Norderstedt
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"Wer zu spät kommt, muss woanders landen"

Foto: Michael Schick

Hans-Joachim Hartmann, neuer Chef der Norderstedter Fluglärmgegner, fordert ein konsequentes Nachtflugverbot zwischen 6 und 22 Uhr.

Norderstedt.  Der Flughafen Hamburg weitet zum Sommer sein Streckennetz aus und bietet 14 neue Ziele an – ein Angebot, das bei der Norderstedter Interessengemeinschaft für Fluglärmschutz (NIG) auf Kritik stößt: "Das wird zusätzlichen Lärm und gefährlichen Ultrafeinstaub nicht nur für die Norderstedter, sondern auch für die Menschen in Quickborn und Hasloh bringen", sagt Hans-Joachim Hartmann, neuer Vorsitzender der NIG. Der 64-Jährige hat im November Hans Schwarz abgelöst. Schwarz, Mitgründer und langjähriges Sprachrohr der NIG, hat den Vorsitz aus Altersgründen abgegeben.

Die Expansion am Helmut-Schmidt-Airport stehe im Gegensatz zum Bemühen um den Lärm- und Klimaschutz. "Wir wollen den Flughafen nicht grundsätzlich infrage stellen, aber es geht nicht nur immer um Wachstum", sagt Hartmann. Der Norderstedter, der hier aufgewachsen ist und an der Memeler Straße in Garstedt lebt, kooperiert eng mit den Vorsitzenden der anderen Initiativen, die den Lärm aus der Luft vermindern und gerechter verteilen wollen. Inzwischen habe sich ein dichtes Netz gesponnen, der Austausch von Informationen und Meinungen klappe gut.

Daher teilt Hartmann auch die Kritik der Hamburger Fluglärminitiativen, die nicht nur die Ausweitung des Flugplans, sondern auch die "Selbstverständlichkeit" monieren, mit der der Flughafen die 14 neuen Ziele eingeführt habe. Die Stadt als Mehrheitseigner habe den versprochenen Interessenausgleich mit den Anliegern zugunsten einseitigen Wachstums fallen gelassen.

Als vorrangiges Lärmschutzsiel nennt Hartmann, Starts und Landungen am frühen Morgen und späten Abend zu reduzieren. Die Betriebszeiten müssten rigoros eingehalten, die Flüge ausnahmslos zwischen 6 und 23 Uhr abgewickelt werden. Verspätete Maschinen sollen nur noch im Notfall später starten oder landen können.

"Noch besser wäre, wenn der Flugbetrieb schon ab 22 Uhr ruhen würde", fordert der NIG-Chef und verweist auf Zürich, wo diese Regelung gelte und strikt eingehalten werde. Wer zu spät kommt, müsse woanders landen. "Schrecken die Menschen immer wieder aus dem Schlaf hoch, kann das die Gesundheit schädigen", sagt Hartmann. Dass der Lärm aus der Luft das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen und Depressionen erhöhe, sei wissenschaftlich belegt.

Der Flughafen habe zugesagt, die Zahl der Starts zwischen 6 und 7 Uhr langsam zu erhöhen. Doch ab 6 Uhr herrsche gleich Vollbetrieb einschließlich voller Lärmproduktion. Die NIG fordert zudem, dass die Flugzeuge an Sonn- und Feiertagen erst ab 8 Uhr abheben. Und: Die Starts und Landungen müssen gerechter verteilt werden. "Es kann nicht sein, dass wir Norderstedter deutlich mehr als die Hälfte der Starts hinnehmen müssen", sagt Hartmann. 58,50 Prozent seien es 2016 gewesen, einschließlich der Landungen nutzen 43 Prozent aller Maschinen die Norderstedter Bahn, knapp 70.000 waren es im Vorjahr.

Die Bahnbenutzungsregeln schreiben diese Verteilung vor, weil so weniger Menschen belastet seien als durch den Flugbetrieb über Hamburger Stadtgebiet. "Diese ungerechten Regeln sind 50 Jahre alt, und inzwischen wohnen auch in Norderstedt deutlich mehr Menschen", sagt der NIG-Chef. Die Bahn Richtung Alsterdorf wird nur zu 3 Prozent genutzt, "weil die Menschen dort eine starke Lobby haben".

Zwar hätten Flughafenchef und Airlines vor einem Jahr eine Pünktlichkeitsoffensive gestartet, um die Zahl der Flüge nach 23 Uhr zu verringern, aber: "2016 war das lauteste Jahr seit 2000, insbesondere für Norderstedt", sagt Hartmann. Die Zahl der verspäteten Flüge habe zugenommen. Der Flughafen hatte mitgeteilt, dass diese Zahl im Februar 2017 deutlich zurückgegangen sei, auch im November und Dezember 2016 hätten die Werte unter den Vorjahres- und Durchschnittszahlen gelegen. Der NIG-Chef hält wenig von Monatszahlen, aussagekräftig sei die Jahresstatistik, und da seien leider 774 Maschinen nach 23 Uhr gelandet, 112 mehr als 2015.

Doch nicht nur der wachsende Lärm macht Hartmann Sorgen. "Ultrafeinstaub in Flugzeug-Abgasen kann die Atemwege schädigen, Allergien, Bronchitis, Lungenkrebs und weitere schwere Erkrankungen hervorrufen", sagt der Ingenieur, der sein Geld als selbstständiger Handelsvertreter verdient. Der Feinstaub verteile sich in einem Umkreis von bis zu 18 Kilometern um einen Flughafen. Er könne nicht verstehen, dass Flugbenzin nicht besteuert wird.

Hartmann will die NIG, die 80 Mitglieder hat und zu den Keimzellen des Widerstands gegen Fluglärm zählt, attraktiver machen. Er denkt an einen Info-Stand im Herold-Center oder gemeinsame Aktionen mit dem BUND – die Umweltorganisation hat in Hamburg eine Volkspetition für ein konsequentes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr gestartet. Wenn 10.000 Unterschriften zusammenkommen, muss sich die Bürgerschaft damit befassen.

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