Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Schwarzer Fleck auf der Weste von wilhelm.tel

Abendblatt-Mitarbeiter Frank Knittermeier nutzt die Zeit ohne Internet und Fernsehen, um ein dickes Buch zu lesen

Abendblatt-Mitarbeiter Frank Knittermeier nutzt die Zeit ohne Internet und Fernsehen, um ein dickes Buch zu lesen

Foto: Frank Knittermeier / HA

Wie ist es eigentlich, tagelang ohne Internet und Fernsehen auszukommen? Frank Knittermeier macht einen unfreiwilligen Selbstversuch.

Henstedt-Ulzburg.  Es ist wie es ist: Wir leben nun mal in einem digitalen Zeitalter, in dem das Internet den Takt vorgibt. Mehr oder weniger jedenfalls. Bei den Älteren eher weniger, bei den Jüngeren mehr. Ich zähle eher zur ersten Gruppe und konnte mir immer gut vorstellen, ohne auszukommen. Das war Theorie. Aber jetzt geht es in die Praxis – und siehe da: Harte Zeiten, so ganz ohne das weltumspannende Netz, zumal es ohne Internet auch keinen Fernsehempfang gibt. Das Telefon funktioniert auch nicht. Aber das nur nebenbei – wilhelm tel. hat sich für ein paar Tage verabschiedet. Breitbandkabel sauber durchtrennt. Das war Freitag. Am Dienstag lief immer noch nichts. „Das kann noch Tage dauern“, heißt es lapidar aus der Norderstedter Zentrale.

Ein dunkler Fleck auf der Weste des Unternehmens. 30 Haushalte in Hen-stedt-Rhen sollen betroffen sein. Wir sind dabei. Volltreffer also. „Ein Schande“, sagt mein Nachbar. „Das können die doch nicht machen.“ Können die doch. Auf Nachfragen gibt es nur lapidare Antworten, richtige Presseauskünfte erst nach hartnäckigem Bohren.

Einige Nachbarn sind am Boden zerstört

Der Nachbar hat ein paar alte Videos herausgekramt, um die fernsehlosen Abende zu überbrücken. Der 21-jährige David, ebenfalls aus der Nachbarschaft, schiebt Frust, seine Eltern sind am Boden zerstört. Ein anderer Nachbar, 80 Jahre alt, ist aufgeschmissen, weil er kein Handy hat und sich von der Außenwelt abgeschnitten fühlt. Er glaubt, dass die bei wilhelm tel. die ganze Sache nicht so ernst nehmen, weil es ja nur wenige betroffene Haushalte sind.

Dieses Gefühl ist nicht von der Hand zu weisen. Die Para-Klinik hat keine Probleme. Hätte sie die aber gehabt, wären vermutlich auch am Wochenende Reparaturtrupps unterwegs gewesen. Aber so – wir kleinen Kunden fühlen uns vernachlässigt. Aber sowas von. Georg Schlaikier vom Gräflingsberg überlegt sich, ob er Klage einreicht, weil er auf wilhelm.tel stinksauer ist. Wer sich genauer informieren will, gibt bei Google „BGH, AZ: III ZR 98/12“ ein und wird zu einem Urteil in Sachen Internetausfall geleitet. Geht natürlich nur, wenn das Internet wieder funktioniert.

Ich selbst bin ein begeisterter Leser und freue mich, dass es im Haus ruhiger ist als sonst: Kein Fernsehgerät läuft, keine Musik aus dem Netz. Aber ganz gelassen kann ich auch nicht sein: Die Hamburger Behörde für Inneres braucht von mir dringend Unterlagen, um eine Prüfung auf Kampfmittelbelastung durchzuführen (es geht um den neuen Gasanschluss eines Hauses). Die Flurkarte kann ich zwar scannen, aber nicht verschicken, weil: kein Internet.

Datenvolumen des Handys ist aufgebraucht

Eine Bühne will, dass ich schnell Presseunterlagen verschicke. Sorry, geht gerade nicht. Meine Ebay-Kleinanzeigen kann ich nicht verwalten, etwaige Anfragen nicht beantworten. Das Handy ist da nicht so hilfreich: Ich hatte nie geahnt, wie schnell das Datenvolumen aufgebraucht ist. Der Sohn muss fürs Studium ständig per Internet kommunizieren. Fehlanzeige. Dafür muss er zur nächtlichen Stunde aus dem Haus und anderswo andocken. Von den E-Mails möchte ich hier gar nicht erst anfangen.

Aber dann die rettende Idee (warum eigentlich erst nach vier Tagen?). Wir haben ja noch einen vom Urlaub geladenen Internetstick eines Discounters. Rein damit in den Laptop. Die Erwartung ist groß. Nichts rührt sich. Also wird die Hotline angewählt. Beim ersten Mal meldet sich ein genervter Mann, der ein paar Befehle ins Telefon bellt, dann, als ich perplex nachfrage, den Hörer aufknallt. Grandioser Service. Beim zweiten Anruf meldet sich ein netter Herr, der sogar in mein Konto guckt. Seine Antwort verblüfft mich: Die Internetverbindung sei zu schwach, da laufe per Stick zurzeit nichts – wilhelm. tel lässt grüßen. Doppeltes Pech also.

Der Facebook-Entzug ist zu verkraften und macht sich nicht gravierend bemerkbar. Nach zwei Tagen ohne wird mir klar, dass dort viel mit Schall und Rauch gehandelt wird. Froh bin ich, dass ich mir die überheblichen Kommentare einiger Henstedt-Ulzburger Politiker auf der Seite einer örtlichen Internetzeitung nicht ansehen kann. Fremdschämen fällt also erstmal aus.

Ich bin recht zuversichtlich, mein Buch in dieser Woche zu schaffen. Der Titel passt irgendwie: „Unterleuten“ von Julie Zeh. Zumindest per Internet bin ich gerade mal nicht unter Leuten.