Norderstedt
NZ-Regional

Demokratischer Missstand

Es ist alarmierend, wenn in der fünftgrößten Stadt Schleswig-Holsteins mit annähernd 80.000 Einwohnern und 64.529 Wahlberechtigten gerade mal 24.570 gültige Stimmen bei der Oberbürgermeisterwahl zusammenkommen.

Man muss sich das einmal in absoluten Zahlen anschauen: 5626 Norderstedter sind der Auffassung, David Hirsch (CDU) sollte wichtigster Verwaltungsmann im Rathaus werden. Und knapp 300 mehr, nämlich 5939 wollen lieber die Kandidatin der SPD, Elke Christina Roeder an der Spitze sehen. Zu feiern gibt es da für die Kandidaten eigentlich nicht viel. Eher müssen sie sich selbstkritisch fragen, ob sie sich wirklich legitimiert fühlen, die Führung der Stadtverwaltung in einer Stichwahl unter sich auszumachen.

In der Analyse des Ergebnisses könnte man sagen, das komplette Bewerberfeld ist beim Wähler durchgefallen. Die besten haben gleichmäßig wenig, die anderen kaum Stimmen bekommen. Das würde aber voraussetzen, dass sich alle 64.529 Wahlberechtigten wirklich intensiv mit den Kandidaten beschäftigt haben. Es steht zu befürchten, dass dies noch nicht mal bei all jenen Wählern der Fall war, die ihre Stimme abgegeben haben. Die meisten wählten wohl nach Partei.

Wahrscheinlicher ist, dass die Kommunalpolitik in der Stadt einen erneuten Tiefschlag hinnehmen muss und wieder einmal vom Wähler bescheinigt bekommen hat, dass die Basisdemokratie vielen Bürgern relativ egal ist. „Was tangiert mich der Oberbürgermeister – der macht in meinem Leben keinen Unterschied!“ Solche Meinungen werden von ansonsten zurechnungsfähigen, aufgeklärten Menschen durchaus vertreten. Echt jetzt? Der Mann oder die Frau an der Spitze im Rathaus, der oder die – wenn es gut läuft – die Visionen und Ideen entwickelt, damit Stadtparks gebaut, Glasfasernetze verlegt, der Verkehr zeitgemäß geregelt und wichtige Wirtschaftsbetriebe in die Stadt gelockt werden, tangiert wie kaum ein anderer Politiker das Leben jedes einzelnen Menschen. Wenn dieser zur Wahl steht, sollte es erste Bürgerpflicht sein, sich zu informieren und seine Stimme abzugeben. Doch selbst die Politiker haben sich offenbar an den demokratischen Missstand gewöhnt. Unisono bezeichneten sie das Ergebnis am Wahlabend als das „erwartete“.

Anette Reinders sagte, dass es den Leuten in Norderstedt einfach gut gehe. Im Wahlkampf habe es wenig „Mecker“ gegeben, und viele hätten gesagt, sie wohnen hier gerne und wollen, dass sich nichts verändert. Wenn das der Grund dafür ist, dass nicht mehr gewählt wird, dann ist die demokratische Kultur in dieser Stadt wirklich auf den Hund gekommen.