Norderstedt
Kreis Segeberg

Thönnes: „Bahr war für mich ein Vorbild“

Nach 23 Jahren ist Schluss im Bundestag. Franz Thönnes zieht eine politische Bilanz und sieht entspannt in die Zukunft. Es gibt für ihn immer noch genügend Arbeit

Nach 23 Jahren ist Schluss im Bundestag. Franz Thönnes zieht eine politische Bilanz und sieht entspannt in die Zukunft. Es gibt für ihn immer noch genügend Arbeit

Foto: Frank Knittermeier / HA

Nach 23 Jahren verabschiedet sich Franz Thönnes aus dem Bundestag. SPD-Politiker zieht erfolgreiche Bilanz seines politischen Lebens.

Kreis Segeberg.  Die Nachricht erreicht ihn im Zug von Berlin in Richtung Ahrensburg: Der SPD-Infostand am Markt in Bargteheide wird zeitlich verlegt. Keine Eile also. Um 14 Uhr sollte Franz Thönnes eigentlich dort auftauchen, um für die SPD Wahlwerbung zu machen. Also zurücklehnen und die Zugfahrt entspannt genießen. Es ist ohnehin eine seiner letzten als Berufspendler: 23 Jahre hat der SPD-Politiker sein Leben zwischen dem Wohnort Ammersbek und den jeweiligen Berufsorten – zunächst Bonn, seit 1999 Berlin – aufgeteilt. Jetzt ist Schluss damit: Franz Thönnes tritt im Wahlkreis 8 (Segeberg/Stormarn-Mitte) nicht mehr an, zieht einen Schlussstrich und überlässt anderen das Feld. Die Zeit als Bundestagsabgeordneter ist abgelaufen. Am 16. September wird er 63 Jahre alt – Zeit zurückzublicken und Zeit, es etwas ruhiger angehen zu lassen.

Jetzt sitzt Franz Thönnes entspannt in der Alten Rader Schule und genießt seinen Cappuccino. In diesem Lokal hat er schon häufiger gesessen, manchmal auch gefeiert oder im Wahlkampf Station gemacht. Zum Beispiel 1998, als er seinen Wahlkreis direkt gewann. Für das Gespräch mit dem Abendblatt kann er sich Zeit nehmen, der Termindruck ist nicht mehr so groß sie früher. Von Bargteheide wurde der Termin kurzfristig hierher verlegt. „Sie werden es nicht glauben, auch als scheidender Abgeordneter habe ich noch Termine“, sagt Thönnes und lacht dabei verschmitzt. Natürlich ist er noch immer ein gefragter Mann. Das wird auch so bleiben, wenn der nächste Bundestag zusammentritt und der Ammersbeker nicht mehr dabei ist.

Die letzte Rede im Bundestag hielt Franz Thönnes im Juni

Noch gibt es sein Büro im Paul-Löbe-Haus, direkt gegenüber vom Bundeskanzleramt. Noch hat er seine kleine Wohnung in Berlin. Alles ist in Auflösung begriffen. Vergangene Woche noch diskutierte Franz Thönnes mit einer Besuchergruppe im Parlamentsgebäude. Aber der Countdown läuft: Die letzte Rede im Bundestag hielt er Ende Juni und musste danach viele Hände schütteln. Darin ging es um den Antrag der SPD, „die östliche Partnerschaft der Europäischen Union entschlossen zu gestalten und konsequent umzusetzen“.

Ein wenig wehmütig war es schon – das letzte Mal am Rednerpult. Wie viele Reden es in 23 Jahren Bundestag waren, weiß der SPD-Politiker heute nicht mehr. Irgendwo in den Bundestagsarchiven ist das festgehalten, aber leidenschaftlich und kämpferisch ist er dabei bis zuletzt geblieben: „Am Anfang war ein bisschen Demut dabei, als Abgeordneter im Plenum zu sprechen, im Laufe der Jahre hat sich natürlich eine gewisse Routine eingespielt.“ Dass oft nur wenige Abgeordnete in den Reihen sitzen, hat ihn nie gestört, weil er weiß, dass die eigentliche Arbeit und die eigentlichen Entscheidungsprozesse hinter den Kulissen ablaufen. Denn immerhin: Wer immer auch hier am Rednerpult steht, spricht im höchsten deutschen Parlament. Jedes Wort wird für die Ewigkeit dokumentiert.

Franz Thönnes war kein Hinterbänkler im Bundestag. Sein Wort hatte in den vergangenen Jahrzehnten Gewicht. Er erinnert sich noch genau an einen bedeutsamen Telefonanruf im Jahr 2001. Der Abgeordnete aus Ammersbek, damals sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, saß im Taxi, als sein Fraktionsvorsitzender Peter Struck ihn per Handy erreichte und die entscheidende Frage stellte: „Franz, willst du stellvertretender Fraktionsvorsitzender werden?“

Von 2002 bis 2005 war er parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, von 2005 bis 2009 parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Arbeit und Soziales.

