Norderstedt
Ausbildung

Kenneth Grothkops Traumberuf: Landwirt

Kenneth Grothkopf ist auf einem Bauernhof in Henstedt-Ulzburg aufgewachsen, jetzt lernt er selbst den Beruf des Landwirts

Foto: Frank Knittermeier / HA

Kenneth Grothkopf ist auf einem Bauernhof in Henstedt-Ulzburg aufgewachsen, jetzt lernt er selbst den Beruf des Landwirts

In Kisdorf absolviert der 18-Jährige aus Henstedt-Ulzburg sein zweites Lehrjahr. Später will er den elterlichen Betrieb übernehmen

Kisdorf.  Morgens, 8 Uhr. Am großen Esstisch in der Küche sammelt sich die Familie. Ingo Pingel-Schümann (46), seine Frau Babett (47), die Zwillinge (12) und deren Großmutter, Kenneth Grothkopf (18), Hofhund Rübe, ein Jack Russell: Frühstück mit allem Drum und Dran. Das ist nicht der Beginn eines Arbeitstages, sondern die erste Unterbrechung. Denn zumindest einige der Personen, die sich hier am Tisch versammeln, haben schon Stunden im Stall verbracht. Familie Pingel-Schümann führt an der Segeberger Straße in Kisdorf einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Kühen, Kälbern, Bullen und Ackerflächen, auf denen Weizen, Roggen, Mais und Ackergras gedeiht. Kenneth sitzt zwar mit am Familientisch, aber er gehört nur indirekt und auch nur für begrenzte Zeit dazu: Der Henstedt-Ulzburger absolviert eine landwirtschaftliche Ausbildung und erlebt auf dem Kisdorfer Hof gerade sein zweites Lehrjahr.

Die Zahl der Landwirte geht zurück, weil in den vergangenen Jahren immer mehr Bauern dem zunehmenden Kostendruck nicht standhalten konnten: Die Milchpreise waren lange im Keller, die Moral der Milchbauern sank tiefer und tiefer. Dennoch ist der Beruf des Landwirts so beliebt wie schon lange nicht mehr. Kenneth Grothkopf merkt es selbst: An der Berufsschule in Bad Segeberg sitzen mit ihm zusammen etwa 30 junge Leute in der Klasse; in der Parallelklasse sind es ebenso viele. Etwa 20 Prozent der Berufsschüler sind junge Frauen. Alle wollen in die Landwirtschaft und später vielleicht mal einen eigenen Betrieb führen. Jens-Walter Bohnenkamp, Kreisbauernvorsitzender aus Norderstedt, weiß, dass es viele junge Menschen in diesen Beruf zieht. 380 neue Lehrverträge wurden in Schleswig-Holstein aktuell abgeschlossen – so viele wie schon lange nicht mehr.

Aber warum zieht es so viele junge Leute in eine krisengeschüttelte Branche? Viele, so wie Kenneth auch, sind auf dem elterlichen Hof aufgewachsen und haben die Landwirtschaft praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Für ihn und viele andere ist es also undenkbar, einen anderen Beruf zu ergreifen. Aber etwa die Hälfte seiner Klassenkameraden hat diesen Hintergrund nicht: Sie stammen nicht vom Hof, wollen diesen Beruf aber trotzdem ergreifen. "Das Berufsspektrum ist sehr groß", sagt Kenneth Grothkopf, dessen Eltern in Henstedt einen Hof bewirtschaften, der schon 1526 erstmals urkundlich erwähnt wurde und seitdem immer im Familienbesitz war. "Es gibt viele Berufsfelder, auch wenn man später keinen eigenen Hof betreiben kann." Der Gedanke von der "Romantik auf der eigenen Scholle" und die Idee der Selbstverwirklichung mag bei der Berufswahl mancher auch eine Rolle spielen. Aber so romantisch ist es schließlich nicht, wenn die Arbeit im Stall schon um 5.30 Uhr beginnt – egal, ob die Sonne scheint, ob es stürmt oder schneit. Stallarbeit bedeutet: ausmisten, füttern, Hufe pflegen, melken. Bis zum Frühstück wird harte Arbeit geleistet. Dann geht es weiter mit allen Arbeiten, die auf einem Hof anfallen: ausbessern, düngen, Gülle fahren, später im Jahr die Ernte. Um 12 Uhr steht in der Küche das Essen auf dem Tisch, an dem wieder die ganze Familie Platz nimmt.

Für ein Jahr ist Kenneth bei den Pingel-Schümanns praktisch Familienmitglied mit eigener Einliegerwohnung. Dann geht es weiter: Das erste Lehrjahr hat der Realschulabsolvent im elterlichen Betrieb verbracht, das dritte wird auf einem Betrieb in Borstel absolviert. Auf diese Weise lernt er ein breites Spektrum der Landwirtschaft kennen. "Die Auszubildenden gehen von Betrieb zu Betrieb, das ist gut so", sagt Ingo Pingel-Schümann, der es vor Jahren ebenso gemacht hat. Er hat vor 17 Jahren den elterlichen Hof übernommen und hat seitdem schon neun junge Leute ausgebildet. Die Verträge für die nächsten zwei Jahre sind bereits unterschrieben. 650 Euro verdient ein Auszubildender in der Landwirtschaft im zweiten Lehrjahr, im dritten Lehrjahr sind es 750 Euro.

Der Weg von Kenneth ist vorgezeichnet: Nach drei Jahren macht er die Prüfung zum Landwirt, was mit der Gesellenprüfung gleichzusetzen ist. Dann folgt ein praktisches Jahr in Kanada, anschließend besucht er die Landwirtschaftsschule und wird staatlich geprüfter Wirtschafter, dann die höhere Landbauschule, die mit der Prüfung zum staatlich geprüften Agrarbetriebswirt, vergleichbar mit dem Meistertitel, abschließt. Probleme, das ist abzusehen, wird er nicht bekommen: Bei einem Berufswettbewerb im vergangenen Monat belegte Kenneth den zweiten Platz, der ihn zur Teilnahme beim Landeswettbewerb im April berechtigt.

Wenn er alle Scheine in der Tasche hat, kann Vater Volker Grothkopf ihn behutsam in die Führung des Familienbetriebs einarbeiten. Bis dahin hat Kenneth Grothkopf gelernt, wie ein landwirtschaftlicher Betrieb auch in schweren Zeiten zu führen ist. Schwester Carina (20) wird zwar nicht auf dem elterlichen Hof arbeiten, aber sie bleibt in der Branche: Sie studiert in Kiel Agrarwirtschaft.

"Mit all den Auflagen ist es schon eine Herausforderung", sagt Ingo Pingel-Schümann. "Es ist nur mit viel Optimismus und Energie zu schaffen." 2016 konnte er nur mit Hilfe eines Kredits überleben, der Gedanke an das Aufgeben gehört zum Alltag. Aber er hat einen starken Willen: "Ich habe etwas geschaffen, da darf man doch nicht so schnell aufgeben." In seinem landwirtschaftlichen Leben hat er gelernt, auch schlechte Jahre zu überbrücken. Kenneth kennt all diese Schwierigkeiten und Probleme, er lässt sich davon nicht abschrecken. "Landwirtschaft", da ist er sich ganz sicher, "macht einfach Spaß."

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