Norderstedt
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Im Kreis Segeberg wird zu wenig geimpft

Dr. Svante Gehring startete Ende 2016 eine Impfkampagne

Dr. Svante Gehring startete Ende 2016 eine Impfkampagne

Foto: Andreas Burgmayerr / HA

Nach Erhebung der Krankenkassen sind nur 79 Prozent der Zweijährigen in der Region ausreichend gegen die Masern geschützt.

Norderstedt.  79 Prozent der Zweijährigen im Kreis Segeberg sind vollständig gegen Masern geimpft. Das geht aus aktuellen Abrechnungsdaten der Krankenkassen hervor, die sich auf das Jahr 2015 beziehen. Damit liegt der Kreis unter dem Landesschnitt, der bei 80,3 Prozent liegt. Als vollständig geimpft gilt, wer seine Masernimpfung ein zweites Mal auffrischen lässt. Für Dr. Svante Gehring vom Norderstedter Hausarztnetz (HANN) sind diese Zahlen bedenklich: „Die Zweitimpfung ist genau so wichtig wie die erste Impfung.“ Die Zweitimpfung soll Kinder erreichen, deren Immunsystem nach der ersten Impfung keinen ausreichenden Schutz aufgebaut hat.

Zwar steigt diese Zahl seit Jahren kontinuierlich an – 2004 lag sie noch bei 40 Prozent. Doch trotz eines veränderten Impfbewusstseins konnte sich die Infektion ausbreiten, 2014 kam es zu einer Masernwelle in Bad Segeberg. Insgesamt wurden dem Kreisgesundheitsamt 26 Masernfälle gemeldet, darunter 16 Erwachsene. 13 Personen wurden im Krankenhaus behandelt, Schüler in Trappenkamp mussten vor dem Betreten der Schule ihren Impfausweis vorzeigen. Die Nachricht sorgte bundesweit für Aussehen, denn noch wenige Jahre zuvor galt die meldepflichtige Krankheit als weitgehend „zurückgedrängt“. Um die vermeintliche Kinderkrankheit auszurotten, müssten nach allgemeinem Forschungsstand 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.

Zwar holen viele Eltern die Zweitimpfung nach. Doch der bestmögliche Impfzeitpunkt liegt noch vor dem zweiten Geburtstag, wie Dr. med. Sigrid Ley-Köllstadt vom Deutschen Grünen Kreuz betont. Aber auch bei Sechsjährigen aus dem Kreis Segeberg wurde die Impfung gegen Masern nur in 93 Prozent aller Fälle aufgefrischt und die Quote zur Ausrottung der Krankheit somit verfehlt. Die Weltgesundheitsorganisation hatte sich eigentlich zum Ziel gesetzt, die Infektionskrankheit bis zum Jahr 2015 auszurotten.

Auch viele alte Menschen haben „Impflücken“

Doch nach wie vor gibt eine ernst zu nehmende Anzahl von Impfverweigern - wie beispielsweise Karin Rieper. Die Heilpraktikerin aus Bad Segeberg steht dem Impfen äußert kritisch gegenüber. Die Kinder der 75-Jährigen sind zwar alle geimpft worden, aber: „Damals wusste ich das nicht besser. Heute würde ich das nicht mehr machen“, betont Karin Rieper. Das Kind einer früheren Nachbarin habe eine Behinderung aufgrund von Impfschäden bekommen, sagt sie. Und diese Erfahrung habe bei ihr zu einem Umdenken geführt – während ihrer Ausbildung zur Heilpraktikerin beschäftigte sie sich deshalb auch intensiv mit alternativer Impf-Literatur.

Eine gewisse Impfmüdigkeit nimmt Hausarzt Gehring schon seit Längerem wahr. Er hat deshalb Ende vergangenen Jahres eine Impfkampagne gestartet. „Das war ein voller Erfolg. In allen Praxen in Norderstedt und dem Umland ist das Interesse für das Impfen gestiegen. Plötzlich hatten viele Patienten ihren Impfausweis dabei“, sagt der Mediziner.

Die Kampagne wurde wissenschaftlich begleitet und deckte nach Gehrings Worten „erhebliche Impflücken“ bei chronisch Kranken und Heimpatienten auf. „Diese Patientengruppe ist die wichtigste, da Patienten in Altenheimen durch die Krankheiten tatsächlich sterben können.“ Gehring geht davon aus, dass die Erkenntnisse aus Norderstedt und der Region durchaus auf ganz Deutschland übertragbar sind.

Für Heilpraktikerin Rieper ist die Immunisierung dagegen mehr Fluch als Segen: „Das viele Impfen der Kinder braucht nicht mehr zu sein. Die Infektionskrankheiten, die es früher gab, gibt es heute nicht mehr“, sagt sie. Und dass diese Krankheiten zurückgegangen seien, liege eben nicht am Impfen, sondern an einer verbesserten Gesundheitsversorgung und vor allem am sauberen Trinkwasser. Im Übrigen habe sie beobachtet, dass Kinder, die nicht geimpft wurden und Mumps und Röteln hatten, einen riesen Entwicklungssprung machten. Gehring hält dagegen: „Die Lebenserwartung der Menschen steigt, wo Impfkampagnen durchgeführt werden. Und das gilt gerade auch für Länder, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.“

Er hat anlässlich seiner Kampagne nachgefragt, woher die Widerstände gegen das Impfen eigentlich kommen. Er sagt: „In den 70er-Jahren waren die Impffolgen gefährlicher als heute – und das steckt noch in vielen Köpfen fest. Aber auch beim Impfen hat die Wissenschaft in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht.“ Bei den Jüngeren verbreiteten sich die Impf-Ängste vor allem durch Berichte im Internet.“

Masernerkrankung kann tödlich verlaufen

Es kommt zwar nicht oft vor, aber eine Masernerkrankung kann auch heute noch – trotz des hohen medizinischen Standards – tödlich verlaufen. In Berlin kam es 2015 zu einer Masernerkrankung mit Todesfolge, 2016 starb ein Mädchen aus Hessen an einer Gehirnentzündung, verursacht durch die Spätfolgen einer Masernerkrankung. Und in Rumänien sind seit September 2016 17 Menschen an den Folgen einer Masernerkrankung gestorben.