Franz Thönnes war am politischen Gestaltungsprozess beteiligt, Mitglied der Regierung, Vertreter der Ministerin oder des Ministers. „Mit Ulla Schmidt konnte ich gut“, sagt der SPD-Politiker. Bundeskanzler Schröder hat Thönnes als „ergebnisorientierte Persönlichkeit“ während der Kabinettssitzungen wahrgenommen. Heute billigt er ihm das Recht zu, für sich privat zu entscheiden, ob er für den russischen Energiekonzern Rosnet tätig wird. Er sagt aber auch deutlich: „Ich würde es nicht machen.“ Im Gespräch mit Franz Thönnes tauchen immer wieder Namen von politischen Persönlichkeiten auf, die ihn beeindruckt haben. Am häufigsten fällt wahrscheinlich der Name Egon Bahr, der für ihn vor allem auch deshalb ein Vorbild war, weil er seiner Ansicht nach nicht dem Schwarz-Weiß-Denken verfallen war. Willy Brandt war für ihn natürlich eine prägende Persönlichkeit. „Er war für mich entscheidend für meinen persönlichen Einstieg in die Politik.“ Von Olof Palme hat er gelernt, dass Politik keine Beliebigkeit sein darf. „Es muss immer eine Linie vorhanden sein.“ Der schwedische Politiker hat Franz Thönnes so sehr inspiriert, dass er als SPD-Vorsitzender im Kreis Stormarn vor 30 Jahren den Olof-Palme-Friedenspreis ausschrieb.

Über die Gewerkschaftsarbeit kam Thönnes zur Politik

Hinterlässt Franz Thönnes Spuren, hatte er die Chance nachhaltig zu wirken? Die Welt hat der SPD-Politiker vielleicht nicht verändert, aber er hat Weichen gestellt, die manchen Menschen das Leben vielleicht ein bisschen erleichtern. Und das ist mehr, als manch anderer von sich sagen kann. Er selbst denkt an das Thema Inklusion von Menschen mit Behinderungen, das nicht zuletzt durch sein Wirken in der Gesellschaft angekommen ist. „Das erfüllt mich etwas mit Stolz“, sagt Franz Thönnes. „Wir sind aber noch nicht fertig damit. Da sind noch zu viele Barrieren in manchen Köpfen.“ Auch am Job-AQTIV-Gesetz war er als Politiker maßgeblich beteiligt. Ziel des Gesetzes ist es, Arbeitslosen schneller und mit mehr Qualifizierung die Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. „Das haben wir gut hinbekommen.“

Narben hat er auch davongetragen. Die nicht ausreichende Stimmenzahl zur Neuwahl als SPD-Landesvorsitzender hat wehgetan. Nach 14 Jahren ist das Überwunden.

Franz Thönnes hat sich seit seiner Lehrzeit als Industriekaufmann für andere Menschen eingesetzt. Als Jugendvertreter hat er angefangen, über die Gewerkschaftsarbeit ist er zur Politik gekommen. Deshalb ist für ihn klar, dass er die Hände jetzt nicht in den Schoß legen wird – zumal seine Ehefrau ebenfalls Zeit ihres Lebens politisch aktiv war und ist. Klar ist, dass er und seine Frau mehr gemeinsam unternehmen werden: Gemeinsam kochen, segeln, reisen und vieles mehr. Aber da bleiben immer noch viele Aktivitäten, die wichtig sind: Er bleibt Co-Vorsitzender der norwegisch-deutschen Willy-Brandt-Stiftung, er hat die Patenschaft für die Egon-Bahr-Fellowship-Stiftung für junge deutsche und russische Politiker übernommen, er ist im Beirat der Kal­tenkirchener Tausendfüßler-Stiftung, im Kuratorium der Tafel-Stiftung Hamburg/Schleswig-Holstein. Als ehrenamtlicher Begleiter sorgt Thönnes für die Friedrich-Ebert-Stiftung mit dafür, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften in der Ukraine für die Marktwirtschaft fit zu machen. Er wird als Redner an deutsch-russischen Seminaren teilnehmen. Und er wird seine durch die Politik entstandenen Freundschaften pflegen. Die SPD-Außenpolitiker Niels Annen und Gernot Erler gehören dazu. Gerd Andres, wie Thönnes einst auch Staatssekretär beim Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, kennt er seit seiner Zeit als Jugendvertreter und ist somit ein „Freund fürs Leben“.