Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Ein besonderes Haus für Menschen ab 50

Foto: Frank Knittermeier / HA

In Henstedt-Ulzburg haben der Bauverein Kaltenkirchen und der Verein "Gemeinsam-toHUs Wohnen" ein vorbildliches Projekt realisiert.

Henstedt-Ulzburg.  Im Gemeinschaftsraum ist Platz für jeden: Rote Tischdecken, ein Regal mit Gesellschaftsspielen, eine Küchenzeile. Dieser etwa 50 Quadratmeter große Raum ist das Herzstück eines Hauses, in dem sich Menschen wohl fühlen sollen, die nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht wirklich alt und bereits gebrechlich sind. Hier wird gesungen, gespielt, geklönt, gemeinsam gegessen, oder es werden gemeinsam besondere Sportereignisse verfolgt. Am Wöddelteich in Henstedt-Ulzburg ist ein ungewöhnliches Wohnprojekt mit Vorzeigecharakter entstanden: Der Bauverein Kaltenkirchen und der Verein "Gemeinsam-toHUs Wohnen 50 Plus" haben im Ortsteil Henstedt auf einem 1984 Quadratmeter großen Grundstück ein zweigeschossiges Gebäude mit 23 seniorengerechten und barrierefreien Wohnungen errichtet.

Für Doris Tachezy (71) war es sofort klar, als sie von diesem Projekt hörte: Dort will ich einziehen. Die Vorsitzende des Henstedt-Ulzburger Seniorenbeirates tat viel, um ihren Traum vom Leben im Alter zu verwirklichen. Sie engagierte sich im Verein und half mit, das ehrgeizige Projekt voranzutreiben. Jetzt lebt sie seit einigen Monaten genau dort, wo sich Henstedt-Ulzburg von einer seiner schönsten Seiten zeigt: Direkt im Herzen Henstedts mit Blick auf den Wöddelteich. Ihre 70 Quadratmeter große Wohnung hat zwei Zimmer und einen großen Balkon, der einer Dachterrasse gleichkommt. 595 Euro Miete (8,50 Euro pro Quadratmeter) zahlt sie für die barrierefreie Wohnung. Barrierefrei heißt in diesem Falle: Ein geräumiger Fahrstuhl, der auch für Liegendtransporte groß genug ist, führt in das Obergeschoss, die Flure sind so breit, dass sich auch zwei Rollstühle begegnen könnten, die Fenster der Wohnungen reichen bis zum Boden, sodass auch sitzend das gesamte Panorama genossen werden kann, das Bad hat keine Wanne, sondern ein Dusche.

Hier leben Menschen im Alter von 54 bis etwa 80 Jahren. Die meisten allerdings sind 60 bis 70 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt derzeit bei 69 Jahren. Zwölf der 23 Wohnungen sind öffentlich gefördert. "Das ist eine gute Mischung", findet Dorothee Köster, Vorsitzende des Vereins "Gemeinsam-toHUs Wohnen 50 Plus". Sie selbst ist 52 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einem Reihenhaus in Henstedt-Ulzburg. Aber irgendwann, da ist sie sich ziemlich sicher, wird sie auch in diesem Gebäude leben. Und das ist schließlich auch kein Wunder: Dorothee Köster ist der eigentliche Motor hinter diesem Projekt, das in ihren Augen auf wundersame Weise realisiert werden konnte.

Alles begann 2011 nach einem Vortrag der örtlichen Wählergemeinschaft Henstedt-Ulzburg (WHU) über Wohnformen im Alter. Das Wohnen im dritten Lebensabschnitt selbst aktiv gestalten, sich geborgen und aufgehoben fühlen und das für eine Miete, die auch für Normalbürger erschwinglich ist. Leben mit anderen, die füreinander da sind und freiwillig ihre Hilfe anbieten, ohne die eigene Selbstständigkeit aufzugeben. Es gibt viele, die von diesem Gedanken beseelt sind, doch nur wenigen gelingt es, ein solches Projekt in überschaubarer Zeit zu verwirklichen. Grundlage für die Verwirklichung war die Gründung des Vereins.

