Norderstedt
Stadtentwicklung

Norderstedt-Mitte noch immer eine Baustelle

Foto: Frank Knittermeier / HA

Vor 34 Jahren schrieb Melanie von Lehe einen Beitrag über ihre Heimat. Als Erwachsene sieht sie die Stadt jetzt mit anderen Augen.

Norderstedt.  Der Wind weht durch die Straßenschlucht, die Sonne verschwindet langsam hinter den Bahnhofsarkaden. Melanie von Lehe sieht zu den zwei Kränen hinauf, die hinter dem Rohbau am Busbahnhof in den Himmel ragen. So ähnlich sah es hier vor 34 Jahren aus: Norderstedt-Mitte nimmt 1983 Gestalt an, das Rathaus ist im Bau, eine Brücke über das Moorbektal gibt es noch nicht. "Hier, hier in Norderstedt wird so viel verbaut, so viel verklebt. Beispielsweise in Norderstedt-Mitte, wieso nicht wenigstens da 'ne Lücke?" Das schrieb die zehnjährige Melanie damals, 1983. Heute entstehen die letzten Großbauten im neuen Norderstedter Stadtteil, die Firma Plambeck baut ein Wohn-und Geschäftshaus. Wenn sich die 44-jährige Melanie von Lehe heute in Norderstedt-Mitte umblickt, kommt sie zu einem nüchternen Ergebnis: "Charme ist etwas anderes", sagt sie.

Im Jahre 1983 hatte der damalige Verleger der Wochenzeitung "Heimatspiegel", Gerd-Willi Meincke, die Idee, Kinder der dritten und vierten Klasse der Grundschule Falkenberg ein "Lesebuch für alle Kinder und Erwachsenen dieser Stadt von sechs bis 100 Jahren" schreiben zu lassen. Die Grundschüler waren aufgefordert, in Gedicht- oder Aufsatzform über Norderstedt zu schreiben. Sie sollten aufschreiben, wie sie ihre Stadt sehen oder was sie sich wünschen. "Ich finde Norderstedt schön – oder" war der Titel dieser Broschüre, die mit Hilfe von einigen Norderstedter Unternehmen gedruckt werden konnte. Eingereicht wurden viele schriftliche Arbeiten, ein paar Zeichnungen und auch Fotos von der Grundschule Falkenberg, in der damals Ulrich Rohrwacher Schulleiter war.

Sie kannte das Areal noch mit größeren Erdbeerfeldern

Melanie von Lehe war damals so ziemlich die einzige, die ihren Gedichtbeitrag mit vollem Namen unterzeichnete. Seit 24 Jahren lebt sie in Hamburg, ist in Schenefeld als Schulpsychologin tätig, und besucht Norderstedt nicht mehr so oft. Aber immerhin hat sie im Laufe der Jahrzehnte erlebt, wie der neue Stadtteil im Herzen der Stadt gewachsen ist. Sie kannte das Areal noch, als es dort vor allem größere Erdbeerfelder gab. "Wo letztes Jahr man noch Erdbeer'n gesammelt, bald ist auch da schon alles verrammelt", schrieb sie in ihrem Gedicht. Heute sieht sie sich wehmütig um. "Es ist ja tatsächlich so gekommen."

Von Harksheide, wo sie in der Klaus-Groth-Straße mit ihren Eltern wohnte, bis zur heutigen Rathausallee war es für ein kleines Mädchen eine gehörige Strecke, die sie nicht jeden Tag zurücklegen konnte. Aber eindrucksvoll war es für sie doch, dass aus dem landwirtschaftlich geprägten Teil im Laufe der Jahre das Herz der Stadt wurde. Ein künstliches zwar, aber immerhin.

Der rote Klinker wirkt leider etwas künstlich

"Es ist wichtig, dass in Norderstedt ein Zentrum entstanden ist", sagt Melanie von Lehe. "Aber es ist eben kein gewachsenes Zentrum, das ist leider deutlich zu merken." Sie zeigt auf all die Gebäude mit dem roten Klinker. "Überall dieser rote Klinker, das wirkt leider etwas künstlich." Sehr funktionell sei Norderstedt-Mitte geworden.

Sie erinnert sich noch an die "ewige Baustelle" des Norderstedter Rathauses, das schließlich 1984 eingeweiht wurde. An den Rathausbrunnen, an deren Rand sie mit ihrem sechsjährigen Sohn Arvid Platz nimmt, hat sie eine besondere Erinnerung: Kurz nach der Einweihung des damals umstrittenen Brunnens mit der Regentrude hatte irgendjemand Waschpulver in das Brunnenwasser gekippt. "Die Folge war ein riesiges Schaumgebirge, das fanden wir Kinder damals natürlich großartig."

Nach 34 Jahren soll die Aktion wiederholt werden

Als Jugendliche war es für sie wichtig, dass die U-Bahn bis Norderstedt-Mitte fährt. Die Bauarbeiten hat sie erlebt, das Ergebnis leider nicht mehr. Als die U-Bahn schließlich eingeweiht wurde, war Melanie von Lehe schon von Norderstedt nach Hamburg-Altona gezogen. Heute kommt sie mit dem Auto nach Norderstedt, um zum Beispiel ihre Eltern zu besuchen.

"Als Kind war es für mich schön in Norderstedt, als Jugendliche habe ich die Stadt leider nicht mehr so prickelnd in Erinnerung."

Gerd-Willi Meincke, der Initiator der damaligen Schüleraktion, hat den Wandel in Norderstedt-Mitte hautnah miterlebt. Er wohnt seit vielen Jahrzehnten in seinem Haus direkt hinter dem Rathaus. "An die Erdbeerfelder kann ich mich natürlich auch noch erinnern", sagt der frühere Zeitungsverleger, der sich längst mit den Gegebenheiten in Norderstedt-Mitte arrangiert hat und die kurzen Wege zu den Behörden auch genießt.

Christian Behrendt hat den Stadtteil als Quartiersmanager ganz besonders im Blick. Er findet es interessant, wie Melanie von Lehe die Bauarbeiten des Stadtzentrums damals erlebt hat. Nach 34 Jahren möchte er diese Aktion wiederholen: Er hat die Idee, dass die heutigen Schüler, egal ob aus Grund- oder weiterführenden Schulen, Norderstedt-Mitte aus ihrer Sicht beurteilen. Sie können Zeichnungen, Collagen, Fotos oder ähnliches (keine Aufsätze) bis zu den Sommerferien bei ihm einreichen.

Der Quartiersmanager möchte die Arbeiten anschließend ausstellen, um sie möglichst vielen Norderstedtern zu zeigen. Dazu sollen dann die Zeichnungen, Gedichte und Aufsätze von 1983 als Kontrast zu sehen sein.

Als Belohnung für eingereichte Arbeiten stellt Quartiersmanager Christian Behrendt 20 Einkaufsgutscheine à 50 Euro bereit. Gerd-Willi Meincke, der als Hobby-Historiker die Entwicklung Norderstedts im Auge hat, begrüßt diese Aktion. "Mal sehen, wie die Kinder heute über ihre Stadt denken."

Melanie von Lehe wird sich diese Ausstellung zusammen mit ihrem Arvid auch ansehen. Zu ihrer alten Schule hat sie übrigens noch eine besondere Verbindung: Heute ist ihr Schwager Jens von Lehe dort Schulleiter.

Für den Malwettbewerb "Ich finde Norderstedt schön – oder" können Arbeiten bis zum Beginn der Sommerferien im Büro von Christian Behrend an der Rathausallee 19e (Eingang Itzehoer Versicherung an den Rathausarkaden) eingereicht werden.

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