Norderstedt
Harksheide

Initiative sucht Jobs für Flüchtlinge

Flüchtlinge lernen den Wiederaufbau von Häusern und die Arbeit mit einem Schweißbrenner

Flüchtlinge lernen den Wiederaufbau von Häusern und die Arbeit mit einem Schweißbrenner

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die Kirchengemeinde Harksheide ruft die Norderstedter Unternehmen auf, Ausbildungsplätze zu melden. Koordination ist wichitg.

Wenn man mit Flüchtlingen engen Kontakt hat, erlebt, wie frustriert sie vom Nichtstun in den Unterkünften sind, dann geht einem das mit der Hilfe zur Selbsthilfe eben nicht schnell genug. Hartmut Rothfritz ist pensionierter Diplomkaufmann, der sich dem Machen und nicht dem davon Reden verpflichtet fühlt. Jeden Mittwoch, zwischen 15 und 17 Uhr, begegnet er im Willkommen-Café der Kirchengemeinde Harksheide am Falkenberg Menschen aus alle Krisenregionen der Welt, die in Deutschland auf einen Neuanfang hoffen, auf Ausbildung, einen Job – eine Chance. Rothfritz fragt sie: „Was kannst du?“ Und wenn einer aus Eritrea dann sagt, dass er Busfahren kann und es sein Traum wäre, das auch in Deutschland zu tun, dann läuft Rothfritz eben los und sorgt dafür, dass zusammenkommt was zusammengehört, in jenem Fall eben ein Busunternehmen und der Mann aus Eritrea. Dutzenden, sagt Rothfritz, habe er so zu Praktika, Ausbildung oder Job verholfen. Gemeinsam mit Antje Mell, der Pastorin der Harksheider Gemeinde, will Rothfritz seine Norderstedter Initiative auf breitere Beine stellen. Die beiden rufen die Unternehmen der Stadt, die Handwerksbetriebe und ausbildenden Firmen zur Zusammenarbeit auf – ganz niedrigschwellig und unkompliziert. „Wir sitzen an der Basis, wir kennen viele Flüchtlinge und ihre Qualifikationen“, sagt Mell. Was fehlt, das seien Praktika, Ausbildungsplätze oder Jobs, die genau auf die Menschen passen. Mell und Rothfritz wollen Mittler sein zwischen Arbeitswelt und Flüchtlingsunterkunft.

Deutsch lernen? Am besten mit Kollegen im Betrieb!

„Wir haben hier Leute im Café, die warten seit zwei Jahren darauf, das etwas passiert“, sagt Mell. Die Sprachförderung haben sie hinter sich, sie sind bereit für die Integration auf dem Arbeitsmarkt. „Sie haben handwerkliche Fähigkeiten, die sie in ihren Heimatländern beruflich genutzt haben“, sagt Rothfritz. Für den Einsatz in Deutschland fehlt die qualifizierte Ausbildung. Mell und Rothfritz wollen wissen, welche Ausbildungsstellen in welchen Unternehmen oder Handwerksbetrieben in Norderstedt noch unbe-setzt sind. Unter den ihnen bekannten Flüchtlingen wollen sie dann passende Bewerber aussuchen. Das Ziel: Ausbildungsverträge zum 1. August 2017 abschließen.

Vermittlung ist gut, aber Koordination ist wichtig

Bei der Mehrheit der Flüchtlinge stehe die Sprachbarriere noch. Sie sind den sprachlichen Anforderungen der Berufsschule nicht gewachsen. Aber Rothfritz ist sicher, dass ihnen mehr damit geholfen sei, das Deutsch beim täglichen Einsatz in Praktika oder als Hilfsarbeiter zu erlernen als in Deutschkursen und über YouTube-Videos im Internet. Deswegen seien auch Firmen willkommen, die einen passenden Bewerber jetzt aussuchen und auf einen möglichen Ausbildungsbeginn im Sommer 2018 vorbereiten wollen – indem sie ihm als Helfer die Möglichkeit geben, bereits in den künftigen Lehrbetrieb Einblick zu bekommen und die Sprache im Alltag mit den deutschen Kollegen zu erlernen.

Rothfritz und Mell sehen ihre Initiative als Ergänzung zum Norderstedter Angebot arbeit-geben-in-norderstedt.de, das gemeinsam von der Agentur für Arbeit Elmshorn, dem Jobcenter im Kreis Segeberg, der Stadt Norderstedt und der Entwicklungsgesellschaft Norderstedt (EGNO) ins Leben gerufen wurde. Das Netzwerk der vier Partner bietet Unternehmen seit Mitte 2016 kompakte Informationen zur Beschäftigung von Flüchtlingen und möglichen Förderwegen, die vom Staat angeboten werden. Mit Alexander Stojimirovic bietet die Arbeitsagentur Elmshorn einen zentralen Ansprechpartner für alle Unternehmen.

Die Koordination der verschiedenen Player in der Flüchtlingsarbeit sei wichtig für die erfolgreiche Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit, sagt Anette Reinders, Sozialdezernentin der Stadt Norderstedt. Die Gründung der Gruppe sei auch eine Reaktion auf das erlebte Chaos in diesem Bereich gewesen. Sie sieht die Vermittlung von Flüchtlingen durch Initiativen wie die der Kirchengemeinde Harksheide differenziert: „Die Erfahrung zeigt, dass Flüchtlinge bei vielen Ausbildungs- oder Job-Angeboten erst einmal hier rufen, dafür ihre Integrations- oder Sprachkurse sausen lassen und dann am Ende bei den Unternehmen nicht durchhalten. Das darf natürlich nicht passieren.“ Natürlich habe niemand etwas gegen die Vermittlung eines für den Arbeitsmarkt verfügbaren Flüchtlings durch engagierte Bürger, die kontakte zu Unternehmen nutzen. Derartige Modelle der persönlichen Unterstützung von Flüchtlingen durch deutschen Ehrenamtler will die Stadt mit einem Mentorenprogramm unterstützen, das nach den Osterferien vorgestellt werden soll.

Die Initiative „Norderstedter Flüchtlinge in Ausbildungsplätze“ von Pastorin Antje Mell und Hartmut Rothfritz ist unter Telefon 040/53 00 83 71 (hartmut@rothfritz.com) oder 040/57 01 83 79 (antje.m.mell@kirche-harksheide.de) zu erreichen.