Norderstedt
Kreis Segeberg

Das Handwerk sucht dringend Nachwuchs

Marcel Brademann (20) schließt im nächsten Jahr seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker Sanitär Heizung Klimatechnik ab

Marcel Brademann (20) schließt im nächsten Jahr seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker Sanitär Heizung Klimatechnik ab

Foto: Michael Schick

1000 freie Lehrstellen im Kreis Segeberg. Mangel an Azubis herrscht bei Friseuren, Anlagenmechanikern und Elektronikern.

Kreis Segeberg.  Sein Opa war Klempner und verantwortlich für den Berufswunsch von Marcel Brademann: „Ich habe ihm immer zugeguckt und wusste schon in der siebten Klasse: Das ist genau mein Ding“, sagt der Tangstedter. Und so kam es auch. Nach zwei Praktika während der Schulzeit und dem Hauptschulabschluss begann der heute 20-Jährige seine Ausbildung zum Klempner, der heute allerdings Anlagenmechaniker Sanitär, Heizung und Klimatechnik (SHK) heißt, bei Stapelfeldt Haustechnik in Norderstedt – ein Gewinn für beide. Der Azubi hat noch immer Spaß und findet die Arbeit abwechslungsreich, der Betrieb kann sich seinen Nachwuchs selbst heranbilden. Das ist nicht selbstverständlich: „In dieser Branche haben es die Firmen schwer, Lehrlinge zu finden“, sagt Anja Schomakers, Sprecherin der Handwerkskammer Lübeck.

Die Arbeitsagentur Elmshorn bestätigt das: Unter den Top Ten der unbesetzten Ausbildungsplätze rangiert der Anlagenmechaniker SHK auf Platz sieben (s. Info-Kasten). „Der Einsatzbereich ist sehr breit gefächert und stellt schon deswegen relativ hohe Anforderungen an die Lehrlinge“, sagt Hendrik Stapelfeldt vom gleichnamigen Fachbetrieb. Hinzu kommt, so die Sprecherin der Handwerkskammer, dass sich in der Sparte genau wie bei den Elektrikern viele Betriebe tummelten und schon dadurch der Bedarf an Azubis hoch sei.

Anders stelle sich die Situation bei wenig vertretenen Berufen wie Bootsbauern und Segelmachern dar. Da gebe es meist ausreichend Bewerber, junge Leute, die ganz gezielt nach diesen Lehrstellen suchten. „Die Ausbildungsbereitschaft im Handwerk ist nach wie vor sehr hoch. Die Betriebe benötigen Fachkräfte und möchten diese auch selbst ausbilden“, sagt Günther Stapelfeldt, Präsident der Handwerkskammer Schleswig-Holstein, und Seniorchef im Norderstedter Betrieb.

Das Handwerk hat die Talsohle durchschritten

Insgesamt habe das Handwerk aber die Talsohle durchschritten. Seit zwei Jahren verzeichne die Kammer steigende Lehrlingszahlen. Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres am 1. August zieht das Handwerk eine positive Zwischenbilanz. Bei den Handwerkskammern Lübeck und Flensburg waren Ende Juni 3497 neue Lehrverhältnisse eingetragen. Das sind 140 mehr als im Vorjahr, ein Plus von 4,2 Prozent. Die Handwerkskammer Lübeck meldet 2256 Verträge, 57 mehr als 2016.

Auch die Zahl der Abiturienten steigt. „Jahrelang lag der Anteil bei unter zehn Prozent, jetzt sind es 14,5 Prozent“, sagt Anja Schomakers. Sie führt den „Silberstreif am Horizont“ auf die Werbeoffensive zurück. Seit 2010 läuft die bundesweite Imagekampagne. „Dass es 130 Berufe und Aufstiegsmöglichkeiten gibt, Studium und Ausbildung kombiniert werden können, ist bei Weitem nicht allen Jugendlichen bekannt“, sagt die Kammer-Sprecherin. Das Handwerk werbe in den Schulen und sozialen Medien, kümmere sich gezielt um Studienabbrecher. Dennoch melden die Handwerkskammern Lübeck und Flensburg noch 1000 unbesetzte Ausbildungsplätze in mehr als 50 Berufen. „Jugendliche, die noch eine Lehrstelle suchen, haben noch gute Chancen, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden“, sagt Stapelfeldt (www.hwk-luebeckde, www.hwk-flensburg.de).

Auch die Zwischenbilanz der Industrie- und Handelskammer fällt positiv aus: Die Kammern Flensburg, Kiel und Lübeck haben 6588 Ausbildungsverträge eingetragen, 219 oder 3,44 Prozent mehr als 2016. „Das ist ein gutes Ergebnis zur Jahresmitte. Offensichtlich nutzen mehr junge Menschen die guten Chancen, die sich ihnen bei einer Ausbildung in unseren Betrieben bieten“, sagt Friederike C. Kühn, Präsidentin der IHK Schleswig-Holstein, aber: Fast ein Drittel der Unternehmen konnte im Vorjahr die Ausbildungsplätze nicht besetzen.

Viele Betriebe arbeiteten intensiv an ihrem Marketing, um neue Bewerbergruppen zu erreichen. Dazu gehörten außer Studienaussteigern auch vermehrt Abiturienten, denen mit einer Ausbildung und höherer Berufsbildung viele Karrieretüren offen stünden. In der IHK-Lehrstellenbörse (www.ihk-lehrstellenboerse.de) stehen mehr als 1700 offene Ausbildungsplätze.

In Norderstedt gibt es mehr freie Stellen als Bewerber

Nach wie vor ist im Kreis Segeberg kein Rückgang an Schulabgängern festzustellen. Seit vorigem Oktober haben sich 1535 junge Segeberger bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur Elmshorn gemeldet, 104 mehr als im Jahr zuvor. 630 sind noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Demgegenüber stehen 1390 Lehrstellen, 21 weniger als 2016. 619 sind noch unbesetzt. Norderstedt stabilisiert seine Sondersituation: Nach wie vor gibt es hier mehr Stellen als Bewerber. Die Unternehmen bieten 537 Ausbildungsplätze an, 18 mehr als im vorigen Jahr. 399 Jugendliche wollen ins Berufsleben starten, 155 haben noch keine Stelle.

Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen. Thomas Kenntemich, Leiter der Arbeitsagentur Elmshorn, wünscht sich sowohl von den Jugendlichen als auch von den Arbeitgebern mehr Flexibilität: „Die Jugendlichen sollten sich nicht auf ihren Wunschberuf fixieren, sondern für Alternativen offen bleiben, mobil sein und mit Interesse und Engagement auf die Unternehmen zugehen.“ Die Unternehmen sollten noch mehr vermeintlich schwächeren Jugendlichen eine Chance geben. Dabei hilft die Arbeitsagentur mit zusätzlichem Unterricht und sozialpädagogischer Betreuung und hat dafür Programme wie die Assistierte Ausbildung oder Teilzeit-Ausbildung aufgelegt.