Norderstedt
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Hilfe, wenn Männer zu Hause Prügel beziehen

Hiebe statt Liebe: Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, ist das immer noch ein Tabuthema

Hiebe statt Liebe: Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, ist das immer noch ein Tabuthema

Foto: Bodo Marks / picture alliance / dpa-tmn

Hohe Dunkelziffer: Therapeut Thomas Karrasch hilft in der Norderstedter Beratungsstelle „Männersache“ Opfern von häuslicher Gewalt.

Norderstedt.  „Ich halte sie fest, was soll sie mir schon tun? Ich bin doch der Starke!“ Wenn es um Gewalt in der Partnerschaft geht, ist das gesellschaftliche Bild klar – Männer sind die Täter, Frauen die Opfer. Der Psychologe Thomas Karrasch arbeitet als Gewalttherapeut für Männer – und zeichnet ein völlig anderes Bild: „Nahezu die Hälfte der Gewalttaten im häuslichen Bereich geht von Frauen aus. Das wird aber weder in der Gesellschaft akzeptiert, noch wird es von den Männern selbst ernstgenommen. Sie lächeln es weg, unterdrücken ihre Gefühle und bezahlen einen hohen Preis dafür“, sagt Karrasch und verweist auf eine Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2011. Er selbst berät und therapiert Männer, die gewalttätig sind beziehungsweise selbst Gewalt erfahren haben seit 17 Jahren. Seit Anfang 2016 Jahres leitet der Experte in Norderstedt die eigens gegründete Beratungsstelle „Männersache“, die von dem Diakoniewerk getragen wird.

Beratung von Männern für Männer – das ist das Motto von Karrasch. Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Vertreter des „starken“ Geschlechts sich eher einem Mann gegenüber öffnen, vor allem wenn es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Männlichkeitsbild geht. In den knapp anderthalb Jahren, seit Karrasch in Norderstedt arbeitet, sind viele gekommen, die gewalttätig sind. Dass manche von ihnen auch Opfer von häuslicher Gewalt sind oder waren, werde oft erst im Gespräch thematisiert. „Männer geben die eigene Verletzlichkeit nicht zu, nach dem Motto ,Ein Indianer kennt kein Schmerz’“, sagt der Therapeut. Von dem natürlichen Umgang mit Schmerzen hätten sich Männer am meisten entfernt. Karrasch: „Was passiert, wenn sich jemand an der Hand wehtut? Nun: Ein Kind schreit, kommuniziert den Schmerz und wartet auf Hilfe. Eine Frau sagt ,Aua’ und versorgt die Wunde. Ein Mann hingegen haut auf den Tisch und ruft ,Scheiße!’“ Wer Verletzbarkeit nicht wahrnimmt, neige häufiger zu Gewalt, warnt der Psychologe: „In der Öffentlichkeit sind Männer häufiger als Frauen sowohl Opfer als auch Täter von Gewalt. Das sind keine zwei Themen, sie gehören zusammen.“ Angst, Trauer, Scham und Hilflosigkeit gelten als unmännlich, haben aber trotzdem eine Wirkung, so Karrasch. „Wenn man sie unterdrückt, kippt das irgendwann. Sie werden zu Ärger und Wut umgemünzt.“

Der Männerpsychologe erkennt diese Muster immer wieder in Therapiesitzungen mit gewalttätigen Männern. „In den Anfangsjahren der Gewalttherapie stand die Opferberatung im Vordergrund. Es wurde aber immer deutlicher, dass die Täter auch therapiert werden müssen.“ Oft sind Täter und Opfer dieselbe Person. „Ich begleite einen Mann in seiner Absicht, sich zu verändern. Solidarität und Empathie sind dabei die Voraussetzungen für erfolgreiche therapeutische Arbeit.“ Er halte sich dabei grundsätzlich zurück, stelle aber immer wieder Fragen. „Ich frage, damit sich die Männer die Antwort sagen hören“, so Karrasch. Das Ziel sei dabei nicht, dass er den Mann versteht, sondern dass der Mann sich selbst versteht.

Das Männlichkeitsbild sei aber nicht nur in den Köpfen der Männer verwachsen, es mangle auch an gesellschaftlicher Akzeptanz. Rufe ein Mann bei der Polizei an, weil er von der Partnerin geschlagen wurde, lachten ihn die Polizisten oft aus, sagt Karrasch. „Nur ganz wenige Männer wagen es, die Opferrolle anzunehmen. Und diejenigen, die das tun, müssen leider oft die Erfahrung machen, dass sie als Opfer nicht ernstgenommen werden“. Bevor er die „Männersache“ in Norderstedt aufgebaut hat, arbeitete der Therapeut in Hamburg oft mit der Polizei zusammen und gab Vorträge zum Thema häusliche Gewalt. In persönlichen Gesprächen gäben Polizisten zu, dass eine große Unsicherheit herrsche, sie wüssten nicht, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollen.

Männer werden oft nicht ernstgenommen

Männern, die Opfer häuslicher Gewalt werden, rät Karrasch in erster Linie dazu, die Situation nicht hinzunehmen. Man müsse Grenzen deutlich machen. Bringe das nichts, solle man die Beziehung beenden. Auf keinen Fall soll aber das Opfer selber zu körperlicher Auseinandersetzung übergehen. „Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt. Wenn ein Mann zehnmal von der Partnerin geohrfeigt wurde, ist eine Ohrfeige von seiner Seite auf keinen Fall gerechtfertigt. Es legitimiert nichts“, betont der Therapeut. Man müsse sich auch von dem Gedanken trennen, dass es „normale“ Gewalt gebe. „Wenn mir jemand in der Kneipe Bier über die Hose schüttet, kann es nicht als normal gelten, sich draußen zu prügeln.“

„Auch Indianer kennen Schmerzen“ – das ist die Botschaft von Thomas Karrasch. Doch sie reden im Alltag nicht darüber – mit der „Männersache“ hat Karrasch dafür einen Ort in Norderstedt geschaffen.

„Männersache“: Die Norderstedter Beratungsstelle am Hermann-Löns-Weg 9 ist telefonisch unter der Rufnummer 040/357 778 11 zu erreichen.