedgefield-Schreibmaschine von 1971 mit @ Zeichen; in Englisch und Spanisch. Der Druck wird dann zum Umschlag gefaltet und an den Seiten zugenäht. Das Porto bezahlt Coltzau über das Sammeln von Pfandflaschen, etwa drei Briefsendungen verlassen Wahlstedt wöchentlich.

Einige Galerien im Ausland haben Flugschriften gekauft

Die original internationalen Dokumente schickt Coltzau an die Spender von Brettern, Grafikgalerien und Zeitungsredaktionen weltweit. Stolz ist er darauf, dass etwa eine Handvoll Galerien in Australien und den USA Flugschriften gekauft haben und ausstellen. Die übrigen Flugschriften bündelt und sammelt Coltzau, sie werden später Bestandteil seiner „Odyssee“-Ausstellung sein. Auf etwa 4000 schätzt er diese Briefsendungen.

Die Flugschriften sind auf Insta­gram über Coltzaus Internetseite zu sehen. Anfang 2018 erscheint ein Artikel über sein Projekt in einem englischen Druckgrafikmagazin. Vielleicht geht dann Coltzaus Wunsch in Erfüllung, die fehlenden 90 Schneidebretter aus dem Ausland gespendet zu bekommen.

www.christophercoltzau.de