Norderstedt
Kreis Segeberg

Zahlen viele Gastronomen Dumping-Löhne?

Die Gewerkschaft NGG warnt, dass der Mindeslohn in Kneipen und Restaurants nicht eingehalten wird

Foto: NGG Lüneburg

Die Gewerkschaft NGG warnt, dass der Mindeslohn in Kneipen und Restaurants nicht eingehalten wird

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) fordert mehr Kontrollen in der Gastronomie. Der DEHOGA bestreitet die Vorwürfe.

Kreis Segeberg.  8,84 Euro. So viel müssen Köche, Kellner oder Aushilfen im Gastgewerbe seit 2017 mindestens verdienen in der Stunde. "Und ich sag mal: Da muss einer schon schön blöd sein, wenn er unter diesem Tarif in der Gastronomie arbeitet und sich ausbeuten lässt", sagt Lutz Frank. Er ist der Wirt der Turmschänke in Seedorf und Vorsitzender des Deutschen Hotel und Gaststättenverbandes
(Dehoga) im Kreis Segeberg. Er selbst hat 35 Mitarbeiter in seiner Turmschänke. "Zur Hälfte fest und als Aushilfen", sagt Frank. "Und ich habe hier keinen Koch, der nicht 13 oder 14 Euro in der Stunde verdient. Nur bei den Schülern, die hier mal aushelfen, da gehe ich mal unter den Mindestlohn – und das ist auch in Ordnung so."

Lutz Frank ist regelrecht auf der Zinne, seit die Gewerkschaft Nahrung- Genuss-Gaststätten (NGG) Front macht gegen angebliches Lohn-Dumping in den Gaststätten. Die Gewerkschafter behaupten, dass die Köche und Kellner des Landes nicht von der Einführung des Mindestlohns profitieren, dass also hinter dem Herd und am Tresen immer noch viel zu oft zu wenig bezahlt werde.

Und das mache sich zwar im Geldbeutel der Beschäftigten bemerkbar, nicht aber in den Dienstplänen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des für den Kreis Segeberg zuständigen Hauptzollamtes in Itzehoe. Die Zollfahnder, so die NGG, würden schlicht viel zu selten die etwa 386 Betriebe der Gastro-Branche im Kreis prüfen. "Der Zoll muss seine Kontrollen dringend ausweiten", sagt Silke Kettner, Geschäftsführerin der NGG in Hamburg. "Je stärker der Zoll kontrolliert, umso mehr steigt das Risiko für Arbeitgeber, bei Tricksereien erwischt zu werden. Die Politik hat den Mindestlohn per Gesetz vorgeschrieben. Jetzt muss sie endlich dafür sorgen, dass er überall eingehalten wird."

Beim Hauptzollamt in Itzehoe teilt man diese Auffassung nicht. Restaurants, Imbisse oder Hotels stünden zwar regelmäßig im Fokus der FKS. Aber eben nicht so oft wie andere "anfällige" Branchen, in denen Angestellte und Aushilfen das weitaus größere Risiko haben, unter dem Mindestlohn und ohne Sozialversicherung beschäftigt zu werden. "Die Erfahrungen aus den zurückliegenden Jahren haben aufgezeigt, dass nicht zwingend eine quantitative Steigerung der Prüfungen zu einer erhöhten Aufdeckung von Mindestlohnverstößen führt", sagt Bernd Nissen, Sprecher des Hauptzollamtes. "Je umfangreicher sich einzelne Prüfungen gestalten, desto weniger Prüfungen können in Summe durchgeführt werden."

Der Arbeitsbereich der FKS des Hauptzollamts Itzehoe erstrecke sich entlang der Westküste Schleswig-Holsteins bis zur A 7. Zahlen gibt es nur für den kompletten Bereich, nicht aufgeschlüsselt für den Kreis Segeberg. Insgesamt prüften die Kontrolleure im letzten Jahr 708 Arbeitgeber auf Schwarzarbeit, Lohn-Prellerei und Betrug bei der Sozialversicherung, davon waren 148 Betriebe aus dem Gastgewerbe. Wegen Verstößen gegen den gesetzlichen Mindestlohn verhängten sie dabei Bußgelder in Höhe von 24.000 Euro und leiteten 33 Ermittlungsverfahren ein – zwölf davon im Gastgewerbe. Für Silke Kettner von der Gewerkschaft NGG ist das alarmierend. Sie fordert mehr Kontrollen und mehr Personal für die FKS.

"Mich haben sie auch schon kontrolliert – alles war in Ordnung", sagt Lutz Frank. "Und ja, es gibt natürlich die schwarzen Schafe in unserer Branche. Aber die Gewerkschaft soll den Ball bei dem Thema mal ganz flach halten. Die müssen mal die Realität anerkennen." Und in dieses Realität gebe es weitaus weniger Halsabschneider unter den Gastronomen, als es die NGG der Öffentlichkeit Glauben machen will. Vielmehr müsse sich heute jeder Wirt bemühen, fähiges und gutes Personal zu halten. "Ich bin als Wirt doch absolut in der Pflicht, gut zu zahlen. Sonst laufen mir die guten Mitarbeiter doch weg", sagt Frank. Bei den geringfügig Beschäftigten, den Aushilfen, da sei das Brutto egal. "Die wollen nur wissen, was sie am Ende auf der Kralle habe. 9,50 bis 10 Euro zahle ich da." Die Situation der Festangestellten müsse getrennt davon gesehen werden. Bei 9 Euro brutto blieben denen unter dem Strich nur 6 Euro netto. "Davon kannst du dir weder ein Auto noch eine Wohnung leisten", sagt Frank. Für ein gutes Betriebsklima mit einer guten Mannschaft, die motiviert arbeitet und bleibt, müsse man ordentliche Löhne zahlen. Lutz Frank: "Betriebe, die nicht mal den Mindestlohn zahlen wollen, überleben nicht lange." Da brauche es keinen Druck von der Gewerkschaft oder dem Zoll. Das regelt der Markt schon selbst.

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