Norderstedt
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Politik streitet um sozialen Wohnungsbau

Sollte die Stadt Norderstedt selbst für günstige Wohnungen sorgen, oder dies der privaten Wirtschaft überlassen?

Foto: Christian Charisius / dpa

Sollte die Stadt Norderstedt selbst für günstige Wohnungen sorgen, oder dies der privaten Wirtschaft überlassen?

Frage, ob die Stadt Norderstedt selber günstige Wohnungen bauen soll, wird zum Politikum. Laut Prognose fehlen 4500 Sozialwohnungen.

Norderstedt.  Fakt ist: Wer wenig Geld hat, der findet in Norderstedt kaum mehr bezahlbare Wohnungen. Prognosen sagen, etwa 4500 davon fehlen in der Stadt. Dass 550 geförderte Wohnungen derzeit in Norderstedt gebaut oder geplant werden, reicht nicht aus, um den Bedarf zu befriedigen.

Weil die private Bauwirtschaft Sozialwohnungen als nicht lukrativ einstuft und kaum mehr bauen will, soll die Stadt als Bauherr einspringen – sagen zumindest Politiker der SPD und der Linken in der Norderstedter Stadtvertretung. Eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft würden sie gerne gründen. Doch für die CDU und die FDP ist dieser staatliche Eingriff in den freien Markt ein No-Go. Und für den scheidenden Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote ist die Gesellschaft quasi ein rotes Tuch. Er hält die Idee für unverantwortlich, nicht finanzierbar und in einigen Aspekten nicht vereinbar mit dem Kommunalrecht.

Baugesellschafts-Besuch von Linken und SPD initiiert

Entsprechend war es fast schon ein Eklat, dass kürzlich im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr der Geschäftsführer einer existierenden städtischen Wohnungsbaugesellschaft vor der Politik referierte, dass es nicht stimmt, was Grote und die Gegner dieser Idee sagen. "Da kommt immer das Totschlagargument, wonach die private Wirtschaft das alles besser kann, und die Verwaltungen sagen immer, dass dies alles nicht geht", sagte Marcus Prang von der Wohnraumentwicklung Geesthacht (WoGee). "Aber wenn der soziale Wohnraum nachweislich fehlt, dann ist die Kommune in der Pflicht, dafür zu sorgen. Und das kann sie mit einer städtischen Baugesellschaft tun. Das ist nur eine Frage des Willens."

Den Besuch von Prang im Ausschuss hatten die Befürworter von den Linken und der SPD initiiert. Sehr zum Missfallen von Grote, der Prang im Vorfeld sogar anrief, um ihm dies mitzuteilen. "Schade, dass er heute nicht in der Sitzung dabei ist", sagte Prang im Ausschuss. "Ich habe gerade Hamburgs Olaf Scholz zum Thema Wohnungsbau reden gehört. Bei dem ist das Thema Chefsache. Davon hätte ich Grote gerne berichtet."

In Geesthacht sei die Baugesellschaft ein Erfolg

Den Politikern im Ausschuss berichtete Prang dann, dass in der Stadt Geesthacht in den letzten fünf Jahren vor der Gründung der WoGee gerade neun Sozialwohnungen neu entstanden waren. "Skandalös wenig", sagt Prang. Also gründete die Stadt 2013 die WoGee als Kommanditgesellschaft. Als Sacheinlage bekam die Gesellschaft 40 Gebäude der Stadt Geesthacht überschrieben, insgesamt 167 Wohnungen und sieben Gewerbeeinheiten, meistens in heruntergekommenen Mehrfamilienhäusern aus der Zeit zwischen 1900 und 1930.

Die WoGee riss ab, baute neu und aus, sanierte und modernisierte den Bestand. Nun sind die Wohnungen in der Masse für 5,65 Euro je Quadratmeter auf dem Markt, manche auch für bis zu 9 Euro. Etwa 1 Million Euro Miete werden erwirtschaftet, die momentan komplett für die Sanierungsmaßnahmen draufgehen. "Die Politik erwartet keine Ausschüttungen von uns. Was nicht bedeutet, dass wir in zehn bis 15 Jahren nicht auch Gewinn abwerfen wollen", sagt Prang. Überall, wo in Geesthacht Neubauten entstehen, mischt die WoGee anteilig mit. 36 Wohnungen hat sie schon gebaut, Hunderte mehr sollen es werden.

Gegner zeigen sich von Alternativen wenig überzeugt

Was das Mieterklientel angeht, will Prang den Norderstedtern nichts vormachen. "Etwa 50 Wohnungen werden von der Stadt Geesthacht mit ehemals Obdachlosen belegt. Insgesamt haben wir weder den Arzt, noch den Polizisten. Aber immer noch eine gute, bürgerliche Klientel."

Ob die Norderstedter das Modell Geesthacht übernehmen könnten, wollte Prang nicht beantworten. "Ich weiß es nicht. Sie müssen tief einsteigen in die Materie, den Wohnungsmarkt analysieren. Die Zahlen in Norderstedt klingen doch gar nicht so schlecht. Vielleicht brauchen sie so eine Gesellschaft nicht. Wenn doch – es ist möglich."

Unbeeindruckt zeigten sich die Gegner der Idee. "Geesthacht und Norderstedt lassen sich nicht vergleichen", sagte Peter Holle, CDU-Stadtvertreter. Er teilte wohl eher die Meinung von Axel Vogt, dem Leiter der Städtebauförderung der Investitionsbank Schleswig-Holstein, der gemeinsam mit Prang erschienen war. Im Gegensatz zu Prang hält er die Übertragung von Grundstücken und Häusern von der Stadt auf eine Wohnungsbaugesellschaft juristisch für schwierig. Außerdem, so Vogt, könnten Städte auch Grundstücke kaufen und günstiger an Bauherren abgeben – unter der Bedingung, dass Sozialwohnungen entstehen. Vogt. "Das könnte der schnellere Weg zum Ziel sein."

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