Viele Baugesellschaften und -genossenschaften fanden die Idee attraktiv, winkten wegen finanzieller Unwägbarkeiten jedoch ab. Letztlich fanden die Initiatoren im Bauverein Kaltenkirchen einen Partner, der in der Lage war, das Projekt tatsächlich auf die Beine zu stellen. Es war eine glückliche Fügung: Der damalige Vorstand hielt viel von der Idee und sorgte für die Finanzierung. Als kurz nach der Grundsteinlegung der Vorstand des Bauvereins ausgewechselt wurde und Streitigkeiten auch in der Öffentlichkeit ausgetragen wurden, stand das Wohnprojekt bereits auf sicheren Füßen. Ob es unter einem anderen Vorstand je so weit gekommen wäre? Dorothee Köster und Doris Tachezy mögen darüber nicht nachdenken.

Ein Bauträger war gefunden, ein Grundstück jedoch nicht. "Wir haben uns einige Grundstücke in Henstedt-Ulzburg angesehen, aber erst hier in Henstedt am Wöddelteich haben wir das ideale entdeckt", sagt Dorothee Köster. Es gehörte der ortsbekannten Familie Giese, die hier über Jahrzehnte einen Edeka-Laden betrieb. Als Paul Giese 2013 starb, verkauften seine Erben Haus und Sahnegrundstück an den Bauverein Kaltenkirchen. Es fügte sich alles zusammen: Zum ersten Mal gelang es einem Verein in Schleswig-Holstein, ein von ihm initiiertes Wohnprojekt dieser Art zu realisieren – und das innerhalb kürzester Zeit.

Wer einziehen will, muss sich selbst versorgen können

Bei der Gestaltung des Hauses hatten die Vereinsmitglieder viele Mitwirkungsmöglichten, die sogar bis zur Gestaltung der Hausfassade reichten. Heute läuft immer noch vieles über den Verein "Gemeinsam-toHUs Wohnen 50 Plus". Er führt zum Beispiel die Warteliste und hat das Vorschlagsrecht für künftige Mieter. Der Bauverein Kaltenkirchen prüft dann die finanziellen Möglichkeiten der potenziellen Mieter.

Für die 23 Wohnungen, deren Größe zwischen 46 und 79 Quadratmetern liegt, die alle Balkon oder Terrasse haben, können sich Personen bewerben, die körperlich und geistig in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Denn ein Alten- oder Pflegeheim ist diese Wohnanlage nicht. Das bedeutet: Wer etwa 55 Jahre alt ist, kann sich bewerben, wer bereits die 80 überschritten hat, sollte davon absehen. Genommen werden nur Vereinsmitglieder (zwei Euro Monatsbeitrag) und solche, die bereit sind, Genossen des Bauvereins zu werden. Der Genossenschaftsanteil ist vergleichbar mit einer dreimonatigen Mietkaution. Beides wird erst fällig, wenn eine Wohnung bezogen werden kann.

Auf der aktuellen Warteliste stehen etwa 30 Namen. Was allerdings nicht heißt, dass in der Praxis auch tatsächlich alle einziehen wollen, wenn es zum "Ernstfall" kommt. Doris Tachezy und Dorothee Köster haben festgestellt, dass die Ursprungs-Warteliste schnell abgearbeitet war, weil viele Interessenten sich bereits anderweitig orientiert hatten oder aus anderen Gründen doch nicht einziehen wollten oder konnten.

In den ersten Monaten nach dem Einzug hat Doris Tachezy festgestellt, wie gut das Leben hier funktioniert. Es gibt viele Gemeinschaftsaktionen, viele Bewohner beteiligten sich an einer gemeinsamen Silvesterfeier, es wird gemeinsam gekocht oder gegrillt, einmal in der Woche gemeinsam gesungen. Niemand ist verpflichtet, daran teilzunehmen, alles ist freiwillig. "Es haben sich hier schon Freundschaften entwickelt", sagt sie. "Wer etwas unternehmen möchte, hängt einen Zettel ans Brett. Das alles hat schon eine gewisse Eigendynamik angenommen." Dorothee Köster selbst bemüht sich als Vereinsvorsitzende auch, Gemeinschaftsaktionen zu initiieren. Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss kann auch für private Familienfeiern genutzt werden.

Infos: www.gemeinsam-tohus.de

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