Norderstedt
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Forderung: Morgens und abends muss Ruhe sein

Foto: Sven Hoppe / dpa

Kommunalpolitiker und eine Initiative kämpfen für weniger Fluglärm über Norderstedt und einen ungestörten Schlaf der Bürger.

Norderstedt.  Es muss über Norderstedt deutlich leiser werden. Um dieser langjährigen Forderung nach weniger Fluglärm einen neuen Schub zu verleihen, sind Kommunalpolitiker und die Norderstedter Interessengemeinschaft für Fluglärmschutz (NIG) aktiv geworden. Die SPD-Landtagsabgeordnete und Ortschefin Katrin Fedrowitz und Reimer Rathje, Fraktionschef der WiN in der Stadtvertretung, haben Flughafenchef Michael Eggenschwiler in einem persönlichen Gespräch deutlich gemacht, "dass die Belastung der Norderstedter Bevölkerung durch den Fluglärm zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität führt und teilweise gesundheitsschädlich ist". Unterstützt wurden die beiden von Schleswig-Holsteins Verkehrsstaatssekretär Frank Nägele.

Uwe Kühl von der NIG nutzte den Wahlkampfauftritt von Olaf Scholz (SPD) in Norderstedt, um Hamburgs Bürgermeister den Fluglärmreport der Umweltorganisation BUND zu überreichen und die Nord-SPD beim Wort zu nehmen. Die Sozialdemokraten werben mit dem Slogan "Mehr Gerechtigkeit für alle – wir machen das". Kühl sieht darin ein klares Gebot zur Rücksichtnahme auf die von Fluglärm betroffenen Bürger.

"Davon sind wir jedoch weit entfernt", sagt der Garstedter. Gerade für einen innerstädtischen Flughafen mit mehr als 100.000 fluglärmgeplagten Menschen müsse gelten, was der BUND in seinem Report verlangt: "Nachts ist Ruhe, Fairness für alle."

Acht von zehn Bürgern aus Hamburg und den betroffenen Umlandgemeinden nutzten den Flughafen, ohne selbst von Fluglärm betroffen zu sein. Das führe dazu, dass der öffentliche Druck, die Belastung nachhaltig zu reduzieren, bisher gering sei. Mit den nun veröffentlichten Fluglärmfakten will der BUND ein Umdenken einleiten. 2016 sei das lauteste Jahr seit 15 Jahren am Helmut Schmidt Airport gewesen. "Die besonders belastenden nächtlichen Flugbewegungen nehmen ebenfalls ständig zu", sagt Kühl.

Nur sechs Stunden Schlaf schädigen die Gesundheit

Die Regelung für die Betriebszeiten am Flughafen stamme aus dem Jahr 1971. Obwohl die Anforderungen an den Lärm- und Gesundheitsschutz seitdem deutlich gewachsen seien, die Lärmforschung neue Erkenntnisse gebracht und die Menschen allgemein stärker belastet seien, seien die Start- und Landezeiten nie angepasst worden. In der Praxis herrsche Ruhe nur zwischen 24 und sechs Uhr. "Nur sechs Stunden ungestörter Schlaf schädigen die Gesundheit erheblich ", schreibt der BUND.

Von 2011 bis 2016 sei die Zahl der Flüge zwischen 22 und 6 Uhr von 5155 auf 7235 gestiegen. Das Geschäftsmodell "Spätankünfte in Hamburg mitten in der Nacht" sei offensichtlich hoch lukrativ. "Hier muss der Senat massiv gegensteuern", fordert der Umweltverband, der vor allem die Billigflieger als nächtliche Störenfriede ausgemacht hat. Ryanair, Easyjet und Co seien für drei von vier Flügen zwischen 23 und 24 Uhr verantwortlich.

In diese Kerbe schlägt auch die Bürgerinitiative für Fluglärmschutz in Hamburg und Schleswig-Holstein (BAW): Von den zehn häufigsten Zuspätkommern seien acht Billigflieger. Dass fast jede dieser Airlines die Pünktlichkeitsoffensive unterzeichnet habe, spreche Bände. "Die Offensive ist nach einem Jahr total gescheitert", sagt BAW-Sprecher Martin Mosel.

Der Flughafen hält dagegen: Die Zahl der Flüge nach 23 Uhr sei von November 2016 bis März 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent gesunken. Im März seien trotz steigender Passagierzahlen nur 25 Maschinen in dieser Zeit gestartet und gelandet, 44 Prozent weniger als im März 2016. Etwa ein Drittel der März-Flüge nach 23 Uhr sei auf nur vier Verbindungen zurückzuführen. Wie mit der Pünktlichkeitsoffensive angekündigt, wolle der Flughafen gemeinsam mit Airlines und Behörden in jedem Einzelfall prüfen, wie sich die Situation verbessern lasse. "Auch in Zukunft werden wir intensiv daran arbeiten, die Verspätungen nach 23 Uhr so gering wie möglich zu halten und weitere Airlines für die Pünktlichkeitsoffensive zu gewinnen", sagt Flughafensprecherin Janet Niemeyer. Gerade seien Air France/KLM beigetreten.

Vier von fünf Maschinen nutzen Norderstedter Bahn

Fedrowitz und Rathje kritisierten besonders die Bahnbenutzungsregeln. Danach sollen Starts und Landungen in den späten Abend- und frühen Morgenstunden über Norderstedt abgewickelt werden. Im Sommer 2016 seien in diesen sensiblen Tageszeiten bis zu 82 Prozent der Maschinen über Norderstedt gestartet und gelandet. Die drei Hamburger Bahnen teilten sich die restlichen 18 Prozent.

"Der Flughafen hat uns zugesagt, die Start- und Landegebühren mit dem Ziel zu überprüfen, dass Starts und Landungen in den Zeiten zwischen 6 und 8 Uhr und zwischen 20 und 23 Uhr teuer und damit für die Fluggesellschaften unattraktiver sind als in den Kernzeiten", sagen Fedrowitz und Rathje. So hätten die Norderstedter zumindest morgens und abends mehr Ruhe. Die beiden Politiker wollen mit dem Flughafen in Kontakt bleiben und parallel das Gespräch mit der Hamburger Politik suchen.